Kursfeuerwerk in Indien lockt westliche Aktionäre

Der indische Leitindex hat seit Jahresbeginn um 30 Prozent zugelegt, der Wert von Top-Performer Maruti Suzuki hat sich fast verdoppelt. Analysten sehen weiterhin Potenzial im Morgenland - sofern Indien seine Probleme in den Griff kriegt.

Kursfeuerwerk in Indien lockt westliche Aktionäre

Eine wirtschaftsfreundliche Regierung, ein entschlossener Premierminister und ein ambitioniertes Reformprogramm: Der Politikwechsel in Indien liefert nach Einschätzung von Experten derzeit alle nötigen Impulse für steigende Aktienkurse. Mehr als 20 Prozent hat der indische Leitindex BSE seit dem Amtsantritt von Premierminister Narendra Modi im Mai zugelegt, seit Jahresbeginn beläuft sich das Plus auf gut 30 Prozent. "Doch auch nach der jüngsten Rally können Anleger noch auf weitere Gewinne hoffen," prognostiziert Thomas Gerhardt, Schwellenland-Experte bei Edmond de Rothschild Asset Management.

Klare Linien: Die Entwicklung des BSE (blau) und Dow Jones (rot) seit Jahresbeginn.

"Modi packt an und genießt großes Vertrauen," erklärt Gerhardt. Der 64-jährige Hindu-Nationalist, der als Regierungschef im Unionsstaat Gujarat für ein kleines Wirtschaftswunder gesorgt hatte, ist mit dem Versprechen angetreten, die Wirtschaft Indiens ankurbeln, die Steuern zu reformieren, zehn Millionen Arbeitsplätze zu schaffen und mehr Geld in die Energie-, Straßen- und Schienennetze zu stecken. Markus Ackermann, Emerging-Markets-Experte bei HSBC Global Asset Management, rechnet damit, dass die Unternehmensgewinne 2015 um rund 14 Prozent steigen. "Zwar dürfte das Wirtschaftswachstum kurzfristig nicht deutlich zulegen, gleichwohl erwarten wir für das Haushaltsjahr 2015 jedoch eine leichte Erholung im Vergleich zum Vorjahr."

Ein Labyrinth der Bürokratie

Die nach China und Japan drittgrößte Volkswirtschaft Asiens durchlief in den vergangenen Jahren - für ihre Verhältnise - eine Flaute. Das Wachstum des mehr als eine Milliarde Menschen zählenden Staates betrug weniger als fünf Prozent pro Jahr, während es vor der Rezession 2009 noch etwa um die zehn Prozent gelegen hatte. Um der Wirtschaft neuen Schwung zu verleihen, will die neue Regierung mehr Investoren aus dem Ausland ins Land locken. Im August beschloss das Kabinett, die Obergrenze für entsprechende Direktinvestitionen in der Rüstungsbranche auf 49 Prozent von 26 Prozent zu erhöhen. Bei der Eisenbahn-Infrastruktur entfällt die Begrenzung ganz. Angeschoben wurde zudem der Abbau von Subventionen wie etwa für Diesel, um das Haushaltsdefizit zu reduzieren.

Ein Dorn im Auge ist der Regierung auch die überbordende Bürokratie: "Viel zu viele Projekte gehen in Indiens weitläufigem Bürokratielabyrinth schlicht unter", sagt Avinash Vazirani, Manager eines Indien-Fonds bei Jupiter. Positiv zu werten sei daher, dass Maßnahmen zur Verbesserung der Genehmigungsprozesse bis Ende Oktober den Weg für 176 Projekte im Wert von 104 Milliarden Dollar frei gemacht hätten.

Noch hat die Modi-Regierung allerdings einen weiten Weg vor sich, um die indische Konjunktur wieder in die Spur zu bringen. Von Juli bis September ging das Wirtschaftswachstum auf 5,3 Prozent zurück nach 5,7 Prozent im Vorquartal. Einige Marktbeobachter kritisieren, dass vor allem die angestrebte Steuerreform, mit der das Wirrwarr in den einzelnen Bundesstaaten durch eine einheitliche Steuer ersetzt werden soll, nicht schnell genug vorangetrieben wird. Das könnte ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozentpunkten ausmachen.

Wachsende Mittelschicht als großer Treiber

Schwellenland-Experte Gerhardt von Rothschild Asset Management ist allerdings zuversichtlich, dass auch kleinere Rückschläge nichts an der Attraktivität indischer Aktien ändern dürften. Die Reformvorhaben kosteten nun mal Zeit, meint der Experte. "Sollte es in dem ein oder anderen Punkt zu Verzögerungen kommen, dürfte dies unter den Anlegern sicherlich mal für Enttäuschung sorgen." Insgesamt sollte es an der indischen Börse aber weiter bergauf gehen.

Interessant sind aus Sicht von Gerhardt unter anderem Firmen, die wie Automobilunternehmen von der wachsenden Mittelschicht profitieren. Die Aktien von Indiens größtem Autobauer Maruti Suzuki India gehören mit einem Plus von fast 90 Prozent bereits in diesem Jahr zu den größten Gewinnern im BSE-Index, der 30 Werte umfasst. Im Fokus stehen laut Gerhardt auch private Banken, weil mit der anziehenden Wirtschaft auch ein wachsendes Bedürfnis nach Krediten zu erwarten sei. ICICI Bank und Axis Bank legten bislang 60 beziehungsweise 88 Prozent zu.

Als nützlich für Indiens Wirtschaft könnten sich auch die fallenden Ölpreisen erweisen. Laut Jupiter-Fondsmanager Vazirani machen die Bruttoeinfuhren von Öl 36 Prozent der indischen Gesamtimporte aus. Analysen hätten gezeigt, dass jede Rohölverbilligung um zehn Prozent bis zu 0,25 Prozent zum BIP-Wachstum beisteuern und gleichzeitig das Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit des Landes mindern könnte. Seit Juni ist der Ölpreis um rund 40 Prozent auf 64,83 Dollar je Fass gefallen. Neben der Überproduktion - vor allem in Nordamerika - machen Händler die schwache Konjunktur in Europa und China für den Preisrutsch verantwortlich. Das produzierende Gewerbe in Schwellenländern wie Indien dürfte davon profitieren, sagt Luca Paolini, Chefstratege bei Pictet Asset Management.