Börsen in China crashen - wie geht es weiter

In nur zwei Wochen sind die Kurse an Chinas Börsen um 20 Prozent abgestürzt.

In nur zwei Wochen sind die Kurse an Chinas Börsen um 20 Prozent abgestürzt.

Der chinesische Aktienmarkt hat in zwei Wochen 20 Prozent verloren.Was die Ursachen dafür sind, was die Regierung dafür tut, welche gigantischen Pläne sie wälzt und was die vorangegangene Rallye ausgelöst hat.

Derzeit stürzen die Aktienmärkte in China unaufhaltsam Richtung Süden. So geht der Crash, selbst nach 20 Prozent Kursverlust der Leitindizes aus Shanghai und Shenzen in den vergangenen beiden Wochen unvermindert weiter. Der Shanghai Composite Index verlor 3,5 Prozent und schloss erstmals seit Anfang April unter 4000 Punkten. Der CSI300-Index, in dem die größten börsennotierten Unternehmen beider Handelsplätze vertreten sind, gab 3,4 Prozent nach. Zuvor hatten die Börsen zuvor einen monatelangen Höhenflug hingelegt hatte.

Chinesen fühlen sich durch Kurssturz düpiert

Für chinesische Investoren hingegen ist die scharfe Korrektur an den Börsen ein Schlag ins Gesicht für das Land und die Regierung. Viele glauben, dass die Schuld bei ausländischen Investoren liegt, die massiv auf fallende Kurse in China gewettet haben sollen. Die chinesischen Marktbetreiber fühlten sich zu einer Stellungnahme genötigt: Sie hatten am Mittwoch zurückgewiesen, dass ausländische Investoren wie Goldman Sachs Spekulationen gegen den chinesischen Markt eingegangen sind.

Handelsvolumen schlägt das der USA bereits um Längen

Noch im April haben sowohl die Börse in Hongkong als auch die Märkte auf dem chinesischen Festland in Shanghai und Shenzhen eine spektakuläre Wertentwicklung erlebt. Der Hang Seng stieg um 13 Prozent, der Shanghai A-Share-Markt um 18,5 Prozent. Das Handelsvolumen der drei chinesischen Märkte Hongkong, Shanghai und Shenzhen ist mittlerweile so stark gestiegen, dass das Handelsvolumen etwa im April 3,6 mal höher war, als das Handelsvolumen der New York Stock Exchange und Nasdaq zusammen. Damit werden 254 Milliarden Dollar pro Tag in China gehandelt, gegenüber 71 Milliarden in den USA. Die Tagesumsätze in China waren im April 2015 um das 7,5fache größer als im April 2014.

Hongkong mit den Börsen Shanghai und Shenzhen ist mittlerweile der drittgrößte Aktienmarkt der Welt, hinter China, wenn auch vor Japan. Die drei chinesischen Märkte stellen heute zusammen 18 Prozent der weltweiten Kapitalisierung dar, im Vergleich dazu verbuchen die Vereinigten Staaten 35 Prozent.

Was die vorangegangene Börsenrallye ausgelöst hat

Diese beeindruckende Entwicklung innerhalb eines so kurzen Zeitraums hat mit einer Reihe von Maßnahmen zu tun, die die chinesische Regierung für eine Öffnung ihrer Wirtschaft gegenüber dem Rest der Welt unternommen hat. Vor allem ist sie die Folge davon, dass China die Öffnung seiner Kapitalbilanz vorantreibt. Sie versuchen damit die Aufnahme des chinesischen Yuan in den Internationalen Währungsfonds als fünfte Währung zu erreichen, um so in das Programm der Sonderziehungsrechte aufgenommen zu werden. Eine Entscheidung dazu soll im Oktober fallen. Die Verabschiedung der Entscheidung des IWF bedarf 70 Prozent der Stimmen, während die Vereinigten Staaten lediglich ein Stimmrecht von 17 Prozent haben. Für ein solches Votum gibt es beim IWF kein Vetorecht.

China ist bereit alles zu tun, um schwache Konjunktur anzukurbeln

China hat im April seine Mindestreservesätze um ganze 1.000 Basispunkte gesenkt. Das war damit das erste Mal seit Dezember 2008, dass sie so entschieden handelt. Dies ist ein Ausdruck der Bereitschaft Pekings, seine Binnenwirtschaft zu einer Zeit stark zu unterstützen, zu der makroökonomische Daten nicht gerade herausragend sind.

Was die Regierung gegen den Crash tut

Die Regierung in Peking hat aber auch kurzfristige Maßnahmen betroffen, um den Kursverfall zu stoppen. So hat Peking am 27. Juni mit mehreren Maßnahmen reagiert: Erstmals wurden sowohl die Leitzinsen als auch die Mindestreservesätze reduziert. Außerdem wurde die 75%-Grenze aufgehoben, in Höhe derer Kredite bisher durch Einlagen gedeckt sein mussten. Darüber hinaus hat die Zentralbank dem Markt weitere Liquidität zur Verfügung gestellt.

