Die Rückkehr der Bullen? Nach zwei Monaten Boom ist die Börsenkrise noch nicht vorbei

Zwei Monate Börsenboom haben mutigen ­Investoren spektakuläre Gewinne beschert. Jetzt wird das Börsenklima wieder rauer. FORMAT zeigt, wie man jetzt noch Geld verdienen kann.

Besser konnte das Timing beim Einstieg kaum sein. Nachdem die Erste-Bank-Aktie immer neue Rekord-Tiefststände markierte, orderte Erste-Bank-Chef Andreas Treichl Anfang März beherzt 25.000 Aktien seiner Bank. Nur ein paar Wochen später liegt der Banker mit 243.500 Euro im Plus – trotz eines Kursrutsches von 16 Prozent am vergangenen Mittwoch. Treichl hatte nicht nur den richtigen Zeitpunkt erwischt, sondern auch das richtige Papier: Mit einem Kursgewinn von 174 Prozent seit 9. März war die Erste Bank die drittbeste Aktie an der Wiener Börse hinter Christ Water Technology und Polytec. Ebenfalls unter den Top 10 finden sich zahlreiche Immobilienpapiere mit der CA Immo an der Spitze.

52 Prozent Gewinn in São Paulo
Nicht nur in Wien bestimmten die optimistischen Börsenbullen das Geschehen. In São Paulo, dem heuer besten Börsenplatz der Welt, waren seit Jahresbeginn bereits 52,2 Prozent zu gewinnen, in Moskau 47,8 Prozent. Ist die Börsenkrise jetzt ausgestanden? Oder verlieren die Börsenbullen an Energie, und die ängstlichen Börsenbären übernehmen wieder das Kommando? Das ist die zentrale Frage, die sich die Anleger jetzt weltweit stellen. Über die Antwort sind selbst erfahrene Experten höchst unterschiedlicher Meinung. Meisterspekulant George Soros sieht den freien Fall der Wirtschaft gestoppt und glaubt, dass die Börsen im ersten Anlauf etwa die Hälfte der Kursverluste des vergangenen Abschwungs wieder wettmachen, bevor sie in eine Seitwärtsbewegung übergehen. Das gäbe dem ATX, der momentan knapp unter 2.000 Punkten notiert, noch Spielraum bis in die Region von 3.200 Punkten.

Börseguru bleibt vorsichtig
Deutlich skeptischer bleibt Investorenlegende Warren Buffett. Der erfolgreichste Anleger aller Zeiten sieht derzeit noch keine wirklichen Anzeichen für eine Erholung der Wirtschaft. Tatsächlich sind die harten Fakten ernüchternd: Die Arbeitslosigkeit in den USA und Europa steigt, und die Wirtschaft schrumpft nach wie vor. Auch das Ergebnis des Stresstests der US-Banken, das auf den ersten Blick relativ positiv ausfiel, wurde ganz offensichtlich auf Druck der betroffenen Geldinstitute geschönt. Schließlich kam Mitte der ­Woche auch das AAA-Bonitätsrating der USA durch einen Zeitungsbeitrag eines Insiders ins Gerede. David Walker, Ex-Chef des US-Rechnungshofs, schrieb in der „Financial Times“: „Viel zu lange hat die USA harte, aber notwendige Einschnitte aufgeschoben, um die Verschlechterung ihrer finanziellen Lage aufzuhalten. Wie kann man solch eine Spitzennote rechtfertigen bei einem Emittenten, der negative Vermögenswerte von mehr als 11.000 Milliarden Dollar und außerbilanzielle Verbindlichkeiten von 45.000 Milliarden Dollar angehäuft hat?“

