Nach dem Germanwings-Absturz steht Lufthansa-Chef Spohr vor der Herkulesaufgabe

Nach dem Germanwings-Absturz steht Lufthansa-Chef Spohr vor der Herkulesaufgabe

Der Absturz eines Germanwings-Jets in den Alpen stellt bei der Lufthansa alles in Frage - das Image als sicherste Fluglinie der Welt, den strategischen Ausbau von Billigflugtöchtern und das Verhältnis zu den streikfreudigen Piloten. Nach knapp einem Jahr an der Lufthansa-Spitze muss Konzernchef Carsten Spohr die Fluglinie durch die größte Krise ihrer 60-jährigen Geschichte navigieren. "Es ist der schwärzeste Tag für die Lufthansa", sagte Spohr vor einer Woche nach dem Absturz.

Den ersten Test hat er nach Meinung vieler Experten bereits gemeistert. Der 48-jährige Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr stellte sich nach dem offenbar vom Copiloten Andreas L. absichtlich herbeigeführten Absturz, der 150 Menschen in den Tod riss, tagelang der Presse. "Es ist wichtig, in einer solchen Situation ständig zu kommunizieren, auch wenn noch nicht alle Fakten klar sind", sagt Luftfahrt-Unternehmensberater John Strickland. Gleichzeitig stellte sich der Konzernchef hinter die Flugzeugführer, indem er betonte: "Wir haben die besten Piloten der Welt."

Branchenbeobachtern zufolge wirkten seine Auftritte kompetent. Er habe sich als Pilot dargestellt, und der Umstand habe seinen Aussagen zusätzliches Gewicht verliehen, sagt Strickland zu Reuters. Der Pilotenschein ist Spohr so wichtig, dass er trotz seines stressigen Vorstandsjobs Zeit findet, regelmäßig den Flugsimulator aufzusuchen, um seine Lizenz zu erneuern.

ABSCHRECKENDE BEISPIELE: MALAYSIA UND PANAM

Die nächste Herausforderung für Spohr wird sein, den schwerbeschädigten Ruf der Lufthansa wieder aufzupolieren. Abstürze und die darauf folgenden Stornierungswellen haben in der Vergangenheit bereits Airlines zu Fall gebracht. Die einst größte US-Airline Panam erholte sich nie mehr von einem Bombenanschlag 1988, bei dem ein Jumbojet über dem schottischen Dorf Lockerbie abstürzte. Panam war damals ein in aller Welt bekanntes Aushängeschild der USA, aber gerade dieser Umstand hielt Fluggäste ab, da sie Angst vor weiteren Terroranschlägen hatten. Zudem war Panam schon vor dem Lockerbie-Unglück finanziell angeschlagen. Auch die Zukunft von Malaysia Airlines ist nach zwei Flugzeugunglücken im vorigen Jahr offen - sie wurde verstaatlicht. Das Beispiel zeigt, wie schnell eine Fluglinie in Turbulenzen gerät: Bis zu den Zwischenfällen war Malaysia Airlines wegen des Services und der gut ausgestatteten Flugzeuge nach Ansicht des Branchendienstes Skytrax eine der besten Fluglinien der Welt. Lufthansa-Anleger sind bereits vorsichtig: Seit dem Germanwings-Absturz fielen die Aktien der Konzernmutter Lufthansa um gut fünf Prozent.

EINE FRAGE DER SICHERHEIT

Dass es die Lufthansa so hart trifft wie andere Unglücksgesellschaften glauben Branchenexperten nicht. Ein Grund ist, dass die Tat offenbar von einem psychisch labilen Copiloten begangen wurde, der das Flugzeug in den Boden steuerte. Der Absturz geht nach derzeitigen Kenntnissen der Ermittler nicht auf einen technischen oder Wartungsfehler zurück, welches für die Lufthansa problematisch hätte werden können. "Sicherheit hat bei der Lufthansa immer höchste Bedeutung gehabt, und den Punkt muss das Unternehmen nun weiter betonen", sagt Fachmann Strickland. Die Lufthansa muss sich aber Fragen nach ihren Ausbildungsstandards und der Zuverlässigkeit von medizinischen Tests während der Pilotenkarriere gefallen lassen. Die psychischen Beschwerden des Copiloten waren offenbar weder Germanwings noch der Lufthansa bekannt. Eine Maßnahme zog Lufthansa jedenfalls schnell nach: Während des Flugs müssen künftig immer mindestens zwei Leute im Cockpit sein - wie bei US-Fluglinien üblich.

Insgesamt dürfte der Unfall teuer werden. Die Allianz rechnet Branchenkreisen zufolge mit Kosten für die Versicherer von bis zu 300 Millionen Dollar. Den Hauptteil machen Schadenersatzzahlungen für die Passagiere aus. Das sind nicht die einzigen Folgen. "Üblicherweise gehen die Buchungen für einen begrenzten Zeitraum zurück, insbesondere aus dem Privatbereich", sagt Gerald Wissel, Chef der Unternehmensberatung Airborne. Touristen schreckten solche Unfälle extrem ab, da sie anders als Geschäftsleute selten fliegen und stärker emotional als rational entschieden.

GERMANWINGS WAR LUFTHANSA ZU TEUER

Fraglich ist auch, welche Auswirkungen das Unglück auf den strategischen Ausbau des Billiggeschäfts des Lufthansa hat. Spohr bügelte Fragen danach bislang ab. In der Belegschaft und bei Kunden ist die Unruhe groß, da das Management seit wenigen Jahren zunächst die Billigtochter Germanwings rasant ausbaute. Die Kosten liegen aber immer noch zu hoch, um etwa mit Billigbranchenprimus Ryanair konkurrieren zu können. Deshalb ist mit Eurowings bereits der Nachfolger am Start. Die neue Airline soll 40 Prozent günstiger fliegen als die Lufthansa selbst und wäre damit für den Konzern deutlich rentabler als Germanwings es je war. Nach Ansicht von Berater Wissel wäre nun der richtige Zeitpunkt für Spohr, die ungeliebte Billigstrategie zu überprüfen: "Spohr könnte die Wiederkehr des Wir-Gefühls nutzen, um die Lufthansa neu zu positionieren und traditionelle Werte des Konzerns wie Sicherheit, Qualität und Verlässlichkeit wieder stärker und vor allem unverrückbar in den Mittelpunkt zu stellen." Da hätte er sicherlich auch die Piloten hinter sich - und eine Chance, den mit harten Bandagen geführten Tarifkonflikt zu beenden. Die Piloten kämpfen dabei vor allem gegen den Ausbau von Eurowings. Die zahlreichen Streiks kosteten den Konzern über bisher 200 Millionen Euro Gewinn.

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