"Die Zentralbanken fluten die Finanzmärkte, als ob es kein Morgen gäbe"

"Die Zentralbanken fluten die Finanzmärkte, als ob es kein Morgen gäbe"

FORMAT: Was ist los an den Börsen? In Italien droht nach den jüngsten Wahlen ein politisches Chaos, in den USA bleiben die Budgetprobleme weiter ungelöst. Trotzdem steigt der Dow Jones auf ein neues Allzeithoch, auch der DAX hat schon wieder die 8.000 Punkte erreicht.

Asoka Wöhrmann: Die wichtigste Ursache ist die enorme Liquidität. Die Zentralbanken fluten die Finanzmärkte, als ob es kein Morgen mehr gäbe. Allerdings kommt dieses Geld in der Realwirtschaft kaum an, dafür fließt jetzt einiges an die Börsen. Schließlich spricht die Nullzinspolitik klar für Aktien. Zieht man die Inflationsrate von den Renditen fünfjähriger Staatsanleihen ab, rutscht man in Deutschland, Österreich und anderen Staaten in den negativen Bereich. Die Besitzer solcher Papiere erleiden folglich jedes Jahr reale Kaufkraftverluste.

Bis wann wird diese Phase dauern?

Wöhrmann: Investoren sollten sich darauf einstellen, dass diese Situation noch länger anhält. Die negativen Realzinsen sind beabsichtigt, um die Staatsschulden langfristig zu senken. Man nennt diesen Umstand, der zum Beispiel auch in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte, finanzielle Repression. Im Schnitt hat die Phase der Korrektur eines staatlichen Schuldenüberhangs in der Geschichte 23 Jahre gedauert. Es ist damit zu rechnen, dass die finanzielle Repression noch länger anhält, und damit ist es möglich, dass Sparer noch im Jahr 2030 darunter leiden werden.

Als der DAX in den Jahren 2000 und 2007 über die 8.000er-Marke stieg, ging es anschließend steil bergab. Angesichts der Kursrekorde bekommen jetzt viele Anleger akute Höhenangst. Wie groß ist die Gefahr, dass der Boom wieder nur eine Blase ist?

Wöhrmann: Wir halten es für unwahrscheinlich, dass sich derartige Kursverluste wiederholen. Es gibt nämlich eine solide Basis für weiter steigende Kurse: Wir rechnen damit, dass die Gewinne der DAX-Mitglieder in den nächsten 12 Monaten auf 700 Indexpunkte ansteigen. Wenn Sie diese Gewinne mal 13 nehmen, ergeben sich 9.100 Punkte. Ein derartiges Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 wäre, auch wenn man länger zurückschaut, eine faire und keineswegs überzogene Bewertung. Dafür müssten nicht einmal die Gewinne kräftig steigen. Lediglich Störfaktoren, beispielsweise seitens der Politik, sollten ausbleiben.

Genau das ist aber fraglich. In Italien drohen Neuwahlen, und selbst dann wären keine klaren Mehrheiten garantiert.

Wöhrmann: Wahlergebnisse wie in Italien erzeugen politische Volatilität. Damit müssen wir leben und auch einkalkulieren, dass die Risikoaufschläge von manchen Staatsanleihen wieder größer werden können. Aber ich glaube, dass Italien genau weiß, dass es von der Europäischen Zentralbank nur unterstützt wird, solange es strikte Budgetvorgaben einhält. Außerdem mehren sich die positiven Anzeichen, dass Europa die Intensivstation verlässt. So verbessern sich die Leistungsbilanzen der Peripheriestaaten deutlich.

9.000 Punkte wären für Sie also schon heute gerechtfertigt. Wann werden wir die 10.000 Punkte im DAX sehen?

Wöhrmann: In den nächsten zwei bis drei Jahren. Wenn das Kurs-Gewinn-Verhältnis Richtung 15 steigt, kann es auch schneller gehen.

Viele Anleger werden auch solche Prognosen nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Im Gegenteil, trotz hoher Kursgewinne sinkt die Zahl der Aktienbesitzer.

