Der Ökonom Max Otte im FORMAT-Interview

Der Ökonom Max Otte zu den Überlebenschancen der Europäischen Währungsunion und warum der Systemkollaps trotz allem zuerst in den USA drohen könnte.

FORMAT: Herr Otte, läuft gerade das Endspiel der Währungsunion?

Otte: Es läuft eine Art Endspiel, aber es gibt noch ein zweites Spiel, das parallel läuft: der stille Wettkampf darum, wer zuerst kollabiert, der Euro oder der Dollar. Wirtschaftlich geht es der Eurozone deutlich besser als den USA. Überspitzt formuliert, wird die Europapanik von einer tendenziösen angelsächsischen Presse am Leben erhalten, während die Wirtschaft in Großbritannien und den USA wirklich marode ist. Die Situation in Europa ist kritisch, aber ob der Kollaps wirklich hier droht?

FORMAT: Sie plädieren seit eineinhalb Jahren für den Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion. Spielt das jetzt überhaupt noch eine Rolle?

Otte: Griechenland ist ein Fass ohne Boden, und die europäische Politik erlaubt, dass hier der Schwanz mit dem Hund wedelt, und nicht umgekehrt. Würde man die Griechen aus der Eurozone entlassen, hätte man ein klares Signal an die Märkte gesendet. Banken müssten bei Staatsanleihen fortan vorsichtiger agieren. Und trotz notwendiger Hilfszahlungen würden Mittel für andere Krisenstaaten frei.

FORMAT: Würden sich die Anleger dann aus Sorge vor weiteren Abschreibungen nicht gänzlich aus Portugal, Spanien und Italien zurückziehen?

Otte: Nein, man muss hier anfangen zu differenzieren. Ich wäre auch dafür, Spanien und Portugal zu entlassen. Das würde bei einer Neukonstruktion der Eurozone erheblich helfen, der Druck wäre dann aus dem Kessel. Wer natürlich nicht raus darf, ist Italien. Die Fundamentaldaten sind gut. Die negative Einstufung Italiens bei gleichzeitigem AAA-Status der USA seitens der Ratingagenturen ist absolut nicht nachvollziehbar. Genausowenig wie die jüngste Skepsis gegenüber Österreich. Hier werden Themen „gespielt“, und dann springen immer mehr Akteure an der Wall Street oder woanders auf den fahrenden Zug auf.

FORMAT: Das politische Ziel ist aber nach wie vor der volle Erhalt der Eurozone. Ist das noch realistisch?

Otte: Die Politik macht sich erpressbar. Dieses Erhalten um jeden Preis führt zu Panikreaktionen. Es könnte aber noch eine Weile funktionieren. Griechenland bräuchte eine Dauerpipeline für europäische Subventionen. Österreich, Deutschland und die Niederlande könnten die Außenhandelsdefizite der Krisenstaaten noch drei, vier Jahre finanzieren. Dann ist relativ wahrscheinlich, dass die USA zuerst kollabieren. In Europa wird die EZB wohl Geld drucken.

FORMAT: Mit welchen Folgen?

Otte: Wir geraten immer mehr in etwas, das man Geldsozialismus nennen kann. Wir machen mehr und mehr Schulden. Eine Zeitlang geht das auch gut, doch irgendwann wird die Inflation kommen oder ein Währungsschnitt. Letztlich ist beides möglich, Inflation oder Deflation. Letztere wäre aber das weitaus schlimmere Übel, und es wird alles getan, um sie zu verhindern.

FORMAT: Können Eurobonds eine Alternative zum Gelddrucken sein?

Otte: Sie sind nicht grundsätzlich abzulehnen, aber im Moment würden sie bedeuten, das System der Verantwortungslosigkeit zu institutionalisieren. Es fehlt die wirtschaftliche und finanzpolitische Integration. Jetzt wird diskutiert, dass die nationalen Haushalte in Brüssel vorgelegt werden müssen und die Kommission ein Durchgriffsrecht bekommt – ein Horrorszenario, das mit Demokratie nichts mehr zu tun hat.

FORMAT: Ein Schritt, der aber für Stabilität sorgen könnte.

Otte: Vielleicht. Aber zu welchem Preis? Wenn schon, dann müsste das Europäische Parlament ein Haushaltsrecht haben, dann bräuchten wir eine wirklich demokratische Union. Stattdessen werden jetzt national Schuldenbremsen definiert, ein Automatismus, mit dem man keine Wirtschaftspolitik mehr machen können wird. Wir sparen uns in die Krise hinein.

FORMAT: Hat Europa denn die Zeit für eine demokratisch legitimierte Vertragsänderung?

Otte: Man müsste jetzt schnell den Rettungsfonds noch einmal deutlich aufstocken, aber mit einem automatischen Insolvenzverfahren versehen. Für alles Geld, das vom Rettungsfonds kommt, muss das damit gestützte Land Schulden abschreiben und damit die Banken in die Verantwortung ziehen. Und wenn dadurch Banken pleitegehen, muss der Staat auch diese stützen, aber sie müssen dem Staat, also uns, den Steuerzahlern, dann auch gehören.

FORMAT: Hält die Union?

Otte: Ja. Man wird an dieser Fiktion festhalten und weiter herumeiern. Hoffen wir, dass Europa vernünftig wird.

ZUR PERSON: Max Otte, 47, hat frühzeitig vor den Folgen der US-Immobilienblase und vor aufgeblähten Finanzmärkten gewarnt. Seit Oktober 2011 lehrt der deutsche Ökonom, Fondsmanager und Bestsellerautor („Der Crash kommt“) an der Universität Graz. Otte leitet außerdem das Institut für Vermögensentwicklung in Köln.

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