"Alles, was im letzten Jahr gar nicht gegangen ist, läuft auf einmal wieder"

Die Börsen legten den besten Start seit 15 Jahren hin. Deutschlands ­populärster Fondsmanager Klaus Kaldemorgen analysiert im FORMAT-Interview, wie man in Zeiten der Wackelbörsen am besten Geld verdient.

Klaus Kaldemorgen hat von extremen Kursanstiegen bis zu heftigen Börsenkrisen schon alles erlebt. Der wohl bekannteste Aktienfondsmanager Deutschlands ist schon seit 30 Jahren im Geschäft und verwaltet allein in seinen beiden Flaggschiffen, dem Weltaktienfonds DWS Akkumula und DWS Vermögensbildungsfonds I, rund acht Milliarden Euro. Heuer sind die DWS-Aushängeschilder nach einem Durchhänger im Vorjahr wieder flott unterwegs. So stieg der DWS Akkumula seit Jahresbeginn bereits um 5,5 Prozent. FORMAT traf Klaus Kaldemorgen am Rande einer Investmentkonferenz in Salzburg zum Interview.

FORMAT: Die Börsen haben heuer den besten Start seit 15 Jahren hingelegt – und das sowohl in Europa als auch in den USA. Wo kommt plötzlich der Optimismus her?

Kaldemorgen: Viele Menschen können das Wort Schuldenkrise einfach nicht mehr hören und beginnen umzudenken. Dazu kommt, dass die Wirtschaftsnachrichten in den USA wieder besser sind und auch in Deutschland viele Unternehmen von lebhaften Geschäften berichten. Jetzt sagen sich viele Investoren, Griechenland samt Italien bekommen wir auch noch hin, und es wird wohl alles nicht so schlimm wie erwartet. Insgesamt sind die Märkte im „Risk-on“-Modus. Alles, was im letzten Jahr gar nicht gegangen ist, läuft auf einmal wieder.

Haben Sie in Ihren Fonds wieder die Segel voll gesetzt?

Bei den normalen Aktienfonds sind wir wieder mit mehr PS unterwegs, halten aber immer noch aus Vorsicht eine gewisse Bargeldquote. Ähnlich verhält es sich bei dem neuen Mischfonds DWS Concept Kaldemorgen, bei dem wir auch wieder stark auf Finanzwerte gesetzt haben, was sich sehr positiv auswirkt.

Das Fondsanalysehaus Morningstar bemängelte kürzlich, dass Ihre Einzelaktienauswahl 2011 nicht immer ganz glücklich war und Rendite gekostet hat.

Wir waren nicht immer diszipliniert genug beim Verkauf schlecht laufender Aktien. Das ist sicher ein Punkt auf der Liste für das Jahr 2012, dass wir Aktien, die sich schlecht entwickeln, rechtzeitig abstoßen.

Würden Sie jetzt auch Privatanlegern raten, sich beherzter von Aktien zu trennen, wenn es wieder nach unten geht?

Ja. In den vergangenen zehn Jahren haben Anleger mit dem reinen Behalten von Aktien nichts verdient. Wenn man aber zum jeweiligen Tiefpunkt gekauft hat, konnte man hohe Gewinne erzielen, zum Beispiel 59 Prozent zwischen den Jahren 2002 und 2005 oder sogar 89 Prozent zwischen Frühjahr 2009 und jetzt. Das ist der höchste Gewinn seit 1935. Solche Zwischenerholungen innerhalb einer Seitwärtsbewegung sind also nicht zu unterschätzen. Man sollte nur aufpassen, auch einmal rechtzeitig Gewinne mitzunehmen – entweder man macht es selbst, oder man greift zu flexiblen Vermögensverwaltungsfonds.

Aktuell blicken wir also auf 89 Prozent Gewinn zurück. Wie weit kann das noch weitergehen?

Für einen weiteren langfristigen Kursanstieg mit einem Übertreffen der alten Rekordkurse sind die Wachstumsraten der Wirtschaft zu gering. Wir bleiben weiter in einer Auf-und-ab-Bewegung innerhalb einer gewissen Bandbreite. Wir können aber durchaus heuer an das obere Ende dieses Bereichs stoßen und sehr ordentliche Renditen erzielen. Gegen Jahresende haben wir zum Beispiel für den DAX ein Kursziel von 6.600 Punkten. Zwischendurch kann es durchaus höher gehen, wir könnten heuer ohne weiteres auf 7.000 bis 7.500 Punkte laufen. Diese Kursbewegung wird nicht vom Wirtschaftswachstum herrühren, das eher schwach ausfallen wird, sondern vom neu erwachten Vertrauen in Aktien. Positiv könnte auch eine Entspannung der Schuldenkrise wirken. Es wird bisher von den Anlegern noch völlig unterschätzt, dass die Europäische Zentralbank durch die ¬Finanzierungsangebote an die Banken massiv auf das Gaspedal gedrückt hat. Auf den Punkt gebracht, wird es die Liquidität sein, die heuer die Märkte treiben wird.