Wöhrmann: In den vergangenen fünf Jahren haben Anleger unter dem Strich Aktienfonds verkauft, erst seit Dezember hat sich das gedreht. Ganz offensichtlich betrachten viele Investoren die Finanzmärkte nur im Rückspiegel. Da sehen sie mehrere kräftige Einbrüche bei Aktien. Doch nur in den Rückspiegel zu schauen ist sinnlos, das weiß jeder Autofahrer.

In der Erinnerung der Anleger gelten die vergangenen zehn Jahre trotzdem als verlorene Dekade.

Wöhrmann: Ich sehe das anders. Oft wird vergessen, die Dividenden miteinzurechnen. Mit einem globalen Mix von dividendenstarken Aktien konnten Anleger sehr gute Renditen erzielen. Unser global anlegender Aktienfonds DWS Top Dividende hat zum Beispiel seit seinem Start im April 2003 einen Gesamtgewinn von rund 160 Prozent erzielt. Dividendenstrategien sind weiterhin ein vernünftiges Basisinvestment für Aktien. Rund die Hälfte der langfristigen Erträge stammt aus Dividenden. Dabei muss man klar sagen: Wenn die Börsen sehr rasch steigen, können Dividendenaktien nicht im gleichen Tempo mithalten. Das haben wir auch in den vergangenen 12 Monaten gesehen. Dafür ist die Entwicklung langfristig sehr solide.

Was würden Sie jetzt in der Höhe neuer Indexrekorde noch kaufen?

Wöhrmann: Ich lasse mich sicher nicht von Indexständen schrecken, sondern halte mich an die Fakten. Klar ist: Wir haben die europäische Schuldenkrise noch nicht bewältigt und stehen vor großen Anpassungsprozessen. Wir haben Unternehmen in Europa, die vor allem auf den Heimatmärkten agieren und kaum wachsen, dazu einige Banken mit ihren eigenen Problemen. Deshalb muss man Aktien vor dem Kauf sorgfältig aussuchen. Das Kriterium hierfür ist beständiges Wachstum.

Wo werden Sie fündig? Vor allem in den Schwellenländern?

Wöhrmann: Nicht nur. Immerhin 19 Prozent der Unternehmen aus den Industriestaaten haben in den vergangenen fünf Jahren ein jährliches Umsatzwachstum von mehr als fünf Prozent und ein Gewinnwachstum von mehr als zehn Prozent per annum erzielt. Darunter finden sich viele global aufgestellte Unternehmen aus Europa, die dank ihrer starken Marken auch eine gewisse Preissetzungsmacht haben. Dabei ist der Standort des Unternehmens zweitrangig. Es finden sich zahlreiche bekannte global aufgestellte Unternehmen, die ihre Erträge außerhalb ihres Standortes generieren, von deren Exporten beispielsweise wiederum lokale Unternehmen profitieren, etwa aus dem Bereich Logistik. Allerdings profitieren nicht nur die bekannten großen Unternehmen von der Globalisierung. Allein in Deutschland und Österreich finden sich etwa 1.700 Unternehmen, die dank spezieller Technologien in einem bestimmten Bereich Weltmarktführer sind. Ein guter Teil dieser Unternehmen ist an der Börse gelistet und daher oft auch für Investoren sehr interessant.

Wie viel Spielraum haben US-Aktien nach den jüngsten Kursgewinnen?

Wöhrmann: Die US-Wirtschaft erholt sich, allerdings ist der Aktienmarkt dort nicht mehr günstig bewertet. Europa erachten wir aus Bewertungsgründen als positiv, vor allem Deutschland. In Japan haben Aktien Wachstumspotenzial. Dabei ist eine Absicherung des Yen empfehlenswert. Andernfalls könnten die zu erwartenden Kursgewinne durch die schwächere Währung wieder neutralisiert werden.

Sie begründeten den Aktienboom anfangs mit der hohen Liquidität. Wie groß ist die Gefahr, dass die Geldspritzen irgendwann unerwünschte Nebenwirkungen wie eine steigende Inflation auslösen?

Wöhrmann: Inflation ist derzeit nicht das Thema, und auch auf längere Sicht mache ich mir keine allzu großen Sorgen. Selbst wenn die Preise wieder schneller steigen, wäre das für Unternehmen mit starker Marktstellung nicht unbedingt von Nachteil. Die wirkliche Gefahr für Anleger ist und bleibt die finanzielle Repression.

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