Die Angst der Anleger trieb Gold und Franken auf neue Rekordkurse

Die plötzliche Ausdehnung der Liste der Problemstaaten auf Italien versetzte die Anleger in Fluchtstimmung. Doch genau solches kopflose Verhalten ist langfristig die Basis für außerordentlich schlechte Erträge.

Was ist die Gemeinsamkeit zwischen den Hühnern im Film „Chicken Run“ und den internationalen Anlegern, egal ob groß oder klein? Die Antwort: Wenn die Panik überhand nimmt, setzt die gesamte Herde kopflos zur Flucht an. Es gilt nur noch das Motto: Rette sich, wer kann.

Anfang der Woche war es wieder einmal so weit. Die Angst vor einer Staatspleite Italiens ließ zum Beispiel den deutschen Aktienindex DAX, der am 8. Juli noch bei über 7.500 Punkten notierte, in kürzester Zeit auf unter 7.000 Punkte fallen. Auch in Asien und dem Rest Europas hieß die Devise: Verkaufen, bloß verkaufen. Auf der Gewinnerseite war nur das Sicherste gut genug: Gold, Schweizer Franken und deutsche Staatsanleihen.

Andrang beim deutschen Staat

Vergangenen Dienstag wurden die Schuldscheine der Bundesrepublik um fast jeden Preis gekauft. Die Kehrseite der Medaille: Die Renditen sanken wie ein Stein. Noch Anfang April waren Investoren nur dann zum Kauf von zehnjährigen Papieren zu bewegen, wenn sie 3,5 Prozent Zinsen abwarfen. Am Dienstag wurde auch zum Mini-Zinssatz von 2,7 Prozent mit vollen Händen zugegriffen. Angesichts von Inflationsraten von über drei Prozent ist das ein sicheres Verlustgeschäft, aber immer noch das vermeintlich kleinere Übel, falls die Schuldenkrise auch Italien in den Strudel reißen sollte. Selbst österreichische Staatspapiere, ebenfalls mit bester AAA-Bonität ausgestattet, wurden links liegen gelassen. Die Anleger, die trotzdem orderten, verlangten einen zusätzlichen Zinsaufschlag von 0,6 Prozentpunkten pro Jahr. Das sind immerhin sechs Prozent Mehrertrag bis zum Ende der Laufzeit, und das praktisch ohne Risiko. Schließlich wird wohl niemand ernsthaft annehmen, dass Deutschland in zehn Jahren floriert, aber Österreich pleite ist.

Auch sonst zeigt sich, dass die Angst ein schlechter Ratgeber ist. Mitte der Woche standen deutsche Aktien wieder bei 7.250 Punkten und hatten damit bereits den halben Verlust wettgemacht. Wer allerdings die Nerven verlor und zur Unzeit Kasse machte, hat 3,5 Prozent weniger am Konto als wenn er zumindest noch bis Mittwoch gewartet hätte.

Anlegen mit Systemfehler

Allen, die sich jetzt über ihre Panikreaktion ärgern, bleibt zumindest ein Trost: Sie sind nicht allein. Die Masse der Anleger lässt systematisch Geld liegen. Bob Doll, oberster Aktienstratege von BlackRock, dem größten Fondsanbieter der Welt: „Der normale Investor kauft laufend zu teuer und verkauft zu billig. Am Ende verdient er weniger, als wenn er einem einzigen Investment treu geblieben wäre“. Das beweist eine Studie der durchschnittlichen Erträge zwischen 1991 und 2011 aus Sicht eines Dollar-Investors. Mit Öl waren jährlich acht Prozent zu verdienen, mit US-Aktien 7,7 Prozent. Selbst amerikanische Staatsanleihen hätten 6,1 Prozent abgeworfen. Das tatsächliche Ergebnis eines amerikanischen Durchschnittsinvestors fällt dagegen ernüchternd aus: Im Mittel wurden bloß 2,6 Prozent verdient, weniger als mit jeder untersuchten einzelnen Anlageklasse.

Es gibt zwar keine vergleichbare Studie für Österreich, aber das Endergebnis dürfte ähnlich erschütternd ausfallen. Das Wechseln der Investments just zum falschen Zeitpunkt hat auch so manches Austro-Depot nachhaltig geschädigt.

