Abgas-Skandal: Die VW-Aktie gibt es nun zum Schnäppchenpreis

Nach Bekanntwerden das Abgas-Skandals in den USA rasseln die Aktien des größten europäischen Autoherstellers VW in die Tiefe und ziehen die Konkurrenten Daimler und BMW gleich mit. Die Aktie ist nun billig, aber die Probleme der Wolfsburger häufen sich.

Abgas-Skandal: Die VW-Aktie gibt es nun zum Schnäppchenpreis

Der Abgas-Skandal des deutschen Automobilherstellers Volkswagen hat am Montag für einen massiven Kurssturz der Aktie gesorgt: Zur Spitze gaben die VW-Papiere um 18,6 Prozent nach, was einer Vernichtung von zwölf Milliarden Euro Marktwert entspricht – in etwa so viel wie die gesamte Marktkapitalisierung der Commerzbank. VW zog den deutschen Leitindex Dax ebenso wie die beiden deutschen Konkurrenten Daimler und BMW in die Tiefe, deren Aktien jeweils über drei Prozent an Wert verloren. An nur einem Vormittag verlor die Branche 22 Milliarden Euro an Börsenwert, doppelt so viel wie die Marktkapitalisierung der Erste Bank (10,98 Milliarden Euro).

Am Wochenende hatte Volkswagen massive Abgas-Manipulationen in den USA zugegeben, die dem Autobauer nach Angabe der US-Umweltschutzbehörde EPA eine Strafe in Höhe von 18 Milliarden Dollar einbrocken könnte. Zusätzlich wird mit Sammelklagen von geschädigten Kunden gerechnet. Bei fast einer halbe Million Autos wird VW verdächtigt, die Abgasvorschriften vorsätzlich umgangen zu haben. VW hat den Verkauf einiger Autos in den USA nun gestoppt.

Viel größer als der finanzielle Schaden ist laut Autoexperte Stefan Bratzel aber der Imageschaden, der nicht nur VW, sondern alle Hersteller des Landes treffe: "Das ist ein deutsches Thema. Da sind alle in der Sippenhaftung", ist der Wissenschaftler überzeugt. Geklärt werden müsse nun, ob auch andere Hersteller die Abgaswerte manipuliert hätten – Daimler und BMW wiesen am Montag darauf hin, selbst nicht im Visier der EPA zu stehen. VW wird neben der Baustelle USA nun auch klären müssen, ob nicht auch in Asien und Europa getrickst wurde.

„Lance Armstrong der Automobilindustrie“

Zur Diskussion steht nun auch, ob der Skandal personelle Konsequenzen hat – und das, obwohl sich gerade erst die Wogen rund um den Machtkampf Piech/Winterkorn geglättet haben. Experten des US-Analysehauses Bernstein bezeichneten VW-Chef Martin Winterkorn in einem Artikel von Wallstreet Online als „Lance Armstrong der Automobilhersteller“. Die Situation sei tatsächlich sehr ernst, und Vieles werde davon abhängen, wie VW nun mit der Angelegenheit in den USA umgehe – ein Abstreiten der Verantwortung wird dort nicht funktionieren.

Toyota ist nicht mehr die Nummer 1

Der japanische Autoriese Toyota, der bisherige Weltmarktführer, ist nicht mehr die Nummer 1: Knapp geschlagen werden sie von VW, die im ersten Halbjahr 20.000 Fahrzeuge mehr verkauften.

Analysten sehen VW auf der Überholspur

Entsprechend gut gelaunt sind Analysten in Bezug auf die Volkswagen-Aktie: 24 raten zum Kauf, sieben zum Halten, sechs zum Verkaufen. Der Zielkurs liegt durchschnittlich bei 247,07 Euro - ein Ertragspotenzial von rund 30 Prozent.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer geht gar so weit, dem VW-Chef einen Rücktritt nahezulegen. Als direkter Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung habe der Vorstandsvorsitzende entweder von den Manipulationen gewusst oder sei ahnungslos und habe seinen Geschäftsbereich nicht im Griff, sagt Dudenhöffer der "Frankfurter Rundschau". In beiden Fällen sei Winterkorn an der Konzernspitze nicht mehr tragbar.

