Die Weltwirtschaft im Jahr 2014

Die Weltwirtschaft im Jahr 2014

Für 2014 gibt es deutliche Anzeichen für eine Erholung. Europa gelingt wieder ein kleines Wachstum. Von einem richtigen Aufschwung ist aber noch nicht die Rede.

Würde man das Wort des Jahres der Ökonomen wählen müssen, gäbe es dabei wahrscheinlich einen sehr unspektakulären Sieger: das Wort "aber“. Schon was 2013 betrifft, gab es kaum einen Ökonomen-Satz ohne "Aber“, und für 2014 setzt sich das reibungslos fort. Auf jede gute Nachricht folgt ein "Aber“.

"Die akute, besonders schlimme Phase der Krise ist vorbei, aber die Krise selbst nicht“, sagt etwa der US-Ökonom Barry Eichengreen. Irlands Rückkehr an die Finanzmärkte sei ein sehr ermutigendes Zeichen für die Normalisierung der Situation, sagt der deutsche Wirtschaftsweise Lars Feld, "aber es ist wie bei einem Langstreckenlauf: Wenn man die Hälfte hinter sich hat, hat man die schwerere Hälfte noch vor sich.“ Und auch Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), warnt: Die Headlines mögen besser sein, aber wenn man dahinter blickt, sieht man, dass noch nicht alles wieder im Lot ist. Kurzum: 2014 wird zwar besser, aber noch nicht wirklich gut.

Zugegeben, das war auch für 2013 schon erwartet worden, nur hat sich der Aufschwung weiter verzögert - im Jahresverlauf wurden die Prognosen nach unten korrigiert. Neun von 17 Euroländern stecken in der Rezession fest, Griechenland erlebt das sechste Jahr in Folge den Rückgang seiner Wirtschaftsleistung mit allen gesellschaftlichen Nebenwirkungen.

Für 2014 bedeutet das, dass es nicht einfach wird. Der IWF erwartet für die Währungsunion 2014 ein Wachstum von einem Prozent, nachdem die Wirtschaftsleistung 2013 um 0,4 Prozent zurückgegangen ist. Außer Zypern und Slowenien sollen alle Euroländer zulegen. Die Weltwirtschaft wird nach aktuell 2,9 Prozent im Jahr 2014 um 3,6 Prozent wachsen.

Dieses Mal werden es ungewohnterweise die Industrieländer sein, die den Aufschwung tragen. Vor allem die USA entwickeln sich sehr gut. Die Impulse aus den Schwellenländern schwächen sich ab. Der Boom, wie sie ihn vor der Finanzkrise erfuhren, kehrt nicht zurück. Sie werden mit 5,1 Prozent aber deutlich rasanter zulegen als die Industriestaaten.

Das Wachstum ist weltweit also breiter aufgestellt. Erstmals seit Jahren warnt keine internationale Institution vor Horrorszenarien oder einer tiefen Rezession. Der Boden ist offenbar erreicht, schon 2013 zeigte sich das: Weder als Zypern fast pleite ging, noch als sich der US-Kongress lange nicht auf das Anheben der Schuldengrenze einigen konnte, warf das die Weltwirtschaft so richtig aus der Bahn. Jetzt folgt das obligatorische "Aber“: Gelingt es Europas Politik wirklich, unter den neuen Umständen die Reformen fortzuführen? Schafft es die Fed, die Geldmenge zu verringern, ohne damit die Entwicklung der Schwellenländer abzuwürgen? Und woher kommt das Wachstum, wenn weiterhin alle sparen?

Eurozone bleibt im Fokus

Ein Teil des Wachstums wird aus Europa kommen. Wird hier in manchen Staaten die Stimmung besser, überträgt sich das aufgrund der wirtschaftlichen Verwebungen sofort auf andere. Nach über vier Jahren im Ausnahmezustand mehren sich die Zeichen für Normalität. Mit Irland hat das erste Krisenland den Rettungsschirm verlassen und will sich wieder über die Märkte finanzieren. Spanien hat Ähnliches vor, und auch in den anderen Peripherieländern geht es bei Unternehmensgründungen, Industrieproduktion und Exporten aufwärts.

Mit der Bankenunion und Finanzpakt-Programmen schreitet zudem die Integration voran. Langsamer zwar, als sich das manche Experten wünschen, aber immerhin: In Zukunft sollen Banken abgewickelt werden können, ohne dass gleichzeitig das ganze Finanzsystem den Bach runtergeht. Für Liquidität, um Kredite an die Realwirtschaft anzukurbeln, wird zwar weiter die Europäische Zentralbank (EZB), die vielen als wichtigste Krisenretterin gilt, sorgen müssen. Grundsätzlich aber können die gesetzten Maßnahmen das Vertrauen in die Eurozone stärken, sagen Experten.

Allerdings schlägt sich die neue Normalität noch nicht in wichtigen Kennzahlen nieder: Die Schulden (siehe Grafik Seite 14) und auch die Staatsdefizite bleiben hoch. "Der öffentliche Sektor fällt als Impulsegeber für die Wirtschaft deshalb mehrheitlich aus“, sagt Carsten Brzeski, Volkswirt der ING-Bank. Es könnte sein, dass 2014 Griechenland, womöglich aber auch Portugal, darum ansucht, seine Schulden langsamer als vereinbart zurückzuzahlen.