Wo sehen Sie die größten Gefahren für Rückschläge?

Wenn die Umschuldung Griechenlands scheitert und das Land pleitegeht, wird die Verunsicherung kurzfristig wieder zunehmen. Letztlich muss das aber keine schlechte Nachricht sein. Selbst wenn die Abschreibungen höher ausfallen als geplant, ist endlich wieder Ruhe, und die Griechen können sich wieder erholen. Entscheidend für Europa ist Italien, und da zeigt sich seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Mario Monti ein komplett anderes, positives Bild. Seine Sparpläne sind zwar schmerzhaft, aber klar und ausgewogen. Die Italiener können stolz sein auf ihre Regierung.

Sie haben auch bereits wieder italienische Staatsanleihen gekauft.

Ja. Auch bei UniCredit-Aktien sind wir mittlerweile einer der größten Anteilseigner. Das Management hat sich bei der Kapitalerhöhung und der Kommunikation mit den Anlegern nicht mit Ruhm bekleckert. Aber die Bank an sich ist so gut aufgestellt, dass auch wieder Gewinne fließen werden.

Wie stark lasten die 110 Milliarden Euro für zusätzliche Kapitalerhöhungen auf dem Euro-Bankensektor?

Diese in Aussicht gestellten Kapitalerhöhungen haben die Aktienkurse stark gedrückt, werden aber längst nicht in dem Ausmaß kommen. Oft werden nur wie jetzt bei der Commerzbank interne Umschichtungen und Neubewertungen vorgenommen. Das heißt, die Bankaktien können noch insgesamt um 100 Milliarden Euro steigen, weil das Kapital nicht über den Aktienmarkt aufgebracht werden muss. Ich habe jedenfalls wieder auf 18 Prozent Finanzwerte in meinen Weltaktienfonds aufgestockt. Als taktisches Investment macht das Sinn, es sind noch 20 bis 30 Prozent Kursgewinne möglich.

Welche Region ist Ihr Favorit?

Man kann derzeit die Börsen eindeutig nach dem aktuellen Risikoappetit einteilen. Wenn die Investoren wieder Risiko nehmen, profitieren die Emer¬ging Markets und Europa; wenn die Stimmung umschlägt, fließt das Geld stärker in die USA und nach Japan. Das hängt damit zusammen, dass klassische Langfristinvestoren wie Versicherungen und Pensionskassen seit längerem auf dem Rückzug sind und immer mehr Hedgefonds und andere kurzfristige aggressive Anleger das Geschehen an den Börsen bestimmen. Die denken stark in diesen Risikokategorien. Deswegen sind US-Aktien im Vorjahr sogar leicht gestiegen, während sie in Europa im Schnitt um 15 Prozent fielen. Dieses Phänomen gab es noch nie. Das heißt, Europa ist in den Köpfen der meisten angelsächsischen Anleger der neue Emerging Market und steckt voller Risiken. Das ist zu negativ gesehen. Dadurch ergibt sich heuer für Europa eine Menge Potenzial.

Sind deutsche Exporteure wie etwa die Autobauer noch ein heißer Tipp?

Im Augenblick läuft China weiter gut, und auch der Autoabsatz in den USA holt auf. Ich frage mich aber, wie lange das noch so weitergehen kann. Da bin ich lieber vorsichtig.

Schwellenländer waren im Vorjahr schlecht unterwegs, Sie halten dort auch jetzt nur rund fünf Prozent Ihres Aktienvolumens. Glauben Sie auch heuer nicht an dieses Thema?

Doch, durchaus. Man darf sich nicht nur die direkten Investments anschauen. Bei den Industriestaatenaktien, die ich halte, liegt der Umsatzanteil in den Emerging Markets immerhin bei 31 Prozent. Außerdem schauen wir wieder China und auch Singapur an.

Welche Aktien sind derzeit Ihre größten Lieblinge?

Ich setze stark auf den Gesundheitsbereich und dort besonders auf Pfizer, Teva und Sanofi, dazu bin ich in unserem hauseigenen Biotechfonds engagiert, weil ich die Titelauswahl lieber Spezialisten überlasse. Immerhin hat der Fonds in den vergangenen drei Monaten den Jackpot geknackt und profitierte von dreistelligen Kurssteigerungen nach Übernahmen. Technologie ist weiter ein Thema, Apple ist zum Beispiel die viertgrößte Position im DWS Akkumula. Dazu kommen Telekomaktien wie Vivendi oder die Deutsche Telekom, das sind inzwischen konservative Value-Aktien mit hoher Dividendenrendite.

Was ist mit Industrietiteln wie Siemens?

Klassische Industrieaktien haben wir verkauft und dafür Finanzaktien aufgestockt. Noch besser als Bankaktien gefallen mir Versicherungen, etwa die Allianz, weil dort kein Problem mit dem Eigenkapital besteht. Wenn die Euro-Schuldenkrise gelöst ist, werden Versicherungen die großen Gewinner sein.

Das Interview führte Martin Kwauka

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