Die Griechenland-Rettung steht auf Messers Schneide

Rasant steigende Börsenkurse im Oktober, dann der Rückschlag Anfang der Woche. FORMAT analysiert, wie Anleger richtig auf den Zickzackkurs der Börsen reagieren.

Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou hat Nerven. Durch die vergangenen Montag angekündigte Volksabstimmung stellte er völlig überraschend das EU-Rettungspaket infrage. Die Folge: Sofort war an den Börsen wieder Feuer am Dach. Dabei lief es im Oktober noch wirklich rund. Der deutsche Leitindex DAX machte im Vormonat mit plus 11,6 Prozent viel Boden gut, der amerikanische S&P-500-Index brachte es auf einen Monatsertrag von 10,8 Prozent. Selbst an der angeschlagenen Wiener Börse konnten sich Anleger über ein Monatsplus freuen.

Nun stehen Investoren vor der Frage, ob es sich bei der günstigen Entwicklung vom Oktober nur um ein Strohfeuer an den Börsen handelte oder ob die Börsenampel trotz vieler Unsicherheitsfaktoren weiter auf Grün stehen wird.

Rettungspaket 2.0

Selbst wenn das in der Vorwoche geschnürte Rettungspaket letztlich doch vollständig umgesetzt wird, sind noch längst nicht alle Probleme vom Tisch. Friedrich Erhart, Manager des Österreich-Aktienfonds Pioneer Austria Stock: „Mit dem Schuldenschnitt von 50 Prozent ist nicht das letzte Wort gesprochen. Das für Griechenland bis 2020 angepeilte Schuldenziel von 120 Prozent der Wirtschaftsleistung ist immer noch zu hoch. Ohne deutliche Wachstumsimpulse werden die Griechen selbst die geminderte Zinslast langfristig nicht bedienen können.“

Jedenfalls, so Fondsmanager Erhart, wäre die geplante Ausweitung des Rettungspakets auf 1.000 Milliarden Euro ein erster positiver Schritt. Die von FORMAT befragten Experten halten es aber im Lichte der jüngsten Entwicklungen trotzdem eher für unwahrscheinlich, dass sich die Erholung der Börsen bis Jahresende fortsetzen wird.

Robert Karas, Aktien-Chef der Schoellerbank: „Anleger müssen damit rechnen, dass die Kursschwankungen weiter extrem hoch bleiben werden. Ich glaube, dass die Börsen den flotten Takt vom Oktober bis Jahresende nicht halten können.“ Zwar schätzt laut der Nachrichtenagentur Reuters die Analystenzunft, dass die Profitzuwächse von US-Konzernen im Schlussquartal des laufenden Jahres im Schnitt noch 11,9 Prozent erreichen werden. Verhaltener fällt die Prognose aber für das erste Jahresviertel 2012 mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 7,4 Prozent aus.

Allerdings ist damit zu rechnen, dass noch zahlreiche Unternehmen bekannt geben müssen, dass sie überraschend ihre Gewinnziele verfehlen. Henning Gebhardt, Leiter Europa-Aktien der Fondsgesellschaft DWS: „Die Gewinnerwartungen werden sich in den nächsten Monaten noch weiter verschlechtern“ (siehe Interview ). Dabei geht Gebhardt noch nicht einmal von einem Worst-Case-Szenario aus. Was passiert, wenn die Lage in Griechenland eskaliert und das Land in eine unkontrollierte Pleite schlittert, ist nicht einmal ansatzweise abzuschätzen.

Fokus auf Dividenden

Anleger sollten dennoch Aktien nicht völlig außen vor lassen. Jörg de Vries-Hippen, Anlagechef für europäische Aktien der Fondsgesellschaft Allianz RCM: „Irgendwann werden die Zinsen wieder steigen, was Staatsanleihen weiter unter Druck bringen wird. Derzeit gibt es generell kaum sinnvolle Alternativen zu ausschüttungsstarken Aktien. Speziell bei Konzernen mit guter Bonität ist die Dividendenrendite häufig höher als der Kupon einer Unternehmensanleihe. Das trifft etwa auf den Gesundheitskonzern Roche zu, dessen Aktie eine Dividendenrendite von 4,6 Prozent aufweist. Der Kupon der zehnjährigen Roche-Anleihe beträgt dagegen nur 2,75 Prozent.“

Neben attraktiven Ausschüttungen spricht auch die günstige Börsenbewertung für die Börsen. So liegt etwa das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis des Aktienindex Euro Stoxx 50 ebenso wie jenes des deutschen DAX und des britischen FTSE 100 bei einem Wert von knapp über zehn.

