"Der Herbst-Blues kostet Rendite“

"Der Herbst-Blues kostet Rendite“

Die Psyche als Steuermann der Veranlagung: Die kanadische Finanz-Professorin Lisa Kramer analysiert im FORMAT-Gespräch den Zusammenhang zwischen Herbst-Depressionen und Veranlagungserfolg.

Wer den bekannten Börsenspruch "Sell in May and go away but always remember: Come back in September“ beherzigt, erzielt auf lange Sicht das beste Veranlagungsergebnis. Das trifft zum Beispiel seit 1998 auf US-Aktien zu (s. Grafik). Auch mit deutschen Aktien verdienten Anleger zwischen 2002 und 2011 jeweils im Schlussquartal mit durchschnittlich sechs Prozent Ertrag am meisten.

Kleinanleger machen sich aber durch den Herbst-Blues selbst einen Strich durch die Rechnung. Uni-Professorin Lisa Kramer löst im FORMAT-Interview, das auf Einladung des WU Gutmann Centers geführt wurde, das Rätsel, warum Investoren, wenn die Tage kürzer werden, ihren Risikoappetit verlieren und was zu tun ist, um der Psycho-Falle zu entkommen.

FORMAT: Ist es purer Zufall, dass Börsencrashs häufig in den Herbst fallen?

Lisa Kramer: Die Börsenkrisen von Oktober 1929, Oktober 1987 und von September bis Oktober 2008 hatten viele ökonomische Ursachen. Man darf aber die psychischen Faktoren nicht vernachlässigen. Im Herbst sinkt die Risikoneigung der Anleger. Sie ziehen Gelder aus Aktien ab. Deshalb ist es kein Zufall, dass sich Börsenrückschläge nach dem Sommer häufen.

Welche psychischen Umstände beeinflussen Anlageentscheidungen besonders stark?

Kramer: Rund zehn Prozent der Menschheit leidet unter einer saisonabhängigen Depression. Sie ist in der Medizin als Seasonal Affective Disorder, kurz SAD, bekannt. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die im Herbst kürzer werdenden Tage die Krankheitsursache sind. Dazu kommt noch eine als Winter-Blues bekannte Verstimmung, deren Krankheitsbild aber weniger ernst ist als jenes von SAD.

Wie wirken sich SAD und der Winter-Blues auf Risikoneigung und Anlegerverhalten aus?

Kramer: Die Stärke von Depressionen ist saisonabhängig und steigt von September bis März. Dass die Risikoaversion von Kleinanlegern im Winter hoch ist, gilt generell und nicht nur für SAD-Patienten. Im Herbst und Winter sind Privatanleger weniger bereit, erhöhte Risiken einzugehen. Sie neigen zu sicheren Anlageklassen. Das Gegenteil ist im Sommer der Fall. Mit der Tageslänge steigt die Risikobereitschaft, es werden mehr Aktien gekauft.

Gibt es in der Praxis Belege dafür, dass sich die Risikoneigung im Jahresverlauf verändert?

Kramer: Ja. Der Effekt hat sich über Jahrzehnte hinweg bestätigt. Zwischen September und Dezember investieren Privatanleger verstärkt in Staatsanleihen- und Geldmarktfonds, während aus Aktienfonds Geld abgezogen wird.

Wie wirkt sich die Veränderung der Risikoneigung auf das Veranlagungsergebnis aus?

Kramer: Die Börsenerträge hängen stark von der Jahreszeit ab. Das trifft auf wichtige Börsenindizes wie den amerikanischen S&P 500 oder den deutschen DAX zu. Die Ertragschancen sind für Aktienanleger während des Herbstes und zur Winterzeit am größten. In Stockholm, wo Anleger im Winter mit sechs Stunden Tageslicht leben müssen, ist der saisonbedingte Unterschied der Aktienerträge noch stärker. Das heißt: Die Entscheidung, die Veranlagung im Herbst in Richtung mehr Sicherheit umzuschichten, bringt Einbußen bei den Renditen.

Stimmt noch die alte Börsenweisheit "Sell in May and go away but always remember: Come back in September“?

Kramer: Wer auch immer den Spruch geprägt hat, er muss bereits damals unsere Untersuchungen und Schaubilder erahnt haben. An den Börsen waren längerfristig die durchschnittlichen Erträge zwischen Oktober und April tatsächlich deutlich höher als zwischen Mai und September.

Sollen Privatanleger deshalb ab Ende September mehr Aktien kaufen?

Kramer: Ich möchte das nicht als generellen Anlagetipp abgeben, es gibt Ausnahmen. Ich erinnere nur an den Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008, als der enorme Strom negativer Nachrichten die Anlageentscheidungen nachhaltig beeinflusste.

Welche Lehren können Investoren generell aus Ihren Forschungsergebnissen ziehen?

Kramer: Anleger sind gut beraten, bei ihren Entscheidungen die Jahreszeiten und die spezifischen Risikoprämien zu beachten. Auch wenn man nicht an SAD erkrankt ist, ist zu berücksichtigen, dass wir alle im täglichen Leben Stimmungsschwankungen unterworfen sind. Immer, wenn man starke Gefühle hat, ist das nicht der richtige Zeitpunkt für ökonomische Entscheidungen. Egal, wo wir im Leben stehen. Wichtige Entscheidungen gelingen am besten, wenn man ausgeglichen ist.

Haben auch Blasen an den Finanzmärkten mit der Länge des Tageslichts oder mit dem Wetter zu tun?

Kramer: Das haben wir bislang noch nicht untersucht.

Zur Person: Lisa Kramer, 43, Professorin für Finanzen an der Uni Toronto in Kanada, geht seit dem Jahr 2000 der Frage nach, wie sich emotionale Verstimmungen und Wetterfühligkeit auf das Investorenverhalten auswirken. Kramer ist mit Mark Kamstra verheiratet, der als Finanz-Professor das gleiche Feld beackert. In der Freizeit engagiert sich die reisefreudige Professorin für die Tierschutzorganisation Mercy For Animals Canada.

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