In einer ersten Reaktion entschuldigten sich die Wolfsburger für den Skandal und betonten, offen und umfassend mit den Behörden zu kooperieren. „Volkswagen duldet keine Regel- oder Gesetzesverstöße jedweder Art“, heißt es in der Aussendung. Der Konzern habe nun eine externe Untersuchung beauftragt.

China belastet auch 2016

Doch die USA sind nicht die einzige Baustelle für den Volkswagen-Konzern: Auch die Sorgen um die chinesische Konjunktur bereitet den Anlegern Kopfzerbrechen. Laut Finanzbericht für das erste Halbjahr 2015 verkaufte VW von Jänner bis Juni über 1,7 Millionen Fahrzeuge, während im Heimmarkt Westeuropa nur gut 1,6 Millionen Fahrzeuge verkauft wurden.

Damit ist der größte Automobilhersteller Europas zugleich auch jener deutsche Anbieter, der in China die stärkste Position hat – und entsprechend exponiert ist: Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2014 gab der Absatz in China nämlich um 3,9 Prozent nach. In einer Analyse von „Euro am Sonntag“ wird Autoexperte Dudenhöffer mit der Prognose zitiert, dass die Autoabsätze insgesamt in China im Jahr 2016 um mindestens vier Prozent sinken werden.

Aktie ist billig

Am Montag um 11 Uhr war die Aktie von VW 132,85 Euro und lag somit auf ihrem 52-Wochen-Tief – etwa die Hälfte von ihrem 52-Wochen-Hoch am 17. März diesen Jahres, als sie noch 262,45 Euro wert war. Seit Jahresbeginn hat die Aktie knapp 30 Prozent an Wert verloren – wegen China, und nun auch wegen des Abgas-Skandals.

Dadurch ist die Aktie nun sehr billig. Das geschätzte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für 2015 liegt bei 5,91, der Buchwert pro Aktie bei 201,70 Euro – also relativ genau zwischen dem aktuellen Kurs und dem 52-Wochen-Hoch.

Am Montag hat Kepler-Chevreux seine Bewertung der VW-Aktie von Buy auf Hold herabgestuft und das Kursziel von 255 Euro auf 185 Euro gesenkt. Baader-Helvea wiederum bestätigten die „Buy“-Empfehlung der Aktie, mit einem Zielkurs von 260 Euro.

Insgesamt sprechen 21 Prozent der bei Bloomberg gelisteten Analysten eine Kaufempfehlung aus, zehn raten zum Halten, nur sechs zum Verkaufen der Aktie. Das Konsensrating (1=starker Sell; 5=starker Buy) liegt bei 3,86, der 12-Monate-Zielkurs bei 224,63 Euro – was nach dem heutigen dramatischen Absturz einem Ertragspotenzial von 69,8 Prozent entspricht.

Fazit

Ruhe kehrt in Wolfsburg noch immer nicht ein, zu den bereits vorhandenen Baustellen gesellt sich nun jene um den Abgas-Skandal. Hier wird Vieles von Winterkorns Managergeschick abhängen – ob er auf den Skandal richtig reagiert und den Schaden eindämmen kann. Im schlimmsten Fall gibt es aber eine saftige Strafe der Behörde, es folgen Sammelklagen und weitere Enthüllungen in anderen Märkten. Das angekratzte Image der „deutschen Ingenieurskunst“ wird unter dem Skandal wohl noch länger leiden.

Hinzu kommen für VW die schwierigen Bedingungen, die ohnehin schon herrschten – allen voran der schwierige chinesische Markt. Auch hier wird es noch länger dauern, bis die Wirtschaft wieder an Fahrt gewinnt und sich dies auch in den Verkäufen der Automobil-Hersteller widerspiegelt.

Für eine Aufnahme der Aktie ins Depot spricht definitiv, dass sie billig ist – gerade nach dem heutigen Kurssturz. Dafür müssen Investoren halt eine gewisse Unsicherheit in Kauf nehmen – wegen des Abgas-Skandals, der chinesischen Konjunktur und neuen Marktteilnehmern wie Google und Tesla, die derzeit die Schlagzeilen der Branche dominieren.