Kredite: Sind die Deutschen doof – oder wir Österreicher Zocker?

Experten raten, die aktuell günstigen Bedingungen für Kredite auf möglichst lange Zeit zu fixieren.

Kredite: Sind die Deutschen doof – oder wir Österreicher Zocker?

Sind die Deutschen doof – oder wir Österreicher Zocker? Eine interessante Frage, die sich bei einer Betrachtung des Kreditmarkts geradezu unausweichlich aufdrängt. Deutschland: Fast jeder Immobilienkredit wird mit Fixzinsvereinbarung abgeschlossen. Manche Banken offerieren erst gar keine variabel verzinsten Kredite. "In Österreich ist das genau umgekehrt. Wir bieten zwar Fixzinskredite an, aber mehr als 90 Prozent unserer Kunden wählen die Variante mit den variablen Zinsen“, berichtet Manfred Aschauer, Vertriebs-Verantwortlicher in der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien.

Warum das so ist, zeigt ein Blick auf die entsprechenden Konditionen: Der Zinssatz variabel verzinster Kredite orientiert sich am 3-Monats-Euribor, also jenen Konditionen, die Banken einander für dreimonatige Ausleihungen verrechnen. Derzeit liegt dieser Zinssatz bei rund 0,2 Prozent. Inklusive Bankspesen, Risikoaufschlag und Gewinnspanne ermöglicht das Nominalzinssätze zwischen 1,31 und 2,25 Prozent. Der Vorteil: Derzeit befinden sich die Zinsen auf einem historischen Tiefstand, die monatlichen Raten fallen dementsprechend niedrig aus. Der Nachteil: Steigt der Euribor - in der Vergangenheit gab es hier auch schon Konditionen jenseits der 10-Prozent-Marke -, dann ziehen die Kreditzinsen mit, und zwar in vierteljährlichen Abständen. Theoretisch - aber sehr unwahrscheinlich - könnten die Zinsen für einen jetzt billigen Kredit sogar wieder auf zehn bis 14 Prozent klettern. Dort waren sie zuletzt 1993.

Ganz anders funktionieren Fixzinskredite: Um über zehn oder 15 Jahre einen fixen Zinssatz garantieren zu können, müssen die Banken Absicherungsgeschäfte durchführen. Die entstehenden Kosten werden auf den Zinssatz aufgeschlagen. Dieser bewegt sich daher zwischen 2,75 Prozent und über vier Prozent. Der Nachteil: Dem höheren Nominalzinssatz entsprechend fallen hier höhere Monatsraten an. Der Vorteil: Kreditkunden können Zinserhöhungen beruhigt entgegenblicken - für die Dauer der Fixzinsperiode ist die Belastung durch den Kredit einzementiert. Nach der Fixzinsphase ist ein beachtlicher Teil des Kredits bereits getilgt. Die Deutschen wählen also die sichere Seite, die überwiegende Mehrzahl der österreichischen Kreditnehmer spekuliert hingegen darauf, dass die Zinsen ohnedies niedrig bleiben.

Wer hat Recht?

Die Experten würden sich eher wie die Deutschen entscheiden. "Ich persönlich bin ein Fixzinsfan“, gesteht Christof Sperk, Bereichsleiter Produktmanagement bei der Bank Austria. Reinhard Amann, Wohnbauverantwortlicher der Erste Bank, sieht das ähnlich. "Unsere Empfehlung lautet: Absicherung des aktuell günstigen Zinsniveaus.“ Klar ist jedenfalls, dass die Kreditzinsen nicht noch weiter sinken können. Die aktuell 0,2 Prozent, um die der Euribor derzeit pendelt, können schon rein mathematisch kaum noch unterboten werden. Wenn sich die Zinsen ändern, dann wohl nur in eine Richtung: aufwärts. Aber - wie weit? Hier sollten sich Kreditnehmer die Frage stellen, wie denn der niedrige Euribor zustande kommt. Dafür gibt es nämlich zwei Gründe. "Einerseits orientiert sich der Euribor am Leitzins, und der liegt derzeit mit 0,75 Prozent ebenfalls auf einem historisch niedrigen Niveau“, erklärt Valentin Hofstätter, Zinsanalyst der Raiffeisen Bank International. Im "Normalfall“ müsste sich der Euribor um diesen Leitzinssatz bewegen. "Andererseits aber hat die Europäische Zentralbank eine Überliquidität geschaffen, und das drückt den Euribor noch tiefer“, so Hofstätter. Um Bankenkrise und Kreditklemme zu verhindern, hat die EZB ziemlich großzügig Geld in den Markt gepumpt. Die Banken schwimmen derzeit noch in Liquidität.

