Nach der Vollbremsung: Chinas Aktienhandel liegt im Koma

Der Aktienhandel in China bricht ein, Index-Termingeschäfte kommen fast zum Erliegen. Gefährden Interventionen das Ziel der Markt-Liberalisierung?

Nach der Vollbremsung: Chinas Aktienhandel liegt im Koma

Der chinesische Patient ist haarscharf am totalen Kollaps vorbeigeschrammt. Mit einer Not-Operation hat die Regierung in Peking Panik-Verkäufe der heimischen Anleger vorerst gestoppt und ein neues Kurschaos an den weltweiten Börsen verhindert. Dieser Eingriff am offenen Herzen hat aber Nebenwirkungen: Die Handelsumsätze an den Börsen Shanghai und Shenzhen brechen massiv ein.

Seit Wochenbeginn liegt der tägliche Aktienumsatz in Shanghai und Shenzhen nur noch etwa halb so hoch wie üblich. Noch dramatischer ist der Rückgang beim Future auf den Index der 300 größten Börsenwerte dieser beiden Börsen. Wurden im August täglich noch bis zu 2,43 Millionen Papiere ge- und verkauft, sind es aktuell gerade noch einmal 15.000. "Ironischerweise liegt der Patient nun im Wachkoma", sagt Wang Feng, Fondsmanager und Chef von Alpha Squared Capital.

Verbote und automatischer Handelsstopp

Im Kampf gegen den 40-prozentigen Kurssturz der vergangenen Monate hatten die Behörden in den vergangenen Wochen unter anderem Hunderte Aktien auf unbestimmte Zeit vom Handel ausgesetzt. Außerdem verboten sie Geschäfte mit bestimmten Index-Terminkontrakten. Sie erließen Anlegern, die Aktien länger als ein Jahr halten, die Dividendensteuer. Darüber hinaus soll bei allzu großen Kursausschlägen künftig der Handel automatisch unterbrochen werden, um Panik-Reaktionen zu vermeiden. Wenn bis 14.30 Uhr Ortszeit die Indizes um mehr als fünf Prozent schwanken, stoppt der Handel für 30 Minuten. Bei einem Ausschlag von mehr als sieben Prozent wird er für den Rest des Tages ausgesetzt.

Dabei hatte den Börsenboom des vergangenen Jahres hatte die Regierung selbst befeuert. Um dem chinesischen Otto-Normalverbraucher zu einen Anteil am Aufschwung zu verhelfen, ermunterte sie Kleinanleger zum Aktienkauf. Die dadurch ausgelöste Hausse trieb die Kurse zwischen Juni 2014 und Juni 2015 um mehr als 150 Prozent in die Höhe.

Spagat zwischen verschiedenen Zielen

Chinas Ministerpräsident Li Keqiang bezeichnet die Eingriffe seiner Regierung als Erfolg. Sie verhinderten ein Überschwappen der Börsenturbulenzen auf die Realwirtschaft. Die aktuelle Kursentwicklung scheint ihm Recht zu geben. Ungeachtet enttäuschender Konjunkturdaten legten die chinesischen Börsen in den vergangenen Tagen zu. Börsianer vermuten allerdings, dass dies zum größten Teil auf das Konto der chinesischen "Nationalmannschaft" geht. Staatsnahe Investoren wollten offenbar durch konzertierte Käufe die Kurse in die Höhe treiben. Anders könnten die meist gegen Handelsende anziehenden Preise kaum erklärt werden.

Die Beruhigung an den Börsen bedeutet Experten zufolge aber gleichzeitig einen Rückschritt auf dem Weg zu anderen wichtigen Zielen. Die Regierung will die Abhängigkeit von Exporten reduzieren und die heimische Wirtschaft umbauen. Junge Firmen benötigen aber für die Finanzierung ihres Wachstums moderne Finanzmärkte und die Möglichkeit zum Börsengang. So lange aber etwa die Hälfte aller chinesischen Aktien nicht gehandelt werden kann, bleibt der Gang auf das Parkett in weiter Ferne.

SCHWIERIGE GENESUNG

Eine schnelle Wiederbelebung des chinesischen Aktienhandels ist Experten zufolge nicht in Sicht. Ein Hedgefonds-Manager sagt, er halte sich wegen des steigenden behördlichen Drucks von Aktien fern. Seit Wochen werden Profi-Anleger zur Börsenaufsicht zitiert und über ihr Anlageverhalten befragt. Betroffene beschreiben die Zusammenkünfte als einschüchternd. Alpha-Squared-Chef Wang schichtet Geld aus Index-Kontrakten in Rohstoff-Futures um. Anlagestratege Qui Zhi vom Brokerhaus Huatai beobachtet eine steigende Nachfrage nach Hongkonger Index-Futures. Die ehemalige britische Kronkolonie genießt einen Sonderstatus und die dortige Börse kann auf eine längere Tradition zurückblicken als Shanghai oder Shenzhen. "Die Spielregeln sind dort stimmiger", betont Qui.

Der Weg zur Genesung des chinesischen Aktienmarktes führe allein über eine Liberalisierung, betont Dominic Rossi, der beim Fondsanbieter Fidelity die Investitionsentscheidungen verantwortet. Auf dieses Ziel arbeitet Ministerpräsident Li hin: "Wir werden an einem marktorientierten, gesetzesbasierten System festhalten, um einen offenen und transparenten Kapitalmarkt aufzubauen."