Nachlese: Interview mit Oracle-Gründer Larry Ellison zum Rücktritt als Firmenchef

Nachlese: Interview mit Oracle-Gründer Larry Ellison zum Rücktritt als Firmenchef

Larry Ellison, Oracle Mitbegründer und bisher einziger CEO des Unternehmens, tritt ab.

Oracle-Gründer und Multimilliardär Larry Ellison steigt nach fast vier Jahrzehnten aus dem Chefsessel des Software-Hauses. Das Unternehmen wird in Zukunft vom ehemaligen Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd und dem Finanzexperten Safra Catz geführt. Anlässlich des Rücktritts des Firmenchefs zur Nachlese ein Interview mit dem Exzentriker von FORMAT-Redakteurin Barbara Steininger aus dem Jahr 2006, geführt am Sonnendeck von Larry Ellisons Yacht. Schon damals war sein möglicher Rückzug aus dem Unternehmen ein Thema.

Beim SAP-Rivalen Oracle endet eine Ära: Firmengründer Larry Ellison räumt nach fast vier Jahrzehnten überraschend den Chefsessel bei dem US-Softwaregiganten. Der schillernde Milliardär und passionierte Segler agiert künftig als Verwaltungsrats- und Technologiechef und überlässt die Geschäftsführung einer Doppelspitze aus dem ehemaligen Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd und dem Finanzexperten Safra Catz. "Wir drei arbeiten seit mehreren Jahren gut zusammen", erklärte der 70-jährige Ellison. Dies solle "auf absehbare Zeit" so bleiben. Ellison war 1977 einer der Oracle-Gründer und der bislang einzige Chef in der Firmengeschichte. Zeitgleich mit dem Führungswechsel legte Oracle Quartalszahlen vor, die schwächer ausfielen als erwartet. Oracle-Aktien (ISIN US68389X1054) gaben zwei Prozent nach. Ellison erklärte in einer Telefonkonferenz, nach seinem Rückzug werde sich an Oracles Strategie nichts ändern.

Anlässlich des Rücktritts von Larry Ellison Auszüge aus dem Interview mit dem Selfmade-Milliardär von FORMAT-Redakteurin Brabara Steininger aus dem Jahr 2006.

Der letzte Abenteurer

Sonnengebräunt, in Shorts und Sandalen. In betont lässiger Aufmachung empfing Oracle-Gründer Larry Ellison diesen Montag eine kleine, handverlesene Schar von Journalisten auf seiner Privatyacht Rising Sun in Valencia. FORMAT war als einziges österreichisches Medium an Deck und erlebte den IT-Pionier ungewöhnlich entspannt, aber doch angriffslustig.

FORMAT: Mister Ellison, Sie haben letztes Jahr (Anmerkung: 2005) um mehr als 20 Milliarden Dollar eingekauft, darunter Big Deals wie Peoplesoft und Siebel. Erklären Sie uns Ihre aggressive Einkaufspolitik.
Larry Ellison: Jeder dachte doch, dass unsere Einkaufspolitik extrem riskant sei. Weil vor uns eben noch keiner so etwas erfolgreich durchgezogen hat. Wir haben aber schon eine gewisse Erfahrung, Dinge zu tun, von denen alle glauben, das sie nicht funktionieren. Das war von Anfang an so. Es geht doch immer darum, populäre Irrtümer aufzuspüren und zu widerlegen. Ein Irrglaube der IBM war schließlich der Grundstein zu unserem Erfolg. Obwohl sie in ihrer Forschungsabteilung das Konzept der relationalen Datenbank erfunden haben, glaubten sie nicht an die Kommerzialisierung. Wir eben schon. Wenn einer etwas glaubt und der andere vom Gegenteil überzeugt ist, gilt es, den Bereich dazwischen auszuloten. Das ist die eigentliche Innovation.

FORMAT: Wie sieht die mittelfristige Strategie zur Integration aus? Sie haben verschiedenste Namen und Produktphilosophien unter einem Dach vereint ...
Larry Ellison: Wir sind überzeugt, dass die Systeme und Kundenbindungen langlebiger sind, als sie auf den ersten Blick scheinen. Wenn Sie eine Million in ein ERP-System von Oracle investiert haben, geben Sie dann drei Millionen aus, um es durch ein SAP-System zu ersetzen? Das macht doch keiner. Viele haben sich gedacht, dass die Kunden zu SAP switchen werden. Ehrlich, wir reden da über viel Kohle, und CIOs haben andere Sorgen. Die wollen, dass ihre Systeme funktionieren. Und solange wir Peoplesoft und andere ERP-Systeme supporten, hat der Kunde keinen Grund zu wechseln.

