Der FORMAT-Aktientest für 2010: Experten küren die Favoriten der Wiener Börse

Der Sieger im alljährlichen Aktientest von FORMAT ist Andritz, gefolgt von conwert und Semperit. Beim Blick in die Glaskugel bleiben die Experten für österreichische Aktien verhalten optimistisch.

Wolfgang Leitner (im Bild) sitzt beim Anlagenbauer Andritz seit 1994 als Vorstandschef im Sattel. Der Andritz-Miteigentümer und promovierte Chemiker kommt auch bei den Experten, die österreichische Aktien unter Beobachtung haben, immer besser weg. Das steirische Paradeunternehmen arbeitet sich im jährlichen ATX-Ranking von FORMAT seit Jahren konstant nach oben: Vor zwei Jahren rangierte der Technologiekonzern noch auf Platz fünf, im Vorjahr kletterte Andritz bereits auf Rang drei. Im heurigen Ausblick der wichtigsten Austro-Stocks erringen die Grazer mit einem hauchdünnen Vorsprung den Platz an der Sonne. Zur Testmethode: Zehn Experten bewerten die 44 wichtigsten Österreich-Aktien nach dem Schulnotensystem. Dabei erhalten Papiere mit den besten Chancen für 2010 die Note 1. Aktien, von welchen die heimischen Anlage-Profis abraten, werden mit der schlechtesten Note, 5, bedacht.

Jedermanns Liebling Andritz
Ausschlaggebend für den Sieg von Andritz ist im Kopf-an-Kopf-Rennen mit conwert beim gleichen Notenschnitt von 1,9 die Anzahl der vergebenen Bestbewertungen. Der Grazer Anlagenbauer heimst dreimal die Bestnote ein, conwert kann nur zweimal voll punkten. Alfred Reisenberger, Austro-Aktienanalyse-Chef von Cheuvreux: „Andritz ist Everybody’s Darling. Der Konzern hat keine Schulden. Selbst wenn die Konjunktur im nächsten Jahr einen weiteren Rückschlag erleidet, hat der Anlagenbauer kaum etwas zu befürchten.“ Friedrich Erhart, Österreich-Aktienfondsmanager bei Pioneer, pflichtet ihm bei: „Das Management von Andritz ist schlicht und einfach sehr gut.“ Obwohl der Anlagenbauer der Favorit der Experten für 2010 ist, kann es sich lohnen, die Kursentwicklung mit Argusaugen zu verfolgen. Erste-Bank-Analyst Günther Artner: „Man kann am Unternehmen selbst kaum etwas kritisieren. Allerdings ist die Aktie mit einem für das Gesamtjahr 2009 geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 nicht mehr wirklich billig.“

Revival der Immo-Aktien
Alois Wögerbauer, Chef der 3Banken-Generali-Fonds: „Investoren sollten im kommenden Jahr mehr Sachwerte in ihren Depots haben. Die betont konservative Wohnimmobilien-Aktie von conwert ist dafür gut geeignet.“ Christian Ramberger, Chef der Allianz-Fondsgesellschaft, outet sich im Aktien-Ranking überhaupt als wahrer Fan heimischer Immo-Papiere. Ramberger, der Immoeast, Immofinanz, CA Immo und CA Immo International ein „sehr gut“ gibt: „Österreichische Immobilienaktien sind an der Börse noch immer deutlich unter ihrem Buchwert zu haben. International ist das anders, britische Immo-Titel sind bei weitem nicht mehr so billig.“ Volksbank-Investments-Fondsmanager Horst Simbürger: „Wegen der Skandale ist die ganze Immobilienbranche verhasst. CA Immobilien wurde ohne Eigenverschulden in den Abwärtsstrudel gerissen. Deswegen gebe ich Papieren der CA Immo das größte Aufholpotenzial.“ Große Chancen ortet Birgit Kuras, Chefanalystin der Raiffeisen Centrobank, bei Immoeast. Kuras: „Die Sanierung der Immobilienmärkte in Osteuropa verläuft erfolgreich. Das steigert die stillen Reserven im Portfolio der Immoeast.“