Stärkeres Wachstum im zweiten Halbjahr erwartet

Die Deutsche Asset & Wealth Management rechnet für Chinas Wirtschaft 2015 weiter mit 6,8 Prozent Wachstum 2015, das sich jedoch im zweiten Halbjahr beschleunigen soll. "Der Immobilienmarkt zieht in einigen Großstädten wieder an und die staatlichen Stimulus-Programme sollten bald anfangen, Wirkung zu entfalten", so Deutsche-Asset-Chef Asoka Wöhrmann. Der Effekt für Aktien fällt im Vergleich zu Immobilien jedoch sehr gering aus, da nur Chinesen ein rund ein Viertel desjenigen von Immobilien beträgt. Trotzdem fördert Peking den Kapitalmarkt, um mittelfristig weitere Börsengänge und Eigenkapitalfinanzierungen zu ermöglichen.

Seidenstraße soll im großen Stil wiederbelebt werden

Um die Wirtschaft voranzutreiben, hat die chinesische Wirtschaft zusätzlich zu den aktuellen Stimuli ein gigantische Projekt in Angriff genommen. Um die Öffnung der chinesischen Wirtschaft voranzutreiben, wurde die Initiative „Ein Gürtel und eine Straße“-Initiative – "One Belt, One Road (OBOR) ins Leben gerufen. Diese bedeutet den Aufbau eines Wirtschaftsgürtels entlang der alten Seidenstraße auf dem Landweg und einer maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts über des Seeweges und stellte eine großangelegte diplomatische Offensive Chinas dar. Das Projekt soll China als einen „neuen Typ Großmacht“ hervorheben und seine multilateralen Institutionen und internationalen Kooperationen unterstreichen. China will damit auch beweisen, dass es in der Lage ist die Dynamiken einer post-westlichen Welt zu analysieren und adäquat auf diese reagieren zu können.

"Der 13. Fünfjahresplan, der zurzeit in Peking formuliert wird, wird zweifelsohne das OBOR-Programm neben der Umsetzung entscheidender Reformen einschließen", so Heidi Rauen von Klimek Advisors

100 Milliarden Dollar für den neuen Wirtschaftskorridor

Das Investitionsvolumen ist 100 Milliarden Dollar schwer. Davon stehen 40 Milliarden für den auf Zentralasien fokussierten Silk Road Fund bereit, 50 Milliarden sollen in die neue Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) investiert und weitere 10 Milliarden für die BRICS-geführte New Development Bank ausgegeben werden.

Beginn eines Bärenmarktes?

Davon gehen die wenigsten Experten aus. Emerging-Market-Guru Mark Mobius hat die nun eingetretene Korrektur von 20 Prozent, aufgrund des starken Anstiegs in jüngster Zeit, bereits erwartet. Der Manager des Templeton Emerging Markets Fonds fügt aber gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg hinzu: "Das ist nicht der Beginn eines Bärenmarktes."

H-Shares mit Potential

"Wir sind überzeugt, dass der gegenwärtige Abschlag der H-Shares gegenüber den A-Shares in Höhe von rund 30 Prozent im Zuge der Öffnung von Chinas Kapitalbilanz verschwinden wird", so Heidi Rauen von Klimek Advisors.

Die immer noch relativ niedrigen China-Quoten für ausländische Anleger sollte nach Ansicht der Deutschen Bank den Kursen langfristig Impulse geben, wenn diese Quoten im Zuge der Marktliberalisierung weiter erhöht werden. Die Asset Manager ziehen den Hang Seng Index dabei den lokalen Börsen noch vor.

Anhebung des China-Anteil im MSCI-Index könnte Aktienkurse kräftig nach oben treiben

Die Beschleunigung der Ereignisse innerhalb des chinesischen Raums war selbst für viele Börsenexperten überwältigend. Rauen von Klimek Advisors: "Diese werden grundlegende Auswirkungen auf unsere Industrie haben, angefangen mit Veränderungen, die im weltweiten Aktienindiz MSCI durchführt werden, um dieses neue Umfeld widerzuspiegeln." Rauen erzählt von einem Gespräch mit MSCI-Vertretern, die glauben, dass die Einbindung der A-Shares in die MSCI-Indizes eine derartige Auswirkung haben wird, wie sie wahrscheinlich nie wieder stattfinden wird. Die Erhöhung von Anteilen im wichtigsten weltweiten Aktienindex geht meist wie das Amen im Gebet mit einem kräftigen Kursanstieg einher, da viele Fonds sich bei ihren Investments am MSCI orientieren und nicht selten nur eine leichte Über- oder Untergewichtung vornehmen.

Maroder Immomarkt profitiert von Zinssenkungen

Dass die Zinssenkungen wirken zeigen, belegen die vergangenen zwei. So stiegen kurz danach die Immobilien-Transaktionen im April im Jahresvergleich in großen Städten um 33 Prozent. Der landesweite Durchschnitt lag bei +18,5 Prozent.

Schwenk zu dienstleistungsorientierter Wirtschaft gelingt

Das chinesische BIP-Wachstum betrug im ersten Quartal, wie erwartet, sieben Prozent. Am stärksten fiel das Wachstum in den Bereichen Finanzindustrie und Dienstleistungen aus. China ist damit, so wie es die Regierung erhofft, eindeutig eine dienstleistungsorientierte Wirtschaft geworden.

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