Das Geschäft mit dem manipulierten Hochfrequenzhandel

Das Geschäft mit dem manipulierten Hochfrequenzhandel

Das Geschäft im Hochfrequenzhandel mit Wertpapieren wird härter, die Grenze zum Insider-Deal fließend. Selbst renommierte Agenturen wie Thomson Reuters mischen mit.

Möglichkeiten das schnelle Geld via Hochfrequenzhandel zu machen haben sich etwa am 17. Mai ergeben, als unbekannte Trader innerhalb von 100 Millisekunden 16.000 US-Dollar verdient haben. Um diesen Gewinn zu realisieren, brauchten die Händler nur eines: Einen Informationsvorsprung von 25 Millisekunden - also nicht einmal dem Zehntel der Zeit, die das menschliche Auge braucht, um ein Mal zu blinzeln.

Wie man zu diesem Vorsprung kommt? Etwa, indem man seine Großrechenanlagen nur eine Straßenbreite entfernt von den wichtigen Trading-Zentren der Welt aufbaut und so - durch die kürzere Leitung - um Wimpernschläge früher an relevante Information kommt als die Konkurrenz. Oder indem man schnellere Daten-Server und dickere Übertragungsleitungen installiert.

Das daraus resultierende Phänomen heißt Hochfrequenzhandel: In kürzester Zeit werden Wertpapiere ge- und verkauft, meist mit sehr geringen Spannen, aber die große Menge der Trades ergibt den Gewinn. Die Praxis hat dazu geführt, dass die durchschnittliche Haltedauer einer US-Aktie bei gerade einmal 22 Sekunden liegt. Die Kritik daran wird - bis dato vergeblich - lauter. Der Ökonom Marc Chesney, Professor für Quantitative Finance an der Universität Zürich, prangerte etwa in einem Kommentar für die "Neuer Zürcher Zeitung” den Hochfrequenzhandel scharf an: "Die Millisekunde ist nicht die zeitliche Einheit von Investitionen in der Realwirtschaft, die Wochen, Monate oder Jahre erfordern. Sie ist die zeitliche Einheit von Wetten in einer Casino-Wirtschaft, die der Logik des Unternehmertums widerspricht und in der Kapital seine Eigenschaft als Kapital verliert.“ Dazu kommen systemische Risken, wie der "Flash Crash“ aus dem Jahr 2010, als eine Unzahl vollautomatischer Order den Dow Jones binnen weniger Minuten um fast zehn Prozent nach unten rasseln ließ.

Neu ist, dass offenbar auch scheinbar objektive Nachrichten-Lieferanten ebenfalls ins Spiel mit den Millisekunden einsteigen. Womit wir wieder bei den 16.000 Dollar in 100 Millisekunden wären. Dieser Gewinn kam zustande, weil die Agentur Thomson Reuters mit der University of Michigan einen speziellen Deal laufen hatte, der es dem Datendienstleister gestattete, die Daten zum Michigan-Vertrauens-Index fünf Minuten vor dem Rest der Welt zu erhalten und an ausgewählte Klienten weiterzugeben. Dazu gab es den noch erleseneren Kreis an Reuters-Kunden, die weitere zwei Sekunden Vorsprung erhielten. Für einen High Frequency Trader eine halbe Ewigkeit. Der Preis für diesen Vorteil: 6.000 US-Dollar.

Mini-Vorsprung

An besagtem 17. Mai nützten ein oder mehrere Trader die Gunst der Stunde. Für 10 Uhr stand die Veröffentlichung der Daten aus Michigan an. Um 9:54:57,975 Uhr wurden über den sogenannten Spider ETF-Markt, der den US-Sammelindex S&P 500 abbildet, Order über 100.000 Papiere zum Nennwert von je 165,90 Dollar abgeben. Es waren Kauf-Order, die auf steigende Kurse spekulierten. Die Aufträge wurden 0,025 Sekunden erteilt, bevor selbst privilegierteste Trader über die Informationen zu den positiven Daten aus Michigan verfügten. 100 Millisekunden später stieg der Kurs dieses ETF auf 166,06 Dollar. Der Gewinn aus dem Anstieg um 16 Cent: eben jene 16.000 Dollar.

500 Millisekunden später waren Order über 40 Millionen Dollar platziert worden. Zehn Sekunden später waren es 100 Millionen.

Der Rest der Welt erhielt die Daten aus Michigan vier Minuten und 50 Sekunden später. Aber die guten Deals waren zu diesem Zeitpunkt schon alle gelaufen.

Interesse der Justiz

Die University of Michigan hat den bis dahin einer breiten Öffentlichkeit unbekannten Vorverkauf der Daten damit gerechtfertigt, dass ihre Sammlung seit 1940 über private Initiativen zustande gekommen sei und auch privat finanziert werde. Thomson Reuters argumentierte, es sei das ureigenste Geschäft einer Agentur, ihren Kunden einen Vorsprung zu verschaffen. Gegen den Vorwurf, dem Insiderhandel Vorschub zu leisten, verwehrte man sich. Als die Praktiken jedoch im Sommer dieses Jahres bekannt wurden und Marktbeobachter meinten, Reuters habe "seine Seele verkauft“, wurde es den Verantwortlichen trotzdem zu heiß. Der Dienst wurde ausgesetzt, die New Yorker Staatsanwaltschaft untersucht jetzt die Vorfälle.

Vor wenigen Tagen beschwerten sich Akteure an den wichtigen Öl-Börsen, dass Hochfrequenzhändler immer stärker dorthin drängen, aber "keinerlei wirtschaftlichen Nutzen” bringen.

Gesetzliche Beschränkungen, die Kritiker längst fordern, könnten dem System schon bald zusetzen. Außerdem könnte der Hochfrequenzhandel auch Opfer seines eigenen Erfolgs werden. Denn die extrem teure Infrastruktur und die immer besseren, miteinander konkurrierenden Hochfrequenz-Rechner drücken die Margen so weit, dass sich für kleinere Player der Aufwand kaum mehr lohnt. Lag der Profit beim Handel mit einem Papier früher im Durchschnitt noch bei zehn Cent, so sind es jetzt nur noch fünf Cent. Langsam geht deswegen der Anteil des Hochfrequenzhandels am Gesamtvolumen der Finanzmärkte wieder zurück.

Mit der Reduzierung der Marktteilnehmer droht das Segment, das zu seiner Blütezeit 3,3 Milliarden Wertpapiere pro Tag bewegte, jedoch zu einem Oligopol zu werden. Die Marktmacht konzentriert sich also noch weiter, was ebenfalls Probleme bringt. Um allzu starken Verwerfungen Vorschub zu leisten, wird letzten Endes also doch der Gesetzgeber gefragt sein. Deutschland spielt eine Vorreiterrolle. Am 15 Mai ist dort das Hochfrequenzhandelsgesetz erlassen worden. Nur: Geld folgt den laxesten Regeln. Und davon gibt es in den USA genug.

---

3,3 Milliarden
Wertpapiere wurden in der Blütezeit des Hochfrequenzhandels täglich über ultra-schnelle Großrechenanlagen gehandelt.

6.000 Dollar
verrechnete die Nachrichtenagentur Thomson Reuters ihren Kunden für einen kursrelevanten Informationsvorsprung von zwei Sekunden. Der Dienst wurde inzwischen eingestellt.

22 Sekunden
beträgt die durchschnittliche Behaltedauer eine US-Aktie.

70 Prozent
des US-amerikanischen Wertpapierhandels wird über den Hochfrequenzhandel durchgeführt.

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Steuern

Zehn Tipps für den Steuerausgleich

Service

Die Suche nach dem besten Konto

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik

Geld & Service

Was man als Passagier wissen muss: 5 Fakten zum Lufthansa-Streik