Emerging Markets: „Hoffnungsträger der globalen Wirtschaft ist weg“

Emerging Markets: „Hoffnungsträger der globalen Wirtschaft ist weg“
Emerging Markets: „Hoffnungsträger der globalen Wirtschaft ist weg“

Hauptursache für die Abschwächung in den Emerging Markets ist China. Aber auch große Länder wie Brasilien sind wirtschaftlich zurückgefallen.

Das hohe Wachstum in den Emerging Markets ist vorbei. Welche Länder besonders betroffen sind, warum es noch lange so bleiben wird, was das für die Rohstoffpreise und Europa bedeutet und was Anleger in dieser Situation tun sollten.

In den vergangenen zwanzig Jahren waren die Schwellen- und Entwicklungsländer die treibende Wirtschaftskraft schlechthin. Die Wirtschaftsleistung ist in dieser Zeit mehr als doppelt so schnell gewachsen wie in den Industriestaaten. Inzwischen erzielen diese Länder mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung weltweit. China beispielsweise ist heute gemessen an der Kaufkraft bereits größer als die USA. Doch das ist ein Blick auf die glorreiche Vergangenheit und das Ergebnis dessen.

Wachstum halbiert

Doch die Zukunft dürfte weniger strahlend sein. „Mit der Wachstumsdynamik ist es erst einmal vorbei“, ist Martin Hüfner, Chefökonom des Asset Managers Assénagon, der die Situation in den Emerging Markets eingehend analysiert hat, überzeugt. 2007 exportierten Schwellen- und Entwicklungsländer noch acht Prozent, inzwischen sind es nur noch vier Prozent. „Die Hauptursache ist die Abschwächung in China“, analysiert Hüfner. Aber auch Brasilien ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Russland ist ökonomisch zurückgefallen, ebenso Südafrika und die Türkei.

Nur zwei größere Länder haben ihre wirtschaftliche Situation zuletzt verbessert: Indien und Indonesien. „Beides sind Staaten, in denen eine politische Führung an die Macht kam, die erkannt hat, dass es so nicht weitergehen kann“, so Hüfner.

Ohne wirtschaftlich kluge Rahmenbedingungen kein nachhaltiger Aufschwung

Die von vielen Investmentexperten über Jahre gebetsmühlenartig wiederholten Argumente wie eine junge Bevölkerung und viele Rohstoffe würden das Land vorwärtsbringen, hat sich als nicht ausreichend erwiesen. „Eine Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn es auch entsprechende wirtschaftliche Rahmenbedingungen gibt. Es müssen Straßen gebaut werden, für Wettbewerb gesorgt werden, Korruption bekämpft werden und die Verwaltung effizient gestaltet werden. All das wurde aber verabsäumt“, erläutert Hüfner.

„Es geht den Schwellenländern jetzt wie der EU nach der Einführung des Euro. Die EU hat damals die niedrigen Zinsen genossen und hat sich über hohes Wachstum gefreut und hat dabei nicht bedacht, eine vernünftige Wirtschaftspolitik zu implementieren, die Ungleichgewichte bekämpft“, analysiert Hüfner.

Keine kurzfristige Entwicklung

Ein Crash wie in den 80er und 90er Jahren blieb in den Emerging Markets zwar aus, aber die Staaten kämpfen mit hohen Haushaltsdefiziten und Problemen mit der Leistungsbilanz. Auslandskapital fließt ab, die Währung wird schwächer. Hüfner: „Es kommt zu steigender Inflation und politischen Unruhen. Und das ist keine kurzfristige Entwicklung. Am Beispiel Europa zeigt sich, wie viele Anstrengungen es benötigt, wieder auf den gesunden Pfad zurückzukehren.“

Wachstumsraten der Industriestaaten werden weiter sinken

Die Folgen dieser Entwicklung in den Emerging Markets sind weitreichend. „Das Wachstum von Handel und Produktion wird noch niedriger ausfallen, als ohnehin bereits erwartet wird.“ Das bedeutet nach Einschätzung von Assenagon: Die Wachstumsprognosen in den Industriestaaten werden nach unten korrigiert werden müssen." Das Wachstum der Industriestaaten wird damit nicht mehr wie bisher von den Schwellenländern angetrieben, sondern muss von der Binnennachfrage kommen. Das hat vor allem für Deutschland, die größte Exportnation der EU, gravierende Folgen. Knapp ein Drittel der deutschen Exporte wird zudem in die Emerging Markets geliefert.

Rohstoffpreise sinken dauerhaft

Das langsamere Wirtschaftswachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern hat aber auch einen Vorteil: Die Rohstoffpreise sinken. Hüfner: „Die sinkenden Preise bei Öl, Kupfer und anderen Energieträgern der letzten Jahre waren nur eine kurzfristige Laune der Märkte. Künftig könnte es ein dauerhafter Trend werden.“ Hüfner rät daher zur Vorsicht bei Investments in diesem Bereich.

Türkei und Indien von US-Zinsanstieg besonders betroffen

Das gilt laut Hüfner auch generell für Investments in Emerging Markets. „Volkswirtschaftlich gesehen, macht es keinen Sinn. Es ist zu früh.“ Es werde noch lange dauern, bis diese Länder ihre Schwierigkeiten überwunden haben und wieder zur Wachstumslokomotive werden. „Wenn die Amerikaner die Zinsen anheben wird es zuerst noch größere Probleme in den Ländern geben, die hohe Leistungsbilanzen aufweisen, wie etwa Indien und die Türkei.

Dennoch können sich auch in dieser schwierigen Phase in den Emerging Markets Chancen auftun. Bestes Beispiel ist Russland. Die Entwicklung zeigt, welche großen Schwankungen es in einem Land mit großen Schwierigkeiten gibt. In den vergangenen drei Monaten etwa ist der russische Aktienindex RTS um zwölf Prozent gestiegen, der deutsche Aktienindex dagegen nur um sechs Prozent.

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