"Die Dummen soll man nicht belohnen":
Nobelpreisträger Markowitz im Interview

Kursschwankungen und Börsenverluste beuteln die Wirtschaft und lassen auch die Aktien-Fonds der heimischen Banken ins Minus schlittern. Der Nobelpreisträger und Ökonom Harry M. Markowitz spricht zum Thema Depot-Optimierung im FORMAT-Interview über die gegenwärtigen Probleme des Finanzmarktes, törichte Manager und warum Anleger jetzt vorsichtig agieren sollten.

FORMAT: Herr Professor Markowitz, Barack Obama ist der neue Präsident Amerikas. In seinem Wahlprogramm hat er Wandel und Veränderung propagiert. Bekommt er die Finanzkrise in den Griff?
Markowitz: Ich kann nicht voraussagen, was die Regierung Obama tun wird. Ich weiß allerdings, dass wir so rasch wie möglich restriktivere Regeln auf dem Finanzmarkt brauchen. Wir sind derzeit in einer sehr beunruhigenden Situation. Ob Obama da eingreift, weiß ich nicht. In seinem Wahlprogramm habe ich nichts gesehen, was auf strengere Regelungen für die Kreditvergabe hindeutet – und die benötigen wir dringender als alles andere. Die Wahrscheinlichkeit, dass die neue Regierung dieses Problem rasch in die Hand nimmt, ist leider nicht sehr hoch.

FORMAT: Was sollte getan werden, damit der Finanzmarkt wieder zur Ruhe kommt?
Markowitz: Um die Probleme zu lösen, müssen wir erst einmal genau definieren, was uns in dieses Chaos gestürzt hat. Erstens ist es viel zu einfach geworden, einen Kredit zu bekommen. Den hat man einkommensschwachen Bürgern nachgeschmissen und damit den Teufelskreis in Bewegung gesetzt. Das zweite Problem war, dass Finanzexperten immer undurchsichtigere Produkte mit hohem Fremdkapitalanteil entworfen haben. Ich spreche da von hypothekarischen Schuldverschreibungen, die man immer weiter und weiter verkaufen konnte, bis schließlich nicht mehr sicher war, wer den Schuldschein hält. Und das dritte Übel sind die „Credit Default Swaps“, die man ohne Rücksicht auf den Markt geworfen hat und die dort für Chaos sorgen.

Geld retten, nicht Manager
FORMAT: Haben Sie eine Lösung parat?
Markowitz: Der Kongress muss klarstellen, dass die Sicherheit des Bankensystems Vorrang hat vor obskuren Finanzierungen von Wohnungen für einkommensschwache Bürger. Und die Versicherungen sollten einsehen, dass Credit Default Swaps gefährliche Finanzierungsinstrumente wie ein Fass ohne Boden sind.

FORMAT: Weltweit werden Banken aufgefangen und teilweise verstaatlicht, Manager bekommen hohe Abfindungen. Ist das die richtige Art und Weise, das Bankensystem zu retten?
Markowitz: Das weltweite Bankensystem muss gerettet werden, das ist richtig. Ich verstehe darunter allerdings, dass das Geld der Kontoinhaber und Sparer gesichert sein muss. Das bedeutet nicht, dass Banken und deren Manager, die einfach dumme und enorme Risiken genommen haben, gerettet werden müssen. Wenn ein Unternehmen zu viel aufs Spiel setzt, dann verlieren die Aktionäre ihr Geld, die Manager sollten gefeuert werden, und das Vermögen sollte in hoffentlich besonnenere Hände fallen. Ich bin dagegen, Manager zu belohnen, die einfach bescheuerte Entscheidungen getroffen haben. In Japan ist zum Beispiel viel falsch gelaufen. Nach dem Crash in den 90er-Jahren, übrigens auch nach einer geplatzten Immobilienblase, haben die Banken sich geweigert, zuzugeben, dass die Unternehmen, denen sie Kredite gewährt hatten, bankrott waren. Weil dann wären sie ja auch pleite gewesen. Und so hat man zusammen mit der Regierung versucht, alle Schäfchen ins Trockene zu bringen. Mit dem Resultat, dass die japanische Wirtschaft zehn Jahre in einer Stagnation verharrte, nur weil die Banken die Realität nicht wahrhaben wollten.

"Portfolio-Streuung noch gültig"
FORMAT: Ihre Portfoliotheorie, für die Sie den Nobelpreis erhalten haben, ist schon 56 Jahre alt. In der heutigen Zeit scheint es jedoch wichtiger denn je, sein Geld in verschiedenen Anlageklassen breit zu streuen. Was raten Sie jetzt Investoren?
Markowitz: Solche Phänomene passieren nun mal, damit müssen wir umgehen. Vielleicht sollte man überlegen, das Risiko im Portfolio zu reduzieren. Vor allem Investoren, die kurz vor der Pension stehen, sollten ihre Anlagen genau prüfen und das Risiko minimieren. Sonst dauert es noch länger bis zur Rente. Private Anleger machen allerdings meist den Fehler, einzusteigen, wenn der Markt zu hoch ist, und zu verkaufen, wenn die Kurse bereits tief gefallen sind. Die Lehre von der Portfolio-Streuung ist jedenfalls immer noch gültig. Das Depot sollte in sich stabil sein. Das bedeutet, sein Depot so zu füllen, dass die einzelnen Produkte möglichst wenig miteinander korrelieren.

FORMAT: Wie sollten sich Anleger positionieren, um momentan Risiko und Ertrag zu optimieren?
Markowitz: Das ist eine schwierige Frage, denn ich kann, wie schon erwähnt, die Entwicklung an den Märkten nicht voraussagen. Aber ich halte es für die Bewertung für wichtig, sich Zeitreihen anzuschauen und da weit zurückzugehen, bis in die 1920er-Jahre, und sich dann einen Reim darauf zu machen. Vielleicht ist es jetzt angebracht, noch ein bisschen vorsichtiger zu agieren und zu warten, bis sich ein Boden gebildet und eine Erholung stattgefunden hat. Man sollte einfach die Geduld haben, bis der Markt langweilig erscheint, und dann wieder Aktien langsam aufstocken.

Interview: Ingrid Krawarik

Zur Person
Harry Max Markowitz wurde am 24. August 1927 in Chicago geboren. Er studierte Wirtschaft an der Universität von Chicago und der Aristoteles-Universität in Thessaloniki. Der Ökonom, der während seiner Schulzeit Physik, Astronomie und Philosophie zu seinen Lieblingsfächern zählte, ist der Pionier der modernen Portfoliotheorie. Sein Artikel über „Portfolio Selection“ erschien im Jahr 1952. 38 Jahre später erhielt Markowitz für seine Theorie zur Portfolioauswahl gemeinsam mit Merton H. Miller und William F. Sharpe den Wirtschaftsnobelpreis. Ein effizientes Portfolio nach Markowitz weist ein geringeres Risiko als das beste einzelne Wertpapier auf, und das bei einem noch höheren Ertrag. Der 81-Jährige ist noch sehr rüstig und unterrichtet an der Rady School of Management, einem Institut der Universität von Kalifornien.

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