DWS-Chef Klaus Kaldemorgen: „Die Inflation kann auf fünf Prozent steigen“

Klaus Kaldemorgen, Chef der Fondsgesellschaft DWS, über die Schwäche des Euro, die Gefhar einer Stagflation und über Aktien, die er in schwierigen Zeiten attraktiv finidet.

FORMAT: : Das gigantische 750-Milliarden-Paket zur Stabilisierung der Eurozone hat kurz die Märkte beruhigt. Danach gingen die Aktienmärkte und der Euro wieder auf Talfahrt. Wie beurteilen Sie das Paket?
Kaldemorgen: Das politische Statement war mächtig: Im europäischen Haus wird keiner hängen gelassen.

FORMAT: : Glauben Sie, dass auch in zehn Jahren noch alle Mitglieder der Eurozone an Bord sind?
Kaldemorgen: Ja. Man muss einmal die historische Dimension betrachten. Es hat 1.000 Jahre gebraucht, bis Deutschland und auch Europa dort sind, wo wir jetzt stehen. Wegen der aktuellen Probleme wird man das gerade errichtete europäische Haus nicht einreißen. Falls doch, würde es nicht wieder aufgebaut werden.

FORMAT: : Welchen Preis hat die Rettung?
Kaldemorgen: Mit dem Rettungspaket haben wir eine Art Schuldenunion gebildet. Dazu kommt, dass die Europäische Zentralbank, die bisher eine sehr harte geldpolitische Linie fuhr, diese verlassen hat. Wir haben unsere geldpolitische Stabilität auf dem Altar der europäischen Union geopfert.

FORMAT: : Was hat das für Folgen?
Kaldemorgen: Schon bisher sprachen die höheren US-Zinsen und das kräftigere Wirtschaftswachstum in den USA für einen stärkeren Dollar. Die jetzt getroffenen Maßnahmen schwächen den Euro weiter.

FORMAT: : Ist das so schlimm? Ist nicht ein schwächerer Euro eine willkommene Unterstützung der europäischen Exportwirtschaft?
Kaldemorgen: In der Tat ist ein festerer Dollar kein großes Problem. Deutschland kann damit sogar prima leben. Wir können weiter exportieren, und durch die schwache Währung verdienen wir auch noch mehr
daran. Nehmen wir einmal an, wir hätten noch die D-Mark. Man kann sich ausmalen, wie heftig jetzt die Mark und damit auch der Schilling in der Krise gestiegen wären und welche Konsequenzen der hohe Kurs für die Wirtschaft hätte.

FORMAT: : Dafür steigt jetzt aber die Inflation als Folge der höheren Rohstoffpreise und des stärkeren Dollars wieder spürbar. Dazu werden auch noch die Geldschleusen geöffnet. Wird die Teuerung ausufern?
Kaldemorgen: Die Grundvoraussetzungen für eine inflationäre Entwicklung sind gegeben. Wir werden zuerst Druck vonseiten der Rohstoffe bekommen. Dann werden Gebühren und Dienstleistungen teurer. Letzten Endes könnten wir in eine Phase der Stagflation wie in den Siebzigerjahren geraten, in der die Wirtschaft stagniert und die Inflation trotzdem hoch ist. Das ohnehin gebremste Wachstum wird sich weiter abschwächen, weil in ganz Europa die Budgets saniert werden müssen.

FORMAT: : Mit welchen Inflationsraten rechnen Sie in Zukunft?
Kaldemorgen: Ich glaube, dass die Teuerung 2011 zum Thema werden wird. Sie kann eine Dimension zwischen vier und fünf Prozent erreichen. Das ist zwar eine extreme Meinung, die von vielen Volkswirten nicht geteilt wird. Zahlreiche Vermögensverwalter sind aber ähnlich besorgt wie ich. Schließlich ist der größte Feind unserer Kunden die Inflation. Selbst drei bis vier Prozent nagen an der Altersvorsorge in einem Maß, das sich viele gar nicht vorstellen können. Darauf muss man sich bei der Veranlagung einstellen.

FORMAT: : Sie sind seit vergangenem Herbst verantwortlich für den neuen DWS Sachwerte, der als Mischfonds versucht, das Vermögen der Anleger zu erhalten. Ein wichtiger Bestandteil sind dort Goldminenaktien und Immobilien. Sind diese ein wirksamer Inflationsschutz?
Kaldemorgen: Gold wird immer wichtiger. Mir ist klar, dass Goldminen etwas anderes als Gold sind. Aber Rohstoff-
unternehmen sind so etwas wie ein Tresor, bei dem die Werte noch im Boden schlummern. Zugegebenermaßen wäre eine Stagflation nicht gut für Immobilien. Letztlich hängt der Wert der Objekte ja davon ab, wie viele Mieter man hat und welche Miete diese zahlen. Mit den richtigen Immobilien in guten Lagen kommt man aber sicher über die Runden.

