OMV: Ein Sorgenkind mit vielen Problemen

Aktionäre fürchten, dass es durch den Wechsel im Management zu einem monatlangen Stillstand in der OMV kommen wird - ausgerechnet jetzt, als der Ölpreis in den Keller rasselt, die Produktion in Libyen ständig ausfällt und es in der Gassparte viele offene Fragen gibt.

OMV: Ein Sorgenkind mit vielen Problemen

Gerhard Roiss entwickelt Strategien gerne beim Laufen.

Für den leidenschaftlichen Marathonläufer Gerhard Roiss sind die letzten Kilometer als Vorstandschef des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV (ISIN: AT0000743059) zur Qual geworden. Die Bilanz seiner Amtszeit weist Erfolge, aber auch schmerzvolle Niederlagen wie das gescheiterte Pipeline-Projekt Nabucco auf. Zu operativen Problemen infolge des gesunkenen Ölpreises reihten sich zuletzt Querelen in der Vorstandsetage. Der Streit in der Führungsriege des Konzerns sorgte wochenlang für Negativ-Schlagzeilen in den Medien. Schlussendlich hat der 62-jährige Manager das Vertrauen der Großaktionäre verloren. Roiss wird Mitte 2015 vorzeitig seinen Hut nehmen. Aber nicht nur der Firmenchef räumt seinen Sessel. Zwei weitere Mitglieder des Top-Managements sowie der Aufsichtsratschef stehen ebenfalls vor dem Absprung.

Börsianer befürchten nun einen monatelangen Stillstand bei OMV, obwohl wichtige strategische Entscheidungen anstünden. "Es müssen die Weichen für die Zukunft gestellt werden und das geht nur mit einem neuen Vorstandsteam", sagt ein Insider. Auch Betriebsratchef Martin Rossman fordert in einem Brief an die Eigentümervertreter: "Der Aufsichtsrat müsse die Handlungsfähigkeit des Vorstandes rasch und konsequent wieder herstellen."

Wer Roiss nachfolgt, ist derzeit offen. Auf den künftigen OMV-Chef kommen eine Reihe von Aufgaben zu. Die Geschäfte laufen nicht nur wegen dem gesunkenen Ölpreis alles andere als geschmiert. In den ersten neun Monaten schrumpfte der um Lagereffekte bereinigte Betriebsgewinn um gut ein Fünftel auf 1,7 Milliarden Euro. Zudem wackelt das für 2016 gesteckte Produktionsziel von 400.000 (Vorjahr: 288.000) Barrel pro Tag. Darüber hinaus kündigte die OMV eine Umstrukturierung der kriselnden Gas-Sparte an. Fest steht zwar, dass die Division Gas und Power ab Januar in das Raffinerie- und Tankstellengeschäft eingegliedert wird. Doch was das konkret bedeutet, ist noch nicht klar. "Das wird kein Paukenschlag, es wird schrittweise gehen", sagte ein Firmensprecher zum bevorstehenden Umbau. Wie Reuters von drei mit der Situation vertrauten Personen erfahren hat, werden nun auch Stellenstreichungen geprüft. OMV zählt weltweit knapp 27.000 Mitarbeiter. In der Gas-Sparte arbeiten rund 1000 Personen.

Roiss: Drei Millionen Euro Jahreseinkommen

Den Hauptaktionären - Österreichs Staatsholding ÖIAG und der arabische Investor IPIC - waren die internen Querelen Insidern zufolge schon länger ein Dorn im Auge. Kritik kam auch von Finanzminister Hans Jörg Schelling. Der Staat besitzt 31,5 Prozent an OMV und hat seinen Anteil mit IPIC zu einem Paket von 56 Prozent gebündelt. Über Roiss Abgang wurde heftig gerungen, der Beschluss im Aufsichtsrat fiel aber schließlich einstimmig: Roiss, der mit einem Jahreseinkommen von zuletzt gut drei Millionen Euro zu den bestverdienensten Managern Österreichs zählt, wird nach nur vier Jahren den Chefsessel räumen. Sein Vertrag wäre eigentlich noch bis 2017 gelaufen.

Neben dem Firmenchef hat auch der lange als Kronprinz gehandelte Explorations-Vorstand Jaap Huijskes seinen Rücktritt angekündigt. Auch Gas-Chef Hans Peter Floren dürfte einem Medienbericht zufolge im Zuge der Umstrukturierung ausscheiden. Aber auch im Kontrollgremium stehen Veränderungen bevor: Aufsichtsratschef Rudolf Kemler geht im Oktober 2015. "Das Unternehmen ist gegenüber Banken, aber auch intern eigentlich handlungsunfähig. Sie haben sämtliche Kredibilität verloren", sagte Kepler-Analyst Peter Oppitzhauser.

Viele Baustellen für die OMV

Zwei Jahre nachdem Roiss das beste Ergebnis in der Unternehmensgeschichte vorlegen konnte, hat die OMV mit zahlreichen Problemen zu kämpfen: Neben dem seit Juni um 30 Prozent gefallenen Ölpreis machen dem Konzern Produktionsausfälle in Libyen zu schaffen. Die Ölförderung wird immer wieder unterbrochen, da das Land seit dem Sturz des Gaddafi-Regimes 2011 von Unruhen erschüttert wird. Sorgenkind ist auch die Gas-Division. Bis 2020 werde die Nachfrage "relativ flach" bleiben, kündigte Gas-Vorstand Floren an. Angesichts der mauen Aussichten war man sich im Vorstand über die Zukunft der Sparte nicht einig. Vor allem zwischen Roiss und Floren tobte Insidern zufolge ein Machtkampf.

"Der internationale Öl- und Gasmarkt befindet sich in einem massiven Veränderungsprozess, der die bisher gültigen Regeln des Marktes fundamental infrage stellt", sagte Aufsichtsratchef Kemler. Fest steht, dass bei den Investitionen von jährlich 3,9 Milliarden Euro gebremst wird. Wo und wie viel zurückgefahren wird, will die OMV im ersten Quartal 2015 sagen.

"Es ist einfach nicht klar, was die Strategie ist", sagte Ringturm-Fondsmanager Bernhard Ruttenstorfer. Vor drei Jahren wurde der Fokus auf Exploration - die Suche nach Öl- und Gas - gelegt. Das veränderte Umfeld - durch die gesunkenen Ölpreise - stelle dies nun in Frage, sagte der Fondsmanager. Nach Einschätzung von Analyst Oppitzhauser, hat die Strategie bereits mit dem Scheitern der Gas-Pipeline Nabucco Risse bekommen. Vom Plan, Gas vom Kaspischen Raum nach Österreich zu bringen und dann zu verkaufen, hätten alle Sparten profitiert. Das Scheitern des Projekts galt als größte Niederlage des OMV-Chefs - nun steht auch das Projekt South Stream still.

Kompensieren soll dies ein Zukauf in der Nordsee. Für knapp zwei Milliarden Euro wurden im Vorjahr von Norwegens Statoil Öl- und Gasfelder übernommen. "Wir träumen nicht nur vom Wachstum, wir schaffen Wachstum - und zwar profitables", sagte Roiss, der Strategien gerne beim Laufen entwickelte. Nach einem anfänglichen Hype sehen Marktteilnehmer den Schritt jetzt kritisch. "Das Investitionsprogramm in Norwegen ist uns zu offensiv", sagte Ruttenstorfer. Er habe daher OMV-Aktien in seinem Portfolio reduziert. "Große Ölunternehmen sind aus der Nordsee hinaus gegangen oder überlegen zuzusperren und die OMV geht hinein", kritisierte Oppitzhauser.