Der große Ausverkauf: Ostaktien stehen günstig, doch die Investoren zögern noch

Die Ostbörsen sind derzeit im Sturzflug. Aktienprofis rechnen mit weiteren dramatischen Kursrückgängen. Ab Juni könnte es aber wieder bergauf gehen.

Noch im Juni 2008 wollte Gazprom zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen. Seither ist die Aktie um 72 Prozent gefallen, und der russische Energiekonzern ist mittlerweile meilenweit vom Ziel entfernt. Nicht nur Ölgiganten sind vom ökonomischen Niedergang massiv betroffen – das ­spiegelt die Entwicklung der Ostbörsen deutlich wider. So stürzten die Aktienindizes in Osteuropa jetzt auf den tiefsten Stand seit Jahren (siehe Grafik ). Alleine im Jänner brachen etliche Börsen im Osten in zweistelliger Höhe ein. Der russische Aktienindex RTX liegt inzwischen 77 Prozent unter dem Rekordhoch von Mitte Mai, der ungarische Blue-Chip-Index HTX hat 59 Prozent eingebüßt.

Drastische Wertverluste  
Die osteuropäischen Währungen zählen wie deren Aktien weltweit zu den großen Verlierern. Der russische Rubel knickte in den vergangenen drei Monaten 35 Prozent ein, beim polnischen Złoty sind die Verluste ähnlich hoch. Die französische Bank BNP Paribas schätzt, dass in den vergange­nen drei Monaten 140 Milliarden Dollar aus Russland abgezogen wurden. Grund für die rasante Talfahrt: „Die Wachstums­prognosen wie auch die Gewinnerwartun­gen der Unternehmen wurden weiter gesenkt“, erläutert Peter Bodis, Manager des Pioneer Eastern Europe Stock. Die Folge: Die ehemaligen Boomländer fallen in sich zusammen wie ein Kartenhaus. In Rumänien, wo im Vorjahr die Unternehmensgewinne noch um 62 Prozent gewachsen sind, müssen die Firmen heuer, laut Prognosen, mit einem Minus von 38 Prozent fertig werden. Und in Russland könnte sich das aktuell geschätzte Minus von 17 Prozent noch verschlimmern.

40 Prozent Kursverlust prognostiziert  
Obwohl die osteuropäischen Aktienmärk­te so billig wie seit Jahren nicht mehr sind, will sich daran derzeit niemand die Finger verbrennen. Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek: „Wir rechnen damit, dass die­se Märkte im ersten Quartal im Schnitt um 30 bis 40 Prozent fallen.“ Verschärft wird die Krise durch akute Engpässe bei Krediten. „Die meisten osteuropäischen Länder sind hoch verschuldet, das macht sie für Krisen besonders anfällig“, urteilt Martina Dobringer, Chefin des österreichischen Kreditversicherers Coface. Bes­tes Beispiel: der russische Oligarch Oleg Deripaska. Er sitzt auf einem Schuldenberg von 16 Milliarden Dollar. Insgesamt kämpfen russische Unternehmen mit Schul­den in Höhe von 300 Milliarden Dollar. Polnische Firmen müssen rund 130 Milliarden Dollar abstottern. Die RZB fürchtet, dass das Kreditvolumen in den CEE-Staaten 2009 stagniert. Der größte Gefahrenherd ist aber Russland. Allein die Auslandsverschuldung ist seit 2005 um 140 Prozent gestiegen: „Russland ist für uns weltweit das Land mit den größten Risiken“, urteilt Kreditversicherin Dobringer.

Warten auf die Trendwende
Kein Wunder, dass die Investmentprofis noch nicht zugreifen, auch wenn der Ausverkauf schon als übertrieben gilt. „Im Vergleich zu den anderen Schwellenländern sind die russi­schen Aktien mit einem KGV von vier eindeutig zu billig“, erklärt Pioneer-Manager Bodis. Bereits für Juni rechnet die RZB damit, dass die Ostmärkte wieder ins Plus drehen und im vierten Quartal sogar kräftig zulegen. Bodis ist dagegen skeptisch: „Das ist Wunschdenken. Es wird noch bis 2010 dauern, bis sich die Indizes erholen.“ Experten warnen jedoch davor, alle osteuropäischen Länder in einen Topf zu werfen. „Ein einheitliches Osteuropa gibt es nicht. Der Sturm, den die US-Krise ausgelöst hat, trifft die Nationen unterschiedlich hart“, analysiert Gunter Deuber von der Deutsche Bank Research.

Erste Aufschwungskandidaten
So hätten sich Polen, Tschechien, die Slowakei und Slowenien erfolgreich auf den Weg der Reformen begeben. Deuber: „Diese Staaten werden auch rascher wieder an einem Aufschwung partizipieren.“ Wenn es um den Börsenkandidaten geht, der als Erster wieder anspringt, setzen die Profis dennoch auf Moskau. Bodis: „Russland wird aufgrund seiner zyklischen Ausrichtung auch als Erster wieder kräftige Kursgewinne verbuchen.“ Noch sind aber defensive Werte das Gebot der Stunde. Am beliebsten sind momentan Telekomtitel wie die tschechische Telefónica O2 und die kroatische T-Hrvatski Telekom.

Von Anneliese Proissl

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