Sachwerte gegen die Krise

In den kommenden Jahren laufen Anleger Gefahr, noch mehr Geld in den Sand zu setzen als in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Anfang der 90er-Jahre war vieles einfacher, weil das allgemeine Zinsniveau viel höher lag. Dadurch erklärt sich auch der ansehnliche Ertrag eines Investments in Staatsanleihen. Heute sind die Zinsen am Boden, und obendrein ist der Nimbus von Staatspapieren als absolut sicheres Investment deutlich verblasst.

Leopold Heidenreich, Anlagechef der Semper Constantia Privatbank: „Man muss davon ausgehen, dass das heutige Vermögen in zehn Jahren kleiner ist als heute. In einer Phase, in der die Staaten ihre extrem angestiegene Staatsverschuldung reduzieren müssen, ist mit vielem zu rechnen. Die Bandbreite der Maßnahmen reicht von Steuererhöhungen über die Kürzung von Sozialleistungen bis hin zu einem Haircut, also einem Schuldenschnitt bei Staatsanleihen.“ In diesem Negativszenario, so die Semper Constantia, wäre schon viel gewonnen, wenn wenigstens der Realwert des Vermögens erhalten bliebe. Anleger seien gut beraten, alle möglichen Risikoszenarien durchzugehen und das Depot auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Heidenreich: „Die sicherste Strategie ist, das Vermögen breit zu streuen und auf Sachwerte wie Aktien, Immobilien und Gold zu setzen.“

Gold auf Rekordkurs

Das Edelmetall glänzte schon in den vergangenen Tagen so hell wie nie. Der Preis für eine Unze erreichte Mitte der Woche den neuen Rekord von 1.588 Dollar, auch aus Sicht eines Euro-Anlegers stieg Gold auf ein Allzeithoch von über 1.100 Euro. Offensichtlich handeln manche Anleger immer noch nach der Maxime „safety first“. Das sorgt auch bei vielen Häuslbauern für schlaflose Nächte. Der Kurs des Frankens verharrt nach wie vor auf dem Rekordstand von unter 1,16 Franken pro Euro.

Aktien, so die fast einhellige Meinung der Experten, gehören ebenfalls in ein sturmfestes Depot, auch wenn heftige Schwankungen möglich sind. Bob Doll erwartet heuer für US-Aktien das dritte Jahr mit zweistelligen Erträgen in Folge – zumindest aus Sicht eines Dollar-Investors. Das Jahr 2011 gleiche in vielem dem Vorjahr – erst ein nervöses Auf und Ab, dann habe es zumindest 2010 noch ein Happy End gegeben. Während der amerikanische Staat mit dem gigantischen Schuldenberg kämpft, verdienen viele Unternehmen so gut wie noch nie. Im Schnitt erwarten die Analysten heuer einen Anstieg der Gewinne in den 500 wichtigsten US-Unternehmen um 19 Prozent. Wenn sich diese optimistischen Schätzungen tatsächlich bewahrheiten, ist ein heißer Herbst programmiert. Die schon in den nächsten Tagen voll einsetzende Saison der Halbjahresergebnisse wird zeigen, ob die Trauben wirklich so hoch hängen.

Cash auf der Seite

Ganz gleich wie die nächsten Monate verlaufen, mit heftigen Schlaglöchern ist auf jeden Fall zu rechnen. Besser, als zur Unzeit zu verkaufen ist es, eine Bargeldreserve einzuplanen, mit der man im Falle des Falles günstig nachkaufen kann. Die Erfahrung der Zeit nach der Lehman-Pleite hat die Anleger gelehrt, dass solide Aktien sich erstaunlich rasch von einem Kurseinbruch erholen. Wer am Tiefpunkt im März 2009 Geld investierte, hat es in den meisten Fällen zumindest verdoppelt. Dazu eine einfache Rechnung: Sie legen von 10.000 Euro, die Sie eigentlich an der Börse investieren wollen, 3.500 Euro beiseite. Wenn sich die verbleibenden 6.500 Euro wirklich halbieren, bleiben Ihnen 3.250 am Depot und 3.500 Cash zum Nachlegen. Wenn sich später alles verdoppelt, hätten Sie 13.500 Euro. Selbst wenn es nicht ganz so perfekt läuft, kann der nächste Crash unter dem Strich positiv ausgehen.

– Martin Kwauka

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