Wall Street - Dezent statt dekadent

Wall Street - Dezent statt dekadent

SELTENER ANBLICK. Beim Börsengang von Ferrari parkte eine lange Reihe glänzender Ferraris vor der Börse. An normalen Tagen sieht man genau das nicht mehr.

Champagner, Huren und Koks waren gestern. An der Wall Street sind die Milliarden zwar zurück, doch der Protz bleibt verschwunden. Mit den Boni kauft man jetzt eher einen Picasso als Frauen oder Luxussportwagen.

Nein, er möchte nichts bestellen, sagt Michael Nelson* mit einem müden, aber höflichen Lächeln zu der Kellnerin. "Ich muss gleich wieder weg." Er lässt sich auf einen Stuhl in einem Café unweit der Wall Street fallen, ein junger Mann Ende 20, italienischer Maßanzug, gut aussehend, etwas blass im Gesicht.

Draußen ist es längst dunkel, die meisten Büroangestellten in New York haben bereits Feierabend. Nelson dagegen weiß nicht, wie lange ihn sein Chef heute noch im Büro festhalten wird.

Er hat sich nur für ein paar Minuten aus dem Büro gestohlen, für ein kurzes Interview. Der Chef weiß nichts von dem Gespräch, deswegen dürfen wir auch Nelsons wahren Namen nicht nennen, die Bank, für die er arbeitet, oder seine Abteilung. Die Banken haben in den vergangenen Jahren mühsam versucht, ihr Image wieder aufzupolieren. Daher wollen sie nicht, dass ihre Angestellten mit der Presse reden, schon gar nicht über Geld.

Welches Geld überhaupt? Nelson verdient umgerechnet rund 115.000 Euro pro Jahr, inklusive Bonus - ein Witz, wenn man das mit den Gehältern vor der Finanzkrise vergleicht.


Die Wall Street ist heute ein anderer Ort als vor sieben Jahren. Der Hass auf einen Berufsstand hat Spuren hinterlassen.

Die wilden Zeiten mit den abgefahrenen Champagner-Huren-Koks-Partys auf Spesenkosten kenne er nur noch aus Erzählungen. Nelson zuckt mit den Schultern: "Sorry." Aber er finde das in Ordnung: "Ich arbeite nicht in einer Bank, um mit 30 Jahren Millionär zu sein, sondern um mit 40 Jahren Experte auf meinem Gebiet zu sein und eine gute Basis für meine Karriere zu schaffen."

Was ist aus den Masters of the Universe geworden? Jenen breitbeinigen Typen, die keine Gelegenheit ausließen, ihre eigene Brillanz zu betonen und mit ihrem Geld zu wedeln?

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