Die Schwäche der Wiener Börse

Erst nicht gestiegen, dann stark gefallen. Die Wiener Börse leidet unter dem fehlenden Interesse aus dem Ausland, obwohl die Aktien der Papierform nach für kräftige Kurssprünge gut wären.

Frei nach dem Motto „Immer auf die Kleinen“ erwischte es die Wiener Börse vergangenen Dienstag richtig schlimm. Mit einem Tagesverlust von 3,7 Prozent fiel der Rückschlag deutlich stärker aus als etwa an der deutschen Börse in Frankfurt und der Wall Street in New York. Zwar leiden die Anleger weltweit darunter, dass Anfang der Woche international wichtige Indikatoren der Wirtschaftsentwicklung auf eine Abkühlung der Konjunktur in den USA und einen Produktionsrückgang in China hinweisen. Doch kaum jemand zahlt dafür einen so hohen Preis wie Austro-Aktionäre. Damit setzt sich ganz zum Leidwesen heimischer Anleger der Trend fort, der seit Jahresanfang besonders augenscheinlich wird: Das Wiener Aktienbarometer ATX gerät gegenüber den größeren Börsen immer weiter ins Hintertreffen. Seit Jänner beträgt der Renditeabstand im direkten Vergleich zum deutschen DAX-Index bereits 13 Prozentpunkte.

FORMAT beschreibt, wo die Ursachen für das Wachkoma der Wiener Börse liegen, was aktuell für oder gegen ein Engagement in heimische Aktien spricht und bei welchen Papieren die Chancen auf Kursanstiege intakt sind.

Widriges Umfeld

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktienkurse am Wiener Parkett schon bald auf breiter Front steigen werden, ist gering. Selbst wenn sich die Nachrichtenlage verbessern sollte, werden Anleger aus Risikogründen in nächster Zeit eher auf große Börsen vertrauen als auf die vergleichsweise gering kapitalisierten Austro-Aktien. Zum Vergleich: Die 30 Papiere des deutschen DAX-Index haben in Summe einen Börsenwert von rund 700 Milliarden Euro. Der gesamte ATX bringt mit knapp 63 Milliarden deutlich weniger auf die Waage als der deutsche Technikkonzern Siemens mit einem Börsenwert von 75 Milliarden Euro. Dazu kommt, dass der ATX stark bankenlastig ist, was derzeit nicht gerade positiv ist – die Aktien der Erste Bank und der Raiffeisen Bank International repräsentieren 27 Prozent des ATX-Index. Dazu kommt noch das Schwergewicht OMV, das mit Problemen im Nahen Osten kämpft.

Darüber hinaus sacken die Handelsumsätze der Wiener Börse seit Jahresanfang ab, im April brach das Geschäft im Vergleich zu April des Vorjahres gar fast um die Hälfte ein. 3-Banken-Generali-Fondschef Alois Wögerbauer sieht dies nicht als Folge der neuen Wertpapier-KESt: „Die betroffenen inländischen Privatanleger spielen traditionell eine relativ geringe Rolle. Wichtiger sind in- und ausländische Großinvestoren wie Banken, Fonds oder Pensionskassen, die von der neuen Steuer nicht erfasst werden. Diese Big Player wollen Gewinne schnell mitnehmen und brauchen dafür eine Börse, die ausreichend Liquidität aufweist. Das kann Wien nicht bieten.“ Dem kann auch Michael Buhl, Vorstand der Wiener Börse, nicht widersprechen. Buhl: „Die Börsen Deutschlands oder Großbritanniens litten in den vergangenen vier Monaten an sinkenden Umsätzen von 15 bis 25 Prozent. Wien traf es allerdings noch härter.“

Die Misere der Wiener Börse zeigt sich auch am geringen Ansturm von neuen Kandidaten. Heuer wagte mit AMAG wenigstens ein Neuling den Sprung auf das Parkett, doch in Summe herrscht seit Jahren absolute Flaute. Während zwischen 2008 und 2010 kein einziges Unternehmen frisch am Wiener Kurszettel auftauchte, erfreut sich die Börse Warschau, die mit dem Wiener Parkett in einer Liga spielt, reger Betriebsamkeit.

Alleine im Vorjahr wurden 92 Börsengänge realisiert. Das brachte im weltweiten Ranking der Börsenneulinge Platz drei nach China und den USA. Börse-Chef Buhl: „Speziell die Nachfrage der polnischen Pensionsfonds hat den Appetit auf Börseneinführungen deutlich erhöht. Viele Emissionen hatten nur ein Volumen von ein paar Millionen Euro, einige Privatisierungen mit hohem Volumen machten den Börsenplatz aber attraktiver. Man muss neidlos anerkennen, dass Polen auch dank der anlegerfreundlichen Politik nun dort ist, wo Österreich vor fünf oder sechs Jahren stand.“

Alois Wögerbauer sieht bei heimischen Politikern einen Grund für die aktuellen Probleme: „Wenn jeder Anleger pauschal als Spekulant denunziert wird, braucht man sich über den Zustand der Wiener Börse nicht zu wundern.“

An den Schätzungen für die Gewinne der Austro-Konzerne gibt es dagegen kaum etwas auszusetzen. So geht eine aktuelle Analyse von UniCredit davon aus, dass die Profite der ATX-Unternehmen heuer im Schnitt um 37 Prozent steigen werden. Anhand der aktuellen Schätzungen sämtlicher Analysten bergen rein nach der Papierform sogar alle Papiere des ATX die Chance auf Kursgewinne.

Hoffnung auf Übernahmen

Wolfgang Matejka, Chef von Matejka & Partner, legt Anlegern nahe, abseits der ATX-Schwergewichte nach Chancen zu suchen. Wegen der Übernahmefantasie hat er die Aktie des Feuerfestkonzerns RHI (Kurspotenzial 73 Prozent) auf seiner Empfehlungsliste. Zu seinen Favoriten aus der zweiten Reihe zählen Wolford und BWT, die beide Chancen in China aufweisen.

Bei Bankaktien kommt dagegen wenig Freude auf. Experte Wögerbauer: „Ich mache um die Papiere der Finanzinstitute einen Bogen, weil die weitere Geschäftsentwicklung unklar ist. Auch konjunktursensible Werte meide ich.“ Besser gefällt ihm Kapsch TrafficCom (38,7 Prozent Kurschance), weil die klammen Staaten Mautsysteme ordern. Wögerbauer hat auch die Börse insgesamt nicht abgeschrieben: „Wien war in der Vergangenheit entweder besonders gut oder besonders schlecht. Irgendwann steigt die Stimmung wieder.“

– Robert Winter, Martin Kwauka

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Steuern

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Service

Die Suche nach dem besten Konto

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik

Geld & Service

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik