Börsen-Chaos nach SNB-Entscheidung: Schweizer Leitindex bricht stärker ein als je zuvor

Börsen-Chaos nach SNB-Entscheidung: Schweizer Leitindex bricht stärker ein als je zuvor

Mit 14 Prozent Minus verzeichnet der Schweizer Leitindex SMI den größten Kursverlust seiner Geschichte. Die dort gelisteten Unternehmen büßen 117 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung ein - das entspricht der Schweizer Wirtschaftsleistung eines Quartals.

Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die Schweizer Notenbank SNB hat einen Kurssturz an der Züricher Aktienbörse ausgelöst. Der Leitindex SMI brach am Donnerstag um bis zu 14 Prozent ein. Das ist der größte Verlust seiner Geschichte. Dabei büßten die dort gelisteten Unternehmen zusammen etwa 140 Mrd. Franken (rund 117 Mrd. Euro) an Marktkapitalisierung ein - das entspricht in etwa der Schweizer Wirtschaftsleistung eines Quartals. Der Aktienumsatz lag schon zu Mittag fast vier Mal so hoch wie an einem gesamten Durchschnittstag.

Der Verlierer des Tages bis kurz vor 17 Uhr war die stark vom Exportgeschäft abhängige Swatch Group - mit einem Minus von 15,97 Prozent auf 384 Franken; auch Richemont gab um knapp 16 Prozent nach. Swatch-Chef Nick Hayek sprach von einem Tsunami, "sowohl für die Exportindustrie wie auch für den Tourismus und schlussendlich für die ganze Schweiz", den die SNB damit ausgelöst habe. Zweistellige Prozentverluste verbuchten auch die Anteile der Banken Julius Bär, Credit Suisse und UBS. Die Titel der als krisenresistent geltenden Arzneimittelhersteller Actelion, Novartis und Roche büssten rund zehn Prozent ein. Die Aktie des Lebensmittelriesen Nestle, die den Markt zusammen mit den Pharmawerten zuletzt auf ein Mehrjahreshoch gehoben hatten, sackten um sieben Prozent ab. Die Aktien der exportorientierten Anlagen- und Maschinenbauer sackten ebenfalls massiv ab. Am breiten Markt verzeichneten Aktien einzelner stark exportorientierter Firmen wie u-blox, Straumann oder Meyer Burger Abschläge von zehn bis 15 Prozent. Ein herber Schlag für die meisten Schweizer Riesen, aber nicht unbedingt ein langfristiger: Noch am gleichen Tag sprachen drei Analysten via Bloomberg eine Kaufempfehlung für die gebeutelten Swatch-Aktien aus.

Allein die Swisscom AG kann ein kleines Plus von 0,57 Prozent verzeichnen - Swisscom ist schwergewichtig im Inland aktiv und daher weniger der Entwicklung der Währungen ausgesetzt.

Exportwirtschaft in Gefahr

Experten befürchten, dass die Schweizer Exportwirtschaft in Bedrängnis gerät, wenn der Euro zum Franken nicht wieder aufwertet - durch den starken Franken werden die Schweizer Waren im Ausland teurer. Erwartet werden zudem negative Auswirkungen auf den Tourismus, weil Urlaub in der Schweiz durch den starken Franken deutlich teurer wird.

Mehr als 50 Prozent davon gehen in die Länder der Eurozone Importierte Waren werden dagegen billiger. Und die Schweizer Konsumenten dürften mit ihrem starken Franken noch mehr im Ausland kaufen, auch ihren Urlaub dürften sie vermehrt außerhalb der Schweiz verbringen.

Vertreter der Wirtschaft kritisierten den Schritt der Währungshüter daher scharf. "Bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert", erklärte Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse. "Das wird sehr große Probleme geben." Entscheidend werde sein, wo der Euro Boden findet. "Mit 1,15 kann die Wirtschaft leben", erklärte Misch. "Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen." Der Gewerkschaftsbund warnte, der Entscheid der SNB gefährde Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv. Nach Ansicht von UBS-Volkswirt Daniel Kalt hat das Risiko einer Rezession durch den Schritt der SNB schlagartig zugenommen. "Es fehlen einem die Worte!", erklärte Nick Hayek, Chef des Uhren-Weltmarktführers Swatch. "Was die SNB da veranstaltet, ist ein Tsunami."

Europas Börsen erholten sich wieder

Auf die europäischen Börsen hatte die Entscheidung zwar zum Tagesbeginn einen negativen Einfluss, am Nachmittag stellte sich aber wieder Erholung ein - der Dax schaffte es sogar am Nachmittag, mit einem Plus von rund zwei Prozent erneut die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkte zu knacken, nachdem er am Vormittag um mehr als 1,8 Prozent ins Minus gerutscht war. Insgesamt löste die Schweiz am 15.1. Turbulenzen an Europas Börsen aus, der Dax schwankte um mehr als 300 Punkte.

Zum Tagesende schloss der Euro-Stoxx mit einem Plus von 1,96 Prozent bei 3150,14 Punkten und der Dax mit einem Plus von 1,99 Prozent bei 10.011,99 Punkten. Der ATX schloss ebenfalls mit einem kleinen Plus von 0,89 Prozent bei 2121,00 Punkten - hier war die Erste Group der größte Verlierer; der Franken hat die Aktionäre offensichtlich beunruhigt.

SNB musste handeln

Durch den vor mehr als drei Jahren eingeführten Mindestkurs war die SNB seit Wochen wieder gezwungen, Euro in Milliardenhöhe zu kaufen, da es die Einheitswährung nicht schaffte, sich von der Marke von 1,20 Franken zu lösen. Die internationale Entwicklung sei auseinandergedriftet, sagte Jordan. Die heftigen Marktreaktionen seien für die Währungshüter zweitrangig. Der Fall des Euro und der Aktienkurse seien eine Übertreibung, zu der die Kapitalmärkte nach einer so überraschenden Entscheidung einer Notenbank neigten, betonte der Präsident der SNB, Thomas Jordan: "Die Volatilität an den Märkten muss man hinnehmen." Der Markt werde sich auf einem vernünftigen Niveau einpendeln.

Die SNB habe ihren Handlungsspielraum zurückgewinnen müssen, den sie durch die Bindung an den Euro aufgegeben habe, betonte der Notenbankchef. Gravierende dauerhafte Nachteile für die Schweizer Wirtschaft befürchtet er nicht. Die Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren Zeit gehabt, sich an einen starken Franken anzupassen.

Die SNB hatte die Euro-Kursuntergrenze im September 2011 zum Schutz der exportorientierten Industrie des Landes und zur Abwehr von Deflationsgefahren aufgrund sinkender Importpreise festgesetzt. Sie kaufte dann Euro in Milliardenhöhe. "Der Mindestkurs ist absolut zentral", hatte Jordan noch vor zehn Tagen gesagt. Dass nun der Druck auf die Preise in der Schweiz steigen dürfte, weil importierte Güter billiger werden, will die SNB hinnehmen. "Das Risiko für eine weitere Minus-Teuerung ist vorhanden. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir in eine Deflationsspirale hineinkommen", sagte Jordan.

Gleichzeitig mit der Aufhebung des Mindestkurses beschloss die SNB, den Strafzins auf Einlagen von Banken bei der Notenbank auf 0,75 Prozent von 0,25 Prozent zu erhöhen. Das soll Geld aus dem Ausland abschrecken und so den Franken schwächen. Zudem verschiebt die SNB das Zielband für ihren Referenzzins Dreimonats-Libor tiefer in den negativen Bereich auf minus 1,25 bis minus 0,25 Prozent.

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