FORMAT: : Bei den Papieren in Ihrem Weltaktienfonds DWS Akkumula sind Sie relativ stark in Europa zulasten der USA gewichet. Das hat zuletzt Rendite gekostet.
Kaldemorgen: Bei Aktien haben wir die Strategie, in defensive Werte zu gehen, die einen hohen Cashflow haben und hohe Dividenden ausschütten. Diese Ausschüttungen sind auch ein gewisser Schutz gegen die Infla-
tion. Unter diesem Gesichtspunkt findet man in Europa mehr Titel als in den USA. Im Akkumula sind zum Beispiel Versorger wie E.On, RWE oder GDF Suez hoch gewichtet, außerdem Royal Dutch Shell und die Deutsche Telekom. Einige Exportwerte könnten jetzt vom niedrigen Eurokurs profitieren, vor allem diejenigen, die Geschäfte in Asien machen. Um die Lücke beim Dollar zu schließen, halte ich im Fonds eine Dollar-Währungsposition.

FORMAT: : Was ist mit anderen Branchen?
Kaldemorgen: Ich sehe viele Sektoren wegen des schwachen Wachstums kritisch. Auch Banken meide ich. Irgendwo muss die Regierung ja neue Einnahmen generieren. Der Staat hat jetzt zum zweiten Mal den Banken geholfen und Risiken aus ihren Büchern genommen. Da hat die Politik sicher das Recht, eine Sonder-
steuer einzuheben.

FORMAT: : Der Akkumula hält weniger Aktien
von Schwellenländern als andere Weltaktienfonds. Ist nicht dort das Wachstum zu finden, das uns in Europa fehlt?

Kaldemorgen: Das ist unbestritten. Ich glaube aber, dass ich mir diese Dynamik billiger durch Exportunternehmen in Europa oder den USA einkaufen kann als über Titel aus den Emerging Markets. Dort ist die Wachstumsfantasie bereits in den Kursen eingepreist. Banken kosten im Schnitt das 2,5fache ihres Buchwertes. In den etablierten Märkten kann man Finanz-
institute mit dem einfachen Buchwert kaufen. Und ein Großteil der Titel in den Schwellenländern sind Finanzwerte. Auch taktisch würde ich im Moment eher die Finger von den Schwellenländern lassen.

FORMAT: : Warum?
Kaldemorgen: In China droht das Wachstum außer Kontrolle zu geraten. Die Zinsen könnten steigen, um die Entwicklung zu beruhigen – und das nicht nur in China. Dazu kommt, dass in Europa viele Aktien auf einem Niveau notieren, als ob es gar kein Wachstum mehr geben wird. Vielleicht braucht man das als Anleger auch gar nicht, wenn zum Beispiel eine Deutsche Telekom so viel ausschüttet, dass die Dividendenrendite acht Prozent erreicht. Das ist doch in der jetzigen Lage wunderbar. Zum Vergleich: Für deutsche Staatsanleihen bekommt man weniger als drei Prozent. Da bin ich short gegangen.

FORMAT: : Was macht man stattdessen im Anleihenbereich?
Kaldemorgen: Es macht Sinn, einen Mix aus Unternehmensanleihen und Euro-Staatsanleihen der „ehemaligen Wackelkandidaten“, wie man jetzt sagen kann, zu kaufen, die interessante Rendite-
aufschläge aufweisen. Natürlich muss man dann das Risiko beachten. Im DWS Sachwerte halten wir inflationsgeschützte Anleihen. Das ist ein hinreichender, wenn auch kein perfekter Schutz vor Inflation. Die Zinsen dieser Anleihen hängen vom Verbraucherpreisindex ab, in dem viele Inflationstreiber nicht richtig berücksichtigt werden.

Interview: Martin Kwauka

Zur Person
Klaus Kaldemorgen, 56, ist Sprecher der Geschäftsführung der DWS, der Fondstochter der Deutschen Bank, und gilt als renommiertester deutscher Aktienexperte. Der studierte Volkswirt arbeitet seit 1982 für die DWS. Er betreut persönlich die beiden Weltaktienfonds DWS Akkumula und DWS Vermögensbildungsfonds I und ist auch für den neuen Mischfonds DWS Sachwerte verantwortlich.

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