Konsumgiganten

Anleger, die Risikofreude an den Tag legen, können nun bei Aktien von Großkonzernen günstig einsteigen. Schoellerbank-Experte Karas: „Papiere der Börsenschwergewichte Unilever, Nestlé, Walmart und Coca-Cola gelten weiterhin als solide Basisinvestments.“ Als besonders krisenfest hat sich das Papier von McDonald’s erwiesen, das inzwischen schon einen Börsenwert von 96 Milliarden Dollar auf die Waage bringt. Beim Aktienkurs der Fast-Food-Kette ist von Krise kaum etwas zu spüren, in Euro gerechnet stieg die Notierung seit Ende Oktober des Vorjahres um insgesamt 19 Prozent.

Wer bereit ist, auf der Risikoleiter eine Sprosse weiter nach oben zu klettern, wird bei ausgesuchten Papieren mit einem gewissen Engagement im Finanzsektor fündig. Dazu zählt Schoellerbanker Karas etwa die Aktie des von Warren Buffett gelenkten amerikanischen Mischkonzerns Berkshire Hathaway, die aktuell zehn Prozent unter dem Buchwert notiert.

Mit Bank of New York Mellon hat Karas eine weitere Finanzaktie auf seiner Kaufliste. Karas: „Das Geschäft verläuft stabil, weil das Institut als größte Depotbank der Welt solide aufgestellt ist und hohe Cashflows generiert. Darüber hinaus stützt ein Rückkaufprogramm den Aktienkurs.“

Investoren, die deutsche Aktien im Depot haben wollen, sollten mit dem Kauf noch einige Zeit zuwarten. Allianz-RCM-Chefanleger Vries-Hippen: „Die deutsche Börse gilt zwar als der liquideste Aktienmarkt Europas. Die Kurse werden aber erst dann nachhaltig steigen, wenn sich die Stimmung aufhellt und wenn amerikanische Großanleger wieder einsteigen.“

Hoffnungsträger der Wiener Börse

Die heimische Börse hat derzeit gleich an mehreren Fronten zu kämpfen. Einerseits ist noch ungewiss, wann internationale institutionelle Investoren, die der Wiener Börse wegen der geringen Marktkapitalisierung den Rücken gekehrt haben, wieder einsteigen. Andererseits wirkt die hohe Gewichtung von Finanzwerten im Leitindex ATX weiter belastend. Pioneer-Fondsmanager Erhart: „Vonseiten der Bewertung gibt es an Österreich-Aktien aber kaum etwas auszusetzen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist im Schnitt einstellig. Selbst wenn die Gewinnrevisionen durchschnittlich 20 Prozent erreichen sollten, wären Österreich-Aktien noch immer billig.“

Aktuell vertraut Erhart auf Aktien des Gummikonzerns Semperit, dessen Geschäft im Bereich medizinischer Handschuhe konjunkturresistent ist. Der Kartonhersteller Mayr-Melnhof wiederum zeichnet sich laut dem Fondsmanager durch einen sehr steten Geschäftsverlauf und konservativ aufgestellte Bilanzen aus. Erhart: „Der Naturfaserkonzern Lenzing ist Weltmarktführer. Die Erzeugnisse werden für Hygiene- und Kosmetikartikel ebenso gebraucht wie in der Textilindustrie.“

Trotz der selektiven Einstiegschancen sollten Anleger in den nächsten Wochen aber nicht aufs Ganze gehen und zwischen 15 und 20 Prozent des Börsenkapitals in Cash halten. Und das so lange, bis sich die Nebel der kalten Jahreszeit lichten und sich in der Causa Griechenland eine Lösung abzeichnet.

– Robert Winter, Carolina Burger

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