Warren-Buffett-Aktie
Wer auf den Spuren des legendären Substanzwerte-Inves­tors Warren Buffett wandeln will, könnte im nächsten Jahr mit Semperit – das Unternehmen erringt im Aktien-Ranking die Bronzemedaille – gut bedient sein. Erste-Analyst Artner: „Semperit ist eine klassische Warren-Buffett-Aktie. Das Unternehmen ist gut geführt, schüttet Dividenden aus, hat keine Schulden und ist an der Börse günstig bewertet.“ In dieselbe Kerbe schlägt Fondsmanager Simbürger „Semperit wird an der Börse als Stiefkind behandelt. Das Unternehmen hat zwar nur 570 Millionen Euro Marktkapitalisierung, dafür aber eine stabile EBIT-Marge von zehn Prozent. Allein die Sparte Sempermed, in der medizinisches Zubehör hergestellt wird, ist eine Perle, die den gesamten Unternehmenswert rechtfertigt.“ Speziell im medizinischen Bereich hat Semperit den Vorteil, dass der Absatz nicht am Tropf der Konjunktur hängt. „Semperit macht allein mit Hygienehandschuhen die Hälfte des Umsatzes. Ich halte eine höhere Bewertung der Aktie für gerechtfertigt“, betont Pioneer-Manager Erhart. 3Banken-Fonds-Experte Wögerbauers Argument für Semperit, das auch für Rosenbauer spricht: „Man muss sich nur die Frage stellen, wie viele Unternehmen in Österreich steigende Gewinne machen. Das sind Semperit und Rosenbauer.“ Rosenbauer kann dar­über hinaus mit vollen Auftragsbüchern punkten. RCB-Analystin Birgit Kuras: „Der Konzern konnte zuletzt mehrere nennenswerte Aufträge an Land ziehen, das größte Volumen stammt dabei aus Asien und dem arabischen Raum.“

Geteilte Meinungen
Ungewohnt verhalten fällt die Aktienbewertung von Wolfgang Matejka, Chef der Matejka BeteiligungsGmbH, aus: „Ich kann keine Aktie mit der Bestnote einstufen, weil das Kursfeuerwerk seit März die Bewertung der Wiener Papiere enorm in die Höhe getrieben hat.“ Das bestätigt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnschätzungen für das Gesamtjahr 2010, das mit einem Wert von 15,6 bereits über dem langjährigen Durchschnitt angekommen ist. In Summe rechnet Matejka damit, dass Wiener Aktien im Jahresverlauf an Boden verlieren werden. Seine ATX-Prognose für Ende 2010: 2.200 Punkte. Aufseiten der Börsenbären steht auch Pioneer-Fondsmanager Erhart: „In den Aktienkursen ist die Erholung schon eingepreist. Ich rechne im nächsten Jahr mit negativen Überraschungen. Je näher wir Richtung 2011 und 2012 kommen, desto mehr fürchte ich mich.“ Den größten Optimismus versprüht dagegen Cheuvreux-Analyst Reisenberger, der dem ATX auf Jahressicht 46 Prozent Kurspotenzial einräumt. Für die Wiener Börse spricht, dass manche Aktienanalysten im nächsten Jahr mit starken Gewinnsteigerungen der Börsenkonzerne rechnen. So taxiert etwa UniCredit-Analyst Peter Bauernfried das Gewinnwachstum der ATX-Unternehmen für das nächste Jahr auf 42 Prozent. Zusätzlich hat erst vergangene Woche die OeNB die Schätzung für das BIP-Wachstum 2010 von minus 0,4 Prozent auf plus 1,2 Prozent nach oben revidiert.

Auf Nummer Sicher
Anleger, die angesichts der widersprüchlichen Einschätzungen mit ausgesuchten Österreich-Aktien auf der ­sicheren Seite bleiben wollen, können zu Titeln mit hoher Dividendenrendite greifen. Dazu zählen etwa Österreichi­sche Post, Telekom Austria oder voest­alpine. Eine solche Taktik könnte sich jedenfalls rechnen, wenn sich die Schätzung von Aktienexperte Matejka abermals als richtig erweist. Exakt vor einem Jahr sah der Börsenprofi den ATX-Stand per Ende 2009 bei 2.500 Punkten. Damit legt Matejka eine Punktlandung hin – bei Redaktionsschluss stand der ATX bei 2.505 Punkten.

Carolina Burger, Robert Winter

Das vollständige Aktien-Ranking 2010 finden Sie im aktuellen Trend-Heft des FORMAT.

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