Der Brennpunkt der europäischen Politik wird freilich die Arbeitslosigkeit sein. Sie hat in ganz Europa Höchststände erreicht (siehe Grafik Seite 8). Für IWF-Chefin Christine Lagarde ist das das größte "Aber“ der aktuellen Situation: Die Massenarbeitslosigkeit in weiten Teilen der Eurozone lasse berufliche Fähigkeiten erodieren und verhindere den Aufbau von langfristigen Kapazitäten, sagte sie.

Auch Österreich hat mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Das Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent im Jahr 2014 wird etwa laut der Österreichischen Nationalbank (OeNB) zu keinem Rückgang führen, da sich gleichzeitig das Angebot an Arbeitskräften erhöht. Gestützt wird dieses Wachstum von Aufholeffekten: Der private Konsum soll steigen, auch die Investitionen: "Lange wurden sie aufgeschoben, jetzt aber helfen die niedrigen Zinsen und der finanzielle Polster der Unternehmen“, sagt Doris Ritzberger-Grünwald, OeNB-Chefökonomin. Aufgrund der verbesserten Situation der Nachbarländer gewinnen zudem die Exporte wieder an Schwung. Ritzberger-Grünwald warnt deshalb davor, das "Pflänzchen Konjunktur mit Konsolidierungen abzuwürgen“.

Dafür, dass sich Europa tatsächlich stabilisiert, wird ein anderes Land wesentlich sein: Frankreich. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hat stark an Wettbewerbsfähigkeit verloren und steckt nach wie vor in der Rezession. Es fällt bei Reformen am Arbeitsmarkt oder im Pensionssystem hinter Krisenländer zurück. "Frankreich kann seine Probleme lösen, indem es seine Wirtschaftspolitik ändert“, sagt aber der deutsche Ökonom Clemens Fuest (siehe Interview Seite 10).

Dass Reformen trotz aller Härte Früchte tragen können, zeigt ein Blick auf die Prognosen für 2015: Dann sollen Spanien und Italien schneller wachsen als Deutschland.

Wirtschaftsanker USA

Bleibt Europa stabil, könnte sich 2014 die Aufmerksamkeit auf die USA richten. Nach Anlaufschwierigkeiten nimmt die US-Wirtschaft nun stärker an Fahrt auf. Die Industrieproduktion steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Parallel dazu ziehen erstmals seit dem großen Crash die Häuserpreise wieder an. Die Privatverschuldung wiederum ist gesunken. "Mit Ausnahme des öffentlichen Sektors sieht das alles sehr positiv aus“, sagt ING-Volkswirt Carsten Brzeski. Auch mit einen Börsencrash sei nicht zu rechnen, Konsolidierungen seien aber möglich.

Aufgrund der hohen Staatsverschuldung wird auch in den USA der Staat als Wirtschaftsantrieb ausfallen. Zumindest aber sollte er nicht weiter als Bremse wirken: In den vergangenen Wochen zeichnete sich ab, dass sich die Pattstellung zwischen den Republikanern und den Demokraten im Kongress aufweicht. Im Oktober machte die Diskussion um das Anheben der Schuldenobergrenze - kurz bevor die Pleite droht - das Land noch handlungsunfähig. Im Februar droht dieses Szenario wieder, allerdings sollen neue Mechanismen schneller zu einer politischen Einigung führen.

Langsamere Schwellenländer

Nicht nur für die USA selbst, sondern auch für die Weltwirtschaft wird auch 2014 die US-Notenbank Fed eine wesentliche Rolle spielen. Ihre Ankündigung, die expansive Geldpolitik zu drosseln, hat im zweiten Halbjahr 2013 für Unruhe in den Schwellenländern gesorgt. Investoren zogen ihr Geld ab, weil sie mit höheren Zinsen in den USA rechnen. Brzeski etwa geht davon aus, dass das in den aktuellen Anleihenpreisen bereits berücksichtigt ist. Weitere Schocks für Schwellenländer wären unwahrscheinlich.

Staaten wie China, aber auch Brasilien und Indien sind heute wesentlich besser aufgestellt als zu Zeiten der Asienkrise in den 1990er-Jahren. Ihre Währungen sind nicht an andere gebunden, die Währungsreserven sind teils hoch, um sie in Notfällen einsetzen können. Beim Übergang von Wirtschaften, die vor allem auf den Export bauen, hin zu mehr Binnenkonsum kann das für Stabilität sorgen.

"Wir beobachten, dass Konsumenten in den Schwellenländern langfristig sehr optimistisch bleiben“, sagt Nikolaus Lang, Partner bei der Boston Consulting Group in München - selbst wenn die aktuellen Prognosen nicht nach Boom aussehen. Wie die meisten Experten schätzt Lang China stabil ein, vorausgesetzt es kommt zu keiner Immobilienblase oder bösen Überraschungen bei Banken. Auch Brasilien und Russland entwickeln sich sehr gut. Davon wiederum können exportierende Staaten wie Österreich profitieren.

Die Chancen, dass es 2014 zu einer breiteren Erholung kommt, stehen nicht schlecht. Aber: Restrisiken bleiben - und viele Arbeitslose werden die Erholung noch nicht spüren.

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