Frühindikatoren mir Aufwärtstendenz
Es gibt aber auch handfeste Argumente für Optimisten: Einige wichtige Wirtschafts-Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes in Europa (siehe Grafik zu Deutschland ) und den USA zeigen erstmals seit Monaten wieder nach oben (siehe auch Grafiken zum Hausverkauf in den USA und zum Euroland-BIP ) . Sie sind zwar nach wie vor auf niedrigem Niveau, aber viele Börsianer werten das als Zeichen, dass das Schlimmste vorbei ist. Matthias Jörss, Aktienchef der deutschen Privatbank Sal. Oppenheim: „Die größten Kursgewinne gibt es nicht, wenn das Wirtschaftswachstum von zwei auf drei Prozent steigt, sondern wenn sich der Rückgang abschwächt.“ Auch sonst sieht Jörss ein gutes Fundament für eine weitere Erholung: „Die Unternehmen streben dafür nach einem hohen Cashpolster und haben noch nie so viele Arbeitskräfte abgebaut wie jetzt. Schon eine geringe Erholung der Wirtschaft wird sich so rasch auf die Ergebnisse auswirken.“

Warten ist auch falsch
Lothar Weniger, Aktienleiter der deutschen DZ-Bank, glaubt, dass auch die Stabilisierung des Finanzsektors für Aktien spricht. „Die Banken können sich bereits wieder günstig refinanzieren und so besser an Krediten verdienen.“ Noch gilt das Bankensystem zwar nicht als vollständig gerettet, doch mit dem Einstieg an den Börsen so lange zuzuwarten, bis jedes Risiko ausgestanden ist, hält Weniger für falsch. „Dann sind die Kurse so hoch, dass man bereits eher verkaufen sollte.“ Doch die Zeit der schnellen Kursgewinne auf breiter Front dürften vorerst vorbei sein. Selbst heftige Rückschläge sind nach den rasanten Kurszuwächsen der vergangenen Wochen nicht auszuschließen. Manfred Huber, Vorstand der Euram-Bank: „Wir trauen dem Frieden nicht. Wir werden die Aktienquote jetzt auf keinen Fall nach oben setzen. Allerdings wird man, wenn man solide Aktien wie Novartis kauft, auf Sicht von ein paar Jahren kein Geld verlieren – und zwar ganz gleich, welche Börsenentwicklung auf uns zukommt.“ Auch Öl- und Goldtitel gelten als relativ krisenfest. Peter Eichler, Fondsmanager des Nordea North American Growth: „Wenn die Regierungen viel Geld drucken, ist es wichtig, in reale Werte zu investieren. Meine Favoriten sind Murphy Oil und das Ölsandunternehmen Suncor.“

Dilemma für Anleger  
Investoren stehen jetzt vor der Wahl, auf bessere Zeiten zu warten und dabei das Risiko einzugehen, einen weiteren Anstieg völlig zu verpassen. Oder auf einen weiteren Anstieg der Börsen zu setzen und gegebenenfalls Rückschläge auszusitzen. Tatsache ist, dass die Börsen langfristig noch sehr weit steigen können, bis sie auch nur in die Nähe der alten Höchststände gelangen (siehe Grafik ) . Wer jetzt die tiefen Kurse nutzt, um auf niedrigem Niveau langfristig Positionen aufzubauen, sollte die Investments sorgfältig auswählen. FORMAT befragte deshalb Experten nach ihren Aktientipps und zeigt Fonds, von denen man überdurchschnittlich hohe Gewinne erwarten kann. Michaela Keplinger-Mitterlehner, Vorstand der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, empfiehlt, das Risiko zu reduzieren und verteilt auf mehrere Schritte einzusteigen: „Ein Sparplan für Österreich-Aktien ist sicher eine gute Sache. Ich bin überzeugt, dass die Wiener Börse besser laufen wird als andere Börsen. Auch Alternativenergie hat langfristig viel Zukunft, hier ist unser Kepler Öko Energie ein gutes Produkt.“ Auch Franz Gschiegl, Geschäftsführer der Erste Sparinvest, ist angesichts der unklaren Börsenlage ein dezidierter Fan von Sparplänen: „Interessant ist zum Beispiel der Espa Stock Russia.“ Bisheriges Ergebnis 2009: 61 Prozent Plus.

Von Anneliese Proissl, Martin Kwauka und Ingrid Krawarik

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