FORMAT: Ein Grund ist wohl auch, dass Sie kürzlich "lebenslangen" Support versprochen haben ...
Larry Ellison: Faktum ist, dass wir auch alte Oracle-Versionen in ERP sehr lange unterstützt haben. Wir haben halt keine öffentliche Affäre daraus gemacht. Wir haben nicht unsere technologische Strategie geändert, sondern die Öffentlichkeitsarbeit. Wenn General Electric eine alte Version hat, gehen wir doch nicht her und sagen, danke, tschüss, das war's. Das gilt für alle unsere Kunden.

FORMAT: Aber das Ziel der neuen Produktplattform "Fusion" soll doch wohl die Integration und verbesserte Kommunikation zwischen den Systemen sein.
Larry Ellison: Fusion ist was komplett Neues. In der Software-Industrie muss man von Zeit zu Zeit seinen Code neu schreiben. Wir wollen hin zu einer echten service-orientierten Architektur und neue Programmiersprachen wie Java verwenden. Fusion sind ganz neue Produkte mit moderner Software-Architektur. Als SAP von R/2 auf R/3 umgestiegen ist, war das auch ein neues Produkt. Das wird auch SAP wieder tun müssen, da kommen sie nicht umhin.

FORMAT: Aber die kaufen nicht so nebenbei ein Dutzend Firmen ...
Larry Ellison: Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Auch wenn wir Peoplesoft, Siebel und die anderen nicht gekauft hätten, würden wir das Projekt Fusion machen. Alle dachten sich, dass wir die Produkte zusammenfahren werden. Tun wir aber nicht, die Idee ist lächerlich. Peoplesoft, Oracle, Siebel, JD Edwards kann man nicht wie vier Kartenstapel zusammenschieben und durchmischen.

FORMAT: Personell wurde aber rasch konsolidiert, und einige Topmanager der gekauften Firmen gingen zu SAP.
Larry Ellison: Okay, aber wie viele haben sie denn? Drei? Wir haben noch 5.000, die übrig sind. SAP hat ein paar Manager angestellt, aber das ist so, wie wenn sie den Trainer holen. Wir haben aber noch den David Beckham. Nicht der Kopf steuert das Boot, sondern die Mannschaft. Die Stars sind die Programmierer, und da haben wir noch viele.

FORMAT: Mit welchem Entwickler-Know-how ist Oracle denn jetzt ausgerüstet?
Larry Ellison: Die Entwickler von Siebel haben mehr Ahnung von CRM als SAP. Und die schreiben das Fusion-CRM. Die Peoplesoft-Leute wissen mehr über Personalmanagement als SAP, also machen die die Human-Resources-Software. Es geht ausschließlich um die Entwickler, die müssen die Erfahrung haben, um ein Problem zu lösen. So haben wir die Firmen gekauft, um Zugang zu den Entwicklern und darüber Zugang zu den Kunden zu haben. Die größere Kundenbasis im Rücken gibt uns wieder Spielraum für Investitionen. Je mehr Kunden wir haben, umso mehr können wir in Forschung und Entwicklung stecken. Die Skaleneffekte in der Software-Industrie sind genial. Wenn wir zweimal so viel Software verkaufen, brauchen wir sie nicht doppelt zu entwickeln. Je mehr Kunden, umso mehr Profit.

FORMAT: Wie wird es im Match gegen SAP weitergehen?
Larry Ellison: Wir werden sie schlagen, da bin ich mir ziemlich sicher (Anm.: bei der ERP-Software ist SAP klarer Marktführer, der Marktanteil doppelt so hoch wie der von Oracle). Wir sind die Nr. 1 bei den Datenbanken, unangefochten bei der Middleware und bei den Programmen.

FORMAT: Wenn die Systeme so langlebig sind, wie Sie erwähnten, mit welcher Strategie und in welchem Zeitraum wollen Sie es dann schaffen?
Larry Ellison: In fünf Jahren. Wir schlagen sie Branche für Branche. Das ist unser großes Ziel.

FORMAT: Wo wird es am härtesten?
Larry Ellison: Bei den Energieversorgern und in der chemischen Industrie, denn da sind sie am längsten drin. Bei den Banken sind wir besser. Wir haben alle amerikanischen Banken, sie eine.

