Der Ex-Chefvolkswirt der DB Norbert Walter im FORMAT-Interview

Der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank gibt am Rande des Business-Circle-Wertpapierforums 2011 Geld-Tipps, um das Ersparte sicher durch die Krise zu bringen.

FORMAT: Herr Walter, liegt der Euro bereits in den letzten Zuckungen, oder ist Panik fehl am Platz?

Walter: Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Euro und Europa zerbrechen, bei etwa 20 Prozent liegt. Mit der deutlich größeren Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent kann man die Lage noch mit Hängen und Würgen bewältigen.

FORMAT: Womit muss gerechnet werden, wenn Ihr Untergangsszenario Realität wird?

Walter: Es gibt darauf keine exakten Antworten. Man muss aber vorbereitet sein, notfalls ohne Sprit und ohne Strom auszukommen. Man sollte sich überlegen, wie man die Familie ernähren kann. Wer ein Fahrrad hat, bleibt zumindest im Umkreis mobil. Ein Gaskocher und eine Gasflasche im Keller wären auch gut.

FORMAT: Wie viel Zeit bleibt noch, bis die letzte Chance verspielt ist?

Walter: Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auf dem richtigen Weg. Wir brauchen die Veränderungen der EU-Verträge und eine zeitweise Einschränkung der wirtschaftspolitischen Souveränität der angeschlagenen Staaten. Dann ist eine günstige Refinanzierung dieser Staaten durch die Geberländer politisch zu verantworten. Die Regeln müssen bis Ostern 2012 klar sein. Bis dahin muss die Europäische Zentralbank einspringen.

FORMAT: Wie können Anleger reagieren, die sich vor dem Horrorszenario fürchten?

Walter: Liquidität zu halten ist eine logische Lösung. Wer an das 20-Prozent-Szenario glaubt, sollte ein bedrucktes Goldband haben, von dem er abschneiden und mit dem er bezahlen kann. Denn in so einer Welt werden Bankguthaben möglicherweise auch nicht mehr verfügbar sein. Diejenigen, für die Bargeld eine Lösung ist, könnten einen Safe anschaffen.

FORMAT: Drohen beim System der Einlagensicherung Spannungen?

Walter: Ich halte die unbegrenzte Sicherung von Spareinlagen, wie sie in Deutschland versprochen wurde, für groben Unsinn. Vor allem reiche Leute müssen sich selbst Gedanken machen, wie sie ihre Mittel anlegen. Alles von staatlicher Seite zu garantieren ist eine Verführung zur Sorglosigkeit. 100.000 Euro Einlagensicherung sind gut, 200.000 Euro wären auch noch in Ordnung. 500.000 Euro sind zu viel. Es könnte eine gute Idee sein, das Geld auf viele verschiedene Banken zu splitten. Aber auch das ist keine Garantie. Es ist denkbar, dass der Staat anhand der Sozialversicherungsnummer alle Guthaben zusammenrechnet und die Höhe der Einlagensicherung nur einmal gilt.

FORMAT: Soll man Geld zur Sicherheit in andere Währungen umtauschen?

Walter: Der Schweizer Franken ist ein interessanter Kandidat. Würde allerdings sehr viel Geld in die Schweiz fließen, wäre es für die Schweiz schwer, die Barriere von 1,20 Euro zu halten. Dann wäre auch wieder eine Parität zum Euro möglich. Die norwegische Krone ist ebenfalls eine ordentliche Währung, aber ihre Liquidität ist nicht ausreichend. Australische und kanadische Dollar zählen nicht zu meinen Favoriten, weil es sich bei ihnen um Rohstoffwährungen handelt. Wenn die Konjunktur wirklich einbricht, wären rohstoffreiche Länder davon besonders betroffen.

FORMAT: Sie beziffern die Wahrscheinlichkeit, dass das „Durchwurschteln“ doch funktioniert, mit 80 Prozent. Womit liegen Investoren in diesem Szenario richtig?

Walter: Aktien sind im Prinzip okay. Aber man sollte von einigen Sektoren die Finger lassen. Das sind etwa Immobilien- oder Bauaktien aus Spanien oder Irland. Anleger brauchen auch wahrlich keine europäischen Finanztitel. Da bieten Aktien von Unternehmen, die Produkte herstellen, die die Welt braucht, deutlich bessere Chancen.

FORMAT: Auch Eurozone-Aktien?

Walter: Ich habe mir wegen der hohen Schwankungen eine kurzfristige Handelsstrategie zurechtgelegt. Ich kaufe deutsche Aktien der verarbeitenden Industrie, etwa aus dem Chemie- oder Autosektor, wenn der DAX auf unter 5.000 Punkte fällt. Ich verkaufe sie, wenn der Index auf über 6.000 Punkte steigt. Deutsche Energieaktien sollte man dagegen nicht kaufen. Solche Papiere haben meine Verluste bei Finanzaktien noch übertroffen. Hätte ich nicht ein paar Unternehmensanleihen des Autosektors gehabt, die sieben Prozent Ertrag brachten, hätte es mich richtig durchgebeutelt. So ist mein Portfolio nominal ungefähr auf dem Stand geblieben, wo es vor dem Börsenabschwung war. Über die Erhaltung des Realwerts rede ich schon lange nicht mehr.

FORMAT: Haben Sie bereits Ihren Liquiditätsanteil erhöht?

Walter: Das habe ich nach der Lehman-Pleite getan. Danach habe ich wieder mehr als zehn Prozent meines Geldes in Aktien investiert. Das habe ich bedauert. Jetzt habe ich 85 Prozent Liquidität. Das bedeutet, dass ich nach Abzug von Steuern und Inflation einen realen Kapitalverlust akzeptiere. In der aktuellen Situation gelte ich unter Kollegen damit trotzdem schon als äußerst erfolgreich.

FORMAT: Halten Sie Anleihen?

Walter: Nur Unternehmensanleihen. Ich habe keine Staatsanleihen und will auch keine. Wer unbedingt Staatspapiere haben will, sollte keinesfalls lange Laufzeiten wählen.

FORMAT: Werden die Börsen das ganze Jahr 2012 von der Eurokrise überschattet?

Walter: Ab Mitte des Jahres werden die USA im Fokus stehen. Die Vereinigten Staaten bewegen sich in Richtung italienischer Verschuldungsverhältnisse. Das kann den Dollar gewaltig beeindrucken. Amerika steht vor der Präsidentenwahl, zwischen der Occupy-Wall-Street-Bewegung und der Tea Party. Einige meiner amerikanischen Freunde sagen, dass bereits jetzt Bürgerkrieg herrscht, zumindest jedoch Klassenkampf und nicht politische Auseinandersetzung mit dem Florett des Arguments. In Summe werden die USA dafür sorgen, dass Europa nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Wir sind dann nur noch Vorletzter.

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