Doch das wird sich ändern

"Wir haben also zwei Entwicklungen zu erwarten: Wenn die Konjunktur wieder anspringt, wird die EZB den Leitzins langsam anheben. Aber noch vorher nähert sich der Euribor schrittweise dem Leitzins an“, meint Hofstätter. Bereits für das Ende dieses Jahres prognostiziert Hofstätter einen Euribor von 0,4 Prozent, 2014 dürfte dann die EZB ihren Leitzins auf ein Prozent anheben. Das würde variabel verzinste Kredite um 0,8 bis einen Prozentpunkt verteuern und den derzeitigen Abstand zu Fixzinskrediten zumindest schon halbieren. Die "Ruhig-Schlaf-Prämie“, die Fixzinsfans gegenüber der Anhängerschaft variabler Kreditzinsen in Kauf nehmen, wird prognosegemäß im kommenden Jahr also kleiner.

Zinsenwette

Es gibt freilich noch eine andere Möglichkeit, sich gegen ausufernde Zinsen abzusichern: den so genannten Zinscap. Dabei handelt es sich um eine Art Wette auf steigende Zinsen. Vereinbart wird eine Zinsobergrenze ("Cap“). Bleiben die Zinsen, wo sie sind, oder steigen nur moderat, dann verfällt der Kaufpreis des Zinscaps (also der "Wetteinsatz“) - aber immerhin profitiert der Kreditnehmer ja von den weiter niedrigen Zinsen. Steigen die Zinsen hingegen, dann steigt parallel dazu auch der Wert des Zinscaps. Die höheren Kreditraten werden durch den Gewinn an anderer Stelle kompensiert - eine praxisnahe und preisgünstige Lösung. Ganz ohne Schutz kann es nämlich gefährlich werden.

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Niedrigzins-Spekulation
Wer derzeit einen Kredit mit variablen Zinsen aufnimmt, kommt in den Genuss historisch niedriger Monatsraten. Der Nachteil: Jede Änderung des Euribor führt bereits nach wenigen Monaten zu einer Verteuerung und einer entsprechenden Erhöhung der monatlichen Belastung. Die Banken empfehlen daher die Vereinbarung einer Zinsobergrenze. Auch hier variieren die Konditionen je nach Bonität und Ausmaß der Besicherung.

Konservative Lösung
Im aktuellen Niedrigzins-Umfeld tun sich Bauspardarlehen schwer: Die vertragsgemäße Zinsuntergrenze (in den meisten Fällen drei Prozent) liegt über den variablen Konditionen. Allerdings lockt hier eine automatische Zinsobergrenze (Cap) von sechs Prozent, ein gutes Argument für konservative Kreditnehmer, die sich gegen steigende Zinsen absichern wollen. Größere Unterschiede ergeben sich in der ersten Phase vor Zuzählung des Darlehens ("Zwischenfinanzierung“), wenn kein angesparter Bausparvertrag existiert.

Deckel drauf
Fixzinskredite erscheinen Ihnen zu teuer, variabel verzinste zu riskant? Kein Problem – die Lösung heißt "Zinscap“. Dabei fixieren Sie eine Zinsobergrenze, beispielsweise sechs Prozent. Möglich ist das zwar meist nur für zehn bis höchstens 15 Jahre, doch dann ist der Kredit ohnedies schon zu einem beachtlichen Teil getilgt.

Auf der sicheren Seite
Wer sich für einen Fixzinskredit entscheidet, muss zwar für die Fixzinsperiode (üblich sind zehn Jahre, danach wird der Kredit variabel zu Marktkonditionen verzinst - allerdings ist dann die aushaftende Summe geringer) höhere Monatsraten in Kauf nehmen. Er kann aber bei möglichen Zinserhöhungen ruhig schlafen.

Gefährliche Talfahrt
Der Euribor ist jener Zinssatz, den Banken einander gegenseitig verrechnen und der die Grundlage für die Konditionen variabel verzinster Kredite bildet. Ein Blick darauf verleitet zum gefährlichen Trugschluss, dass es langfristig mit den Zinsen immer nur bergab geht. Aber: Tiefer geht’s kaum noch. Zinsanalysten rechnen damit, dass dieser Zinssatz schon heuer zu steigen beginnt und ab dem kommenden Jahr noch einen Schub nach oben bekommt. Dann werden auch die Kreditzinsen wieder steigen. Klettert der Euribor wieder in die Gegend von zwei Prozent - dort war er vor nicht einmal eineinhalb Jahren -, erreichen variable Kredite bereits Regionen, in denen sie mit aktuellen Fixzinskrediten gleichziehen - deren Konditionen aber auf zehn Jahre festgezurrt sind.