FORMAT: Wie sieht es mit Open Source aus? Man sagt Ihnen Ambitionen auf ein eigenes Betriebssystem nach?
Larry Ellison: Wir wollen kein eigenes Linux-Betriebssystem. Wir werden mittelfristig aber sicher den Support übernehmen. Unsere Kunden sagen, dass sie mit dem Support von Red Hat (Anm.: Linux-Distributor) nicht zufrieden sind. Die sind einfach zu klein, um den Job gut zu erledigen. Immer wenn die einen Bug zu fixen haben, müssen deren Kunden zur nächsten Version umsteigen. Das ist kein sauberer Firmensupport. Wir sagen, kauft Red Hat, aber den Support bei uns.

FORMAT: Kann Open Source eine Konkurrenz in Ihrem Kerngeschäft, Datenbanken, werden?
Larry Ellison: Schauen Sie sich die jüngere Geschichte an. Microsoft und IBM hätten uns mit ihren Ressourcen packen können. Microsoft hat mehr Geld als Gott und Tausende Entwickler. Die Firmen hätten beide die Chance gehabt, ihren Kunden das zu geben, was sie wollen. Eine Oracle-Datenbank ist anders als die von Microsoft. Das ist ungefähr so, wie wenn Sie Öl aus Saudi-Arabien mit Öl aus Alaska vergleichen. Wir sind sicherer und bieten die bessere Leistung. Microsoft und IBM waren sehr aggressiv beim Pricing, nach der IDC liegt unser Marktanteil aber bei 49 Prozent. Wir haben definitiv das bessere Produkt.

FORMAT: Apropos Bill Gates. Welche Auswirkungen hat sein Rückzug auf die Software-Industrie?
Larry Ellison: Gute Nachrichten für die Foundation, schlechte für Microsoft. Die verlieren ihren besten Mann. Bill hat die Strategien gemacht, die Firma geführt, und darin war er echt gut.

FORMAT: Ray Ozzie trauen Sie das nicht zu? (Anmerkung.: Ray Ozzie war bis 2006 einer von drei CTO's bei Microsoft und folgte Bill Gates als Leiter der Microsoft-Entwicklungsabteilung ("Chief Software Architect"). Ende 2010 schied Ozzie aus dem Unternehmen aus. Er ist seit Juli 2013 Mitlied des Aufsichtsrats bei HP)
Larry Ellison: Er ist kein guter Bill (lacht). Wer hat in der Vergangenheit die besseren Produkte gemacht? Bill oder Ray? Ray Ozzie ist kein Bill Gates, ich kenne ihn.

FORMAT: Wie sieht es denn mit der Hofübergabe bei Oracle aus? Sind Sie eher der Warren-Buffett-oder der Gates-Typ?
Larry Ellison: Das sind sehr persönliche Entscheidungen, wann sie aufhören wollen. Manche mit 45 und manche nie.

FORMAT: Sie zählen zur zweiten Kategorie?
Larry Ellison: Ich weiß es nicht. Keine Ahnung, wie ich in fünf Jahren drauf bin.

FORMAT: Gab es private Zäsuren, die darauf Einfluss hatten oder haben könnten?
Larry Ellison: Der Weihnachtstag 1998 war eine wichtige. Beim Sydney-Hobart-Rennen gerieten wir in einen schrecklichen Sturm. 30 Boote sanken, sechs Leute starben. Ich werde es den verrückten Australiern nie vergessen, dass die uns bei nächtlichen Orkanböen unter Einsatz ihres Lebens aus dem Wasser fischten. Das hat meine Einstellung zum Leben schon verändert. Es hat mir die eigene Endlichkeit vor Augen geführt.

FORMAT: Ziehen Sie Ihre Grenzen heute anders? Ist der Exzentriker Ellison ruhiger geworden?
Larry Ellison: Ich halte es da mit Freud. Die zwei Dinge, die das Leben ausmachen, sind die Liebe und die Arbeit. Wobei die Reihenfolge nicht immer klar ist.

FORMAT: Wenn Ihnen wieder so etwas zustoßen sollte, wer könnte Oracle dann führen?
Larry Ellison: Wir haben drei fähige Leute dafür, die das dann machen können. Die Leute brauchen einen Chef. Und wenn die bei Oracle einen anderen haben wollen, müssen sie schon warten, bis ich sterbe, in Rente gehe oder woanders anheuere. Bis dahin schau ich, dass ich nicht aus dem Bett falle.

