Deutsche Atomkonzerne bestehen Stresstest - doch die fundamentalen Probleme bleiben bestehen

Deutsche Atomkonzerne bestehen Stresstest - doch die fundamentalen Probleme bleiben bestehen
Deutsche Atomkonzerne bestehen Stresstest - doch die fundamentalen Probleme bleiben bestehen

Jubel an der Börse: Die deutschen Energiekonzerne RWE und E.ON haben den Stresstest der Regierung bestanden, sie können die Kosten des Atomausstiegs selber tragen und brauchen dafür keine staatliche Hilfe. Die Aktien heben ab. Doch die fundamentalen Probleme bleiben.

Es waren die größten Tagesgewinne binnen fast sieben Jahren Nach der Veröffentlichung von positiven Ergebnissen des Stresstests zu den Nuklear-Rücklagen schossen die Aktien von RWE und E.ON am Montagmorgen jeweils über zehn Prozent in die Höhe - davor hatten die Investoren beider Unternehmen mit einer längerer Durststrecke kämpfen müssen.

Anleger hatten in den vergangenen Wochen befürchtet, dass die Politik von Versorgern höhere Rückstellungen für den Abriss von Atommeilern und die dauerhafte sichere Lagerung ihres Atommülls fordert. Der deutsche Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte die Ängste am Wochenende aber vom Tisch gewischt: "Die Unternehmen sind in der Lage, die Kosten des Kernenergieausstiegs zu tragen." Wirtschaftsprüfer hatten untersucht, ob die Rücklagen der Energieriesen ausreichen.

Analysten sind positiver gestimmt

Die zuletzt schwer von der Energiewende gebeutelten Konzerne RWE und E.ON hätten nun "eine Sorge weniger", bilanzierten Analysten der Societe Generale. "Wir haben nun eine positivere Sicht auf E.ON", schrieben Equinet-Experten - und stuften die Aktien des Düsseldorfer Unternehmens herauf. Analysten der Deutschen Bank hoben ihre Preisziele für die beiden Versorger an. Die Experten der Societe Generale betonten jedoch auch, die Untersuchungen im Rahmen des Stresstests seien kein Freibrief für die Versorger, einige Szenarien zeigten auch Probleme auf. Entscheidend seien aber die politischen Schlussfolgerungen - das Wirtschaftsministerium habe herausgestellt, dass aus seiner Sicht die Rückstellungen ausreichend seien.

Die Bewertungen der Analysten
RWE E.ON
Konsensrating 2,83 3,29
Buys 5 10
Holds 16 11
Sells 9 7
12-M.-Zielkurs 14,59 11,05
Ertragspotential 5,3% 9,8%
Quelle: Bloomberg/format.at/Stefan Mey

"Mit diesen Feststellungen haben Spekulationen über einen etwaigen Bedarf für höhere Rückstellungen in den Bilanzen keine sachliche Grundlage", betonten die vier großen Energieriesen E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall. An der Bilanzierungspraxis der deutschen Versorger ändere sich nichts.

Kein Steuergeld für Atom-Altlasten

Die Bundesregierung hatte den Stresstest bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth&Klein Grant Thornton in Auftrag gegeben. Hintergrund ist, dass der Bund sicher stellen will, dass kein Steuergeld für die Atom-Altlasten aufgebracht werden muss. Die Gutachter hatten insgesamt sechs Szenarien berechnet, um zu prüfen, ob die Konzerne die Aufgabe ohne Staatshilfe schaffen. Dabei waren zwei Faktoren entscheidend: Zum einen die angenommene Verzinsung der Rückstellungen, zum anderen die Kosten der Entsorgung. So führte die Extrem-Rechnung von dauerhaft niedriger Verzinsung von zwei Prozent in Kombination mit Preissteigerungen von über drei Prozent zu einem nötigen Rückstellungsbetrag von 77 Milliarden Euro, also 39 Milliarden mehr als vorhanden. Das Gutachten geht aber davon aus, dass die Konzerne