Russland-Freunde als ATX-Verlierer: Diese Aktien locken Turnaround-Trader

South Stream liegt auf Eis; der schwache Rubel, der niedrige Ölpreis und die Sanktionen haben der russischen Wirtschaft stark zugesetzt. Die Aktien der im östlichen Öl- und Gasgeschäft tätigen Unternehmen sind im Jahresverlauf stark eingebrochen - und locken nun mit Ertragspotenzial von bis zu 50 Prozent.

Russland-Freunde als ATX-Verlierer: Diese Aktien locken Turnaround-Trader

Der Winter ist da – und das gleich im doppelten Sinne: Erstens haben Europas Haushalte auf Grund des Temperatursturzes der vergangenen Wochen wieder die Heizungen angeworfen; zweitens herrscht noch immer Eiszeit zwischen Moskau und den politischen Entscheidungsträgern der EU. Die aus der Ukraine-Krise resultierenden Sanktionen sind Präsident Wladimir Putin ein Dorn im Auge; zusätzlich belastet wird die russische Wirtschaft durch purzelnde Ölpreise und einen schwachen Rubel.

Putin macht daher, was er auch schon in vorherigen Krisen dieser Art tat: Er droht Europa mit einer Einschränkung der Gaslieferungen. Am Montagabend verkündete er nicht nur das Aus der South-Stream-Pipeline, mit der russisches Gas vorbei an der Ukraine seinen Weg nach Europa hätte finden sollen; er betonte auch, dass Russland sich neue Partner in Asien suche und somit nicht mehr im gewohnten Ausmaß nach Europa liefern müsse.

Mehr zu den politischen Hintergründen von South Stream unter diesem Link.

Doch wie geht es eigentlich den ATX-Unternehmen, die verstärkt auf das Putin-Pferd und das Projekt South Stream gesetzt haben? Mit South Stream direkt wirtschaftlich verbunden sind die österreichischen Unternehmen OMV und Voestalpine – beide Konzerne sehen in der South-Stream-Absage das letzte Wort noch nicht gesprochen; alle Beteiligten sind bemüht, den Ball flach zu halten.

OMV: Partner bei South Stream

„Ich sage nicht, dass es vorbei ist“, sagt etwa OMV-Chef Gerhard Roiss – und erneuert seine Kritik an Brüssel, man solle Gas nicht als politische Waffe einsetzen. Ein Aus wäre für die OMV aber ebenfalls kein Beinbruch, betonte er im Ö1-Mittagsjournal. Roiss hatte im Juni mit Gazprom-Chef Alexej Miller den österreichischen Teil der Pipeline vertraglich fixiert; nun wäre ein Scheitern des South-Stream-Projekts für seine Karriere wohl ein ähnlich herber Schlag wie das Ende des Nabucco-Pipeline im Jahr 2013.

Zwar änderte sich der Aktienkurs der OMV am Dienstag kaum; auf den Jahresverlauf betrachtet ist das Papier aber der zweitschlechteste Wert im Wiener Leitindex ATX: Um 34,35 Prozent ging es seit Jahresbeginn bergab, auf 22,84 Euro am Dienstagnachmittag. Diese Entwicklung stellte Roiss am Dienstag bei einem Termin in Rumänien in einen längerfristigen Kontext: Der Wiener Leitindex ATX sei in den vergangenen zehn Jahren um 45 Prozent gestiegen, der OMV-Preis um 91 Prozent. Und auch Analysten sehen in der Aktie inzwischen ein Ertragspotenzial von 25,4 Prozent.

OMV AG
KGV 12,76
YTD-Änderung -34,35%
12-Mon.-Zielkurs 28,59 Euro
Ertragspotential 25,4 %

Voestalpine: Ein Teil ist schon geliefert

Der börsenotierte Stahlkonzern Voestalpine betonte am Dienstag, man halte trotz der Absage des South-Stream-Projekts an den Zielen fest; die Entscheidung habe keinen Einfluss auf das Betriebsergebnis. Für das laufende Geschäftsjahr 2014/15 (per Ende März) erwartet die Voestalpine auch weiterhin einen "leicht über dem Vorjahreswert" liegenden operativen Gewinn (Ebit). 2013/14 hatte sich das Betriebsergebnis um 6 Prozent von 843,1 auf 792,3 Mio. Euro verringert.

Der oberösterreichische Konzern hatte größere Aufträge für das umstrittene Gaspipelineprojekt South Stream an Land gezogen. Das Volumen der bisher erhaltenen zwei Aufträge liegt Marktschätzungen zufolge bei jeweils rund 100 Millionen Euro. Der erste Auftrag wurde bereits im Sommer abgewickelt, der zweite sollte jetzt zwischen Dezember und Jänner ausgeliefert werden.

Am Dienstag gab der Kurs der Voestalpine leicht nach, die Jahresperformance ist aber nicht so dramatisch wie bei der OMV: Seit Jahresbeginn hat das Papier 4,17 Prozent auf 33,47 Euro am Dienstagnachmittag verloren. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,83 ist die Aktie relativ gesund bewertet; Analysten sehen ein Ertragspotenzial von 9,1 Prozent.

Voestalpine AG
KGV 10,83
YTD-Änderung -4,17%
12-Mon.-Zielkurs 36,52 Euro
Ertragspotential 9,1 %

SBO: Aufträge steigen trotz Sanktionen

Doch auch andere Unternehmen haben sich auf das russische Öl- und Gasgeschäft eingelassen – darunter der Ölfeldausrüster Schoeller Bleckmann Oilfield (SBO). Dieser fühlt sich jedoch weder vom sinkenden Ölpreis betroffen, noch von den Sanktionen gegen Russland. "Die ersten drei Quartale sind sehr gut verlaufen", sagte SBO-Vorstandschef Gerald Grohmann Mitte November zur Nachrichtenagentur APA. Vom niedrigen Ölpreis sei man nicht betroffen, da die Kunden mit längerfristiger Perspektive investieren; und im Russland-Geschäft zeigen sich auch noch keine Auswirkungen: "Momentan liefern wir noch aus den Altverträgen heraus, die Altverträge sind ja von den Sanktionen ausgenommen worden,“ sagte Grohmann: „Wir haben auch punktuell schon einige neue Verträge genehmigt bekommen vom Ministerium." Die Auftragseingänge sind in den ersten neun Monaten um 11,7 Prozent auf 369,4 Millionen Euro gestiegen, der Auftragsstand lag Ende September bei 123,6 Millionen Euro. SBO hat auch selbst ein Direktgeschäft in Russland und beschäftigt dort 50 Mitarbeiter - von weltweit rund 1.663.

Die Aktie hat von SBO dennoch seit Jahresbeginn um 22,31 Prozent eingebüßt und war am Dienstagnachmittag 61,93 Euro wert – besonders seit dem Sommer ging es steil bergab. Analysten empfehlen hier hauptsächlich, die Aktie zu halten oder zu kaufen; das Ertragspotenzial liegt bei 26,9 Prozent.

Schoeller-Bleckmann Oilfield
KGV 14,96
YTD-Änderung -22,31%
12-Mon.-Zielkurs 78,56 Euro
Ertragspotential 26,9 %

C.A.T. Oil: Fracking in Russland

Wer über Österreich und Öl spricht, der muss zudem einen Blick auf die im Frankfurter SDax börsenotierte, aber in Wien ansässige C.A.T. oil werfen: C.A.T. oil bohrt für große Ölkonzerne wie Gazprom, Lukoil oder Rosneft Ölfelder an und bedient sich dabei der in Europa umstrittenen Fracking-Methode – das Unternehmen erwirtschaftet 98 Prozent seines Umsatzes in Russland. Die EU- und US-Sanktionen stellen laut Unternehmensangaben kein Hindernis für das Geschäft dar, da C.A.T. oil nicht in der von Sanktionen betroffenen Erdölexploration und -förderung in der Arktis, der Tiefsee sowie Schieferölgewinnung aktiv war und auch nicht vorhat, sein Geschäft in Zukunft zu ändern – doch obwohl das Unternehmen nicht direkt betroffen ist, gibt sich Firmenchef Manfred Kastner vorsichtig: Die Kunden würden ihre Investitionspläne für das kommende Jahr überdenken; daher wolle C.A.T oil erst im Februar über die für 2015 geplanten Investitionen von rund 130 Millionen Euro entscheiden.

Die Jahresentwicklung des Aktienkurses ist derzeit mit Vorsicht zu genießen, da ein Aktionärswechsel für Verwirrung sorgte – daher bewegten nicht nur geopolitische Faktoren das Papier, sondern auch interne Umwälzungen. Auffallend ist dennoch, dass die Aktie seit Jahresbeginn 38,89 Prozent an Wert verloren hat und Analysten nun ein Ertragspotenzial von 49,5 Prozent sehen.

CAT OIL AG
KGV 9,79
YTD-Änderung -38,89%
12-Mon.-Zielkurs 18,39 Euro
Ertragspotential 49,5 %

Gazprom: Der Krisen-Protagonist

Angesichts solcher Zahlen rentiert es sich noch, einen Blick auf den Protagonisten der besagten Gaskrise zu werfen: Der russische Gazprom-Konzern, der nicht nur Gas in Russland fördert, sondern es auch in die Europäische Union transportiert. Rund 430.000 Mitarbeiter arbeiten bei diesem Unternehmen, das eine Marktkapitalisierung von mehr als 64 Milliarden US-Dollar aufweist.

Die Ukrainekrise hat diesem Riesen ordentlich zugesetzt: Seit Jahresbeginn hat die Aktie um 36,39 Prozent an Wert verloren und notierte am Dienstagnachmittag bei 5,43 US-Dollar. Das Price-Earnings-to-Growth-Ratio (PEG) liegt hier bei 0,32 – was ein gutes Zeichen dafür darstellt, dass die Aktie alles andere als überbewertet ist. Das sehen auch die Analysten so: Aktuell empfehlen 60 Prozent, die Aktie zu halten; 35 Prozent sprechen eine Kaufempfehlung aus. Den Zielkurs sehen die Experten bei 8,34 Dollar – was einem Ertragspotenzial von satten 53 Prozent entspricht.

Gazprom OAO
PEG 0,32
YTD-Änderung -36,39%
12-Mon.-Zielkurs 8,34 USD
Ertragspotential 53 %

Reizvoll mag es also auf jeden Fall erscheinen, die Krise für mögliche Turnaround-Gewinne zu nutzen – Vorsicht ist aber allemal geboten, denn die Ertragschancen bergen auch ein gewisses Risiko. Bei vielen der besagten Unternehmen ist die weitere Entwicklung des Aktienkurses nicht nur von internen Faktoren abhängig, sondern vor allem von geopolitischen Aspekten wie der Ukraine-Krise, der Konjunktur in den großen Volkswirtschaften der Welt, sowie der Entwicklung der Öl- und Gaspreise.