FORMAT: Welchem Managertypus würden Sie sich denn zuordnen? In Ihren Ausführungen taucht oft Jack Welch auf, Steve Jobs ist ein guter Freund von Ihnen. Sehen Sie sich da auch in der Mitte?
Larry Ellison: Meine wichtigste Lebensweisheit - auch für den Job - ist, dass nur ganz wenige Dinge wirklich wichtig sind. Die Mitarbeiter gehören jedenfalls dazu. An Jack Welch imponieren mir die schnelle Akquisitionskultur und die Mitarbeiter, die viele Jahre an derselben Stelle sind. Wenn GE Computersysteme kauft, werden die sofort eingeführt. Bei anderen Firmen werden die Programme oft gar nicht eingesetzt. Die nehmen Risiko auf sich, sind aber diszipliniert. So haben wir das auch bei unseren letzten Deals gemacht. Binnen vier Wochen war entschieden, wer bleibt, wer geht.

FORMAT: Wie verfahren Sie denn mit Ihrer Privatschatulle? Laut "Forbes" sind Sie mit 18,4 Milliarden Vermögen der neuntreichste Mensch der Welt. Wollen Sie es wie Warren Buffett machen und einen Großteil Ihres Geldes verschenken?
Larry Ellison: Soll ich etwas der Gates Foundation überweisen (lacht)? Nein, im Ernst, ich habe ja eine eigene Foundation (Anm.: Schwerpunkt Medizin & Biotechnologie), die ist halt kleiner als die von Gates. Geld generell - das ist eine knifflige Frage. Ab einer gewissen Größenordnung können Sie mit Geld nichts mehr machen. Sie können es einfach nicht ausgeben, es ist unmöglich. Das Beste ist, Sie geben es für karitative Zwecke. Dann wollen Sie aber sicher wissen, dass es in die richtigen Hände kommt.

FORMAT: Glauben Sie, dass Ihre teuren Hobbys, wie das Sponsoring des America's Cup, eine Umwegrentabilität für die Firma haben?
Larry Ellison: Glaub ich nicht wirklich. Manche meinen sogar, das wäre Negativ-werbung. Aber das alles kostet Oracle nichts, ich zahl sogar die Bilder, die in meinem Büro hängen, selbst.

FORMAT: Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, welche Software-Anwendungen sollten relevant sein?
Larry Ellison: Etwas, das wir unbedingt vorantreiben sollten, ist die IT im Gesundheitsbereich. Eine globale Medizindatenbank, die sicherstellt, dass jeder die richtigen Medikamente bekommt, wäre ein Lebenstraum von mir. Das könnte allein in den USA 75.000 Menschenleben jährlich retten. Ich finde in dem Zusammenhang auch die Diskussionen um die Privatsphäre scheinheilig. Es ist doch interessant, dass es eine weltweite große Datenbank mit sämtlichen Finanztransaktionen schon heute gibt - das Kreditkartensystem. Wir haben unsere Privatsphäre verkauft, um einfacher shoppen zu können, sind aber nicht bereit, unsere Privatsphäre für bessere Gesundheit aufzugeben.

FORMAT: Als "Erfinder" der Datenbank würden Sie so eine globale Datenbank auch für die Terrorismusbekämpfung befürworten, wo hier doch einige Lecks und Ungereimtheiten in der Abwicklung unbestritten sind?
Larry Ellison: Ja, vor allem in den USA. Aber es steht doch außer Streit, dass wir mit besseren Aufzeichnungen und Verknüpfungen Verbrechen effizienter bekämpfen könnten. Das "große" Argument, dass wir das nur für Terroristen einsetzen dürften und sinnbildlich gesprochen die Privatsphäre von Drogendealern gewahrt werden müsse, ist doch ein schlechter Witz. Ehrlich - die menschlichen Entscheidungsfindungen zu verstehen ist oft etwas vom Interessantesten in meinem Leben überhaupt.

Das Interview mit Larry Ellison erschien ursprünglich in Format Nr. 26/06 vom 30. Juni 2006

Zur Person. Der aus Chicago stammende Larry Ellison (70) zählte mit Microsoft-Gründer Bill Gates und dem verstorbenen Apple-Chef Steve Jobs zu den Pionieren der amerikanischen IT-Industrie. Er legte den Grundstein für einen Konzern, der über die Jahrzehnte über viele Zukäufe zu einem der wichtigsten Softwareunternehmen der Welt aufstieg. Ellison brachte Oracle 1986 an die Börse . (ISIN US68389X1054) mit seinerzeit 55 Millionen Dollar Umsatz. Zuletzt summierten sich die Jahreseinnahmen auf mehr als 40 Milliarden Dollar. Ellisons Vermögen wurde zuletzt auf rund 180 Milliarden Dollar taxiert.

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