Die Wende an der Euro-Peripherie

Die EZB hat die Staaten der Peripherie noch nicht gerettet, doch die Ankündigung der Anleihenkäufe hat zu einer Rally geführt. Für Kleinanleger eröffnen sich Chancen.

Die Wende an der Euro-Peripherie

Die einzige Frage, mit der sich Fondsmanager und Investoren derzeit beschäftigen, lautet: Wann stellt Spanien den Hilfsantrag beim ESM? Seit die EZB ankündigte, unbegrenzt Anleihen der Schuldenländer mit einer Laufzeit von bis zu drei Jahren zu kaufen, sofern ein entsprechender Antrag beim ESM eingeht, hat die Stimmung gedreht und eine erstaunliche Staatsanleihen-Rally eingesetzt. Die dreijährigen spanischen Bonds bringen derzeit nur noch eine Rendite von 3,5 Prozent ein. Im Juli waren es noch 7 Prozent. Mit den portugiesischen Staatsanleihen hätten Anleger seit Jahresanfang im Schnitt über alle Laufzeiten unfassbare 50 Prozent lukriert. Allein seit die EZB ihre Unterstützung bekannt gab, schafften die Papiere eine Performance von 20 Prozent. Und die griechischen Titel, die eigentlich gar nicht mehr gehandelt werden, feierten ebenso ein Comeback - bei einem Ertrag von 70 Prozent seit August könnte jeder DAX-Investor verpassten Chancen mit Krisenanleihen wohl mehr als eine Träne nachweinen.

Keine Option

Freilich sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Denn mit griechischen Papieren verhält es sich so ähnlich wie mit so mancher Wiener Aktie: Aufgrund der Illiquidität der Anleihen treiben schon Käufe in kleinsten Mengen den Kurs überproportional in die Höhe. "Griechenland ist für Investoren kein wirkliches Thema, weil keiner mehr engagiert ist und auch nicht investieren will“, bestätigt Thomas Neuhold von der Bank Gutmann. Für die Marktteilnehmer ist Hellas eher als "Tail-Risiko“ zu sehen, formuliert der Anleihen-Experte und meint damit konkret einen ungeordneten Austritt Griechenlands aus der Eurozone.

Zwar wäre jeder "Grexit“ kurzfristig wohl negativ für die Bondmärkte, schließlich wäre dadurch die von EZB-Chef Mario Draghi oft erwähnte "Unumkehrbarkeit des Euro“ ad absurdum geführt. Allerdings ist laut Neuhold auch klar, dass sich die Märkte darauf einstellen müssen, wenn es beständig keine Fortschritte gibt. "Momentan wäre ein Austritt politisch völlig unattraktiv, weil die Probleme der anderen Länder noch nicht gelöst sind“, gibt Neuhold Entwarnung. "Davon ist man illusorisch weit entfernt. Da reden wir nicht von ein oder zwei Jahren - vielleicht kann man 2020 über Alternativen für Griechenland nachdenken.“ Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass die Troika das Geld für Hellas im November einfach freigibt: "Die Gemeinschaft dürfte die Mittel zurückhalten, um Druck auf Griechenland auszuüben.“ Griechenland wird in den nächsten Wochen also sicher noch für Nervenkitzel sorgen, als Investment sind die Anleihen aber ungeeignet.

Rajoys Taktik

Die spanischen Staatsanleihen sind da schon intuitiv die bessere Wahl. Naturgemäß haben die Investoren den ESM-Antrag und die EZB-Hilfe bereits vorweggenommen. Ein Ertrag von immerhin 12 Prozent seit Ende Juli steht im Schnitt zu Buche. Dennoch bringen die zehnjährigen Anleihen mit knapp 6 Prozent immer noch deutlich mehr ein als österreichische Bonds. Weitere Zugewinne hängen an Mariano Rajoy, der partout nicht unter den Rettungsschirm schlüpfen will, so scheint es. Rajoy spekuliert darauf, dass die Krise in Europa eskaliert und Deutschland aus Angst vor einem Dominoeffekt letzten Endes ein Auge zudrückt und die Bailout-Konditionen lockert. "Je schlimmer es wird, umso besser ist es für Spanien. So denkt Rajoy“, zitiert Bloomberg den ehemaligen Harvard-Ökonomen José García Montalvo.

Die Ratingagenturen könnten Rajoy in die Hände spielen. So senkte Standard & Poor’s kürzlich das Rating Spaniens auf BBB-, nur noch eine Stufe vom Ramsch-Status entfernt. Kommt es zu einem weiteren Downgrade, dann kämen die Staatsanleihen als Investment für viele Fondsmanager nicht mehr infrage. Außerdem würden die Papiere aus wichtigen Benchmark-Indizes exkludiert. "Das würde einen Verkaufsdruck auf die Anleihen auslösen, Rajoy könnte einen Hilfsantrag stellen und hätte gleichzeitig einen Schuldigen“, so Neuhold. Kurzfristig wäre ein Downgrade für die Staatstitel aber "ruppig“, erst Rajoys Unterschrift unter dem Hilfsantrag hätte eine Rally zur Folge.

Die Rajoy-Taktik ist aber nicht unriskant, entsprechend volatil könnten die kommenden Wochen für die Bonds sein. Es ist daher fraglich, ob nicht "Italien als Investment kurzfristig die bessere Lösung ist“, so Neuhold. Zwar bieten italienische Bonds keine derart hohe Rendite, aber Italien dürfte ebenfalls von einem Hilfsantrag Spaniens profitieren. Außerdem peilt Italien 2012 ein Defizit unter dem EU-Limit von 3 Prozent an, 2013 sollen es weniger als 2 Prozent werden. Ab dem nächsten Jahr soll auch die Schuldenlast schrumpfen.

Im Gegensatz dazu wird Spanien in diesem Jahr ein Defizit aufweisen, das mehr als doppelt so hoch ist wie die EU-Grenze. Freilich ist auch ein Italien-Investment nicht risikolos: Ende April 2013 stehen Wahlen an, womit das politische Risiko steigt. Besonders Mutige können sich in Portugal einkaufen, allerdings ist fraglich, ob die Mehrrendite von 2 Prozentpunkten auf spanische Papiere das höhere Risiko ausgleicht. Denn Portugal ist - anders als Spanien - für die Eurozone nicht "too big to fail“.