Nach Abgas-Skandal: Quartalsverlust bei Volkswagen, Aktie zieht an

Nach Abgas-Skandal: Quartalsverlust bei Volkswagen, Aktie zieht an
Nach Abgas-Skandal: Quartalsverlust bei Volkswagen, Aktie zieht an

Mitarbeiter bei der Produktion des Passat im VW-Werk Emden.

Der Abgas-Skandal hat den erfolgsverwöhnten Volkswagen-Konzern ins Schleudern gebracht. Nach Geständnissen, dramatischen Kursverlusten, Rücktritten, Entschuldigungen und angekündigten Millionen-Rückrufen gibt es nun auch den ersten Quartalsverlust seit vielen Jahren. Konzernchef Matthias Müller reagierte heute mit einem Fünf-Punkte-Plan.

Der Abgas-Skandal reißt ein riesiges Loch in die Bilanz des VW-Konzerns (ISIN DE0007664005): Erstmals seit mindestens 15 Jahren fuhr Europas größter Autobauer auf Quartalsbasis einen Verlust von rund 3,5 Milliarden Euro ein. Der Wolfsburger Konzern wies am Mittwoch für den Zeitraum Juli bis September einen Betriebsverlust (EBIT) von rund 3,5 Milliarden Euro aus. Vor einem Jahr hatte ein Gewinn von 3,3 Milliarden Euro zu Buche gestanden. Auch unter dem Strich ist das Ergebnis mit minus 1,7 Mrd. Euro tiefrot.

Die Rückstellungen für die millionenfachen Rückrufe von Dieselfahrzeugen wegen der Manipulation von Abgaswerten stockte Volkswagen leicht auf 6,7 Milliarden Euro auf. Im September hatte der Konzern die Summe von 6,5 Milliarden Euro genannt. Die Marke VW Pkw trägt die volle Last der Rückstellungen für Rückrufe

Wegen der Belastungen musste der Vorstand um den neuen Konzernchef Matthias Müller die Jahresziele anpassen: Das operative Ergebnis des Konzerns und des Bereichs Pkw werde 2015 deutlich dem des Vorjahres liegen. Die operative Rendite des Konzerns solle vor Sondereinflüssen zwischen 5,5 und 6,5 Prozent liegen, die des Bereichs Pkw zwischen 6,0 und 7,0 Prozent. Bisher hatte Volkswagen diese Spanne ohne Herausrechnung von Sonderbelastungen in Aussicht gestellt.

Hilfe vor Aufklärung

Müller reagierte heute außerdem mit einem Fünf-Punkte-Plan auf den seit Wochen andauernden Abgas-Skandal. An oberster Stelle stehe demnach die Hilfe für die Besitzer manipulierter Diesel-Autos.

Punkt zwei sei die Aufklärung der Manipulationen. "Wir müssen die Wahrheit herausfinden und daraus lernen", erklärte Müller. An dritter Stelle folge der Konzernumbau und das Sparprogramm. "Der Kernpunkt ist: Unser Konzern wird künftig dezentraler geführt", sagte Müller und wiederholte damit Pläne, die VW bereits bekanntgegeben hatte. Marken und Regionen sollen eigenständiger agieren können. Zudem komme die Gewinnkraft aller gut 300 Fahrzeugmodelle auf den Prüfstand.

Punkt vier seien die Arbeitsatmosphäre und das Führungsverständnis im Unternehmen. Müller betonte: "Wir brauchen eine Kultur der Offenheit und der Kooperation." Er forderte im kollegialen Umgang miteinander zudem mehr Mut, mehr Kreativität und auch mehr Unternehmertum.

An fünfter Stelle verwies der Vorstandsvorsitzende auf den Ausbau der bisherigen Ziele für das Jahr 2018. Sie sollen zur "Strategie 2025" werden. "Dem "Höher, Schneller, Weiter" wurde vieles untergeordnet, vor allem die Umsatzrendite", sagte Müller mit Blick auf die Rivalen Toyota und General Motors. Wichtiger als 100.000 Fahrzeuge mehr oder weniger als die Konkurrenz zu verkaufen, sei "qualitatives Wachstum". Mitte nächsten Jahres will Müller die "Strategie 2025" vorstellen.

Leichter Aufwind an der Börse

An der Börse hatte man offenbar mit noch schlimmeren Verlusten gerechnet. Die VW-Aktien zogen nach der Bekanntgabe der Zahlen um 3,1 Prozent an. Im laufenden Jahr steht trotzdem noch ein Kursverlust von über 30 Prozent.

"Wir werden alles daran setzen, verloren gegangenes Vertrauen wiederzugewinnen", sagte VW-Konzernchef Matthias Müller. Die zentrale Erklärung für den milliardenschweren Verlust sind rund 6,7 Mrd. Euro hohe Rückstellungen für die Folgen des Skandals. Jedoch steckt in der Bilanz auch ein positives Gegengewicht: Die Wolfsburger hatten sich im Sommer endgültig vom früheren Partner Suzuki getrennt. Durch den Verkauf der gehaltenen Suzuki-Anteile konnte Volkswagen 1,5 Mrd. Euro als positiven Sondereffekt im Finanzergebnis verbuchen und somit die Dieselskandal-Folgen ein wenig lindern.

Die Erklärung dafür, dass die Zahlen beim Nachsteuerergebnis nicht noch schlechter ausfielen, liegt in der Besonderheit des China-Geschäftes bei den Wolfsburgern. Da Volkswagen im Reich der Mitte mit Partnern unterwegs ist, behandeln die Buchhalter die Gewinne von dort nur wie eine Art Beteiligung. Daher fließt der Ertrag ins Finanzergebnis und taucht somit vor Zinsen und Steuern noch gar nicht auf. Bis Ende September lagen die anteiligen operativen Ergebnisse der chinesischen Joint Ventures stabil bei 3,8 (3,9) Milliarden Euro.

Gewinneinbußen bei Porsche SE

Der VW-Hauptaktionär Porsche SE rechnet wegen des Gewinneinbruchs bei Volkswagen infolge des Diesel-Abgasskandals mit mindestens zwei Milliarden Euro weniger Nettogewinn. Die von den Familien Porsche und Piech kontrollierte Holding senkte die Prognose für den Konzerngewinn in diesem Jahr auf 0,8 bis 1,8 Milliarden Euro. Ursprünglich hatte die Porsche SE im Frühjahr für 2015 ein Ergebnis nach Steuern von 2,8 bis 3,8 Milliarden Euro erwartet. Die jetzige Prognose unterliege jedoch Einschätzungsrisiken, da sie von weiteren Erkenntnissen im Zusammenhang mit der "Dieselthematik" abhängig sei, erklärte das Stuttgarter Unternehmen weiter.

Auch das Liquiditätspolster der Holding ist nicht mehr ganz so üppig. Die Porsche SE gehe nach dem Erwerb von 1,5 Prozent der VW-Stammaktien von der Suzuki Motor Corporation zum Ende des Jahres von einer Nettoliquidität von 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro aus. Vor dem Kauf hätte die Summe 1,7 bis 2,3 Milliarden Euro betragen.

Ihre Quartalsbilanz legt die Holding am 10. November vor. Die Holding war einst gegründet worden, um den Volkswagenkonzern zu übernehmen. Sie hält die Mehrheit an VW. Das operative Geschäft von Porsche ist inzwischen eine 100-prozentige Tochter von VW.

Konzern in der Krise

Europas größter Autokonzern hatte Mitte September eingeräumt, mit einem Computerprogramm die Abgaswerte bei Dieselwagen manipuliert zu haben. Es drohen Milliardenkosten für Rückrufe und wegen Strafzahlungen und Klagen.

Weltweit geht es um etwa 11 Millionen Autos der Konzernmarken VW-Pkw, VW-Nutzfahrzeuge, Audi, Seat und Skoda. Allein in Deutschland müssen 2,4 Millionen Diesel in die Werkstatt zurückbeordert werden. In Österreich sind es 363.000. Diese Aktion soll im Jänner beginnen. EU-weit sind rund 8,5 Millionen Fahrzeuge betroffen. Neben Ausgaben für Rückrufe drohen noch größere Kosten, etwa für Klagen und möglichen Schadenersatz.

Unterdessen nimmt die juristische Aufarbeitung des Abgas-Skandals Fahrt auf. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitete gegen mehrere Mitarbeiter des Autobauers Ermittlungsverfahren ein. Das sagte eine Sprecherin der Behörde am Dienstag und bestätigte damit einen Bericht der Branchenzeitung "Automobilwoche".

Bisher hatte es zwar ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Betrug gegeben, zunächst jedoch ohne konkrete Beschuldigte. Über die Identität der Beschuldigten wollte die Sprecherin keine Angaben machen, es gehe allerdings nicht um die erste Führungsriege des Konzerns. Das Verfahren könne sich aber noch ausweiten. Anfang Oktober hatten die Ermittler bei einer Razzia in der Wolfsburger Konzernzentrale Unterlagen und Datenträgern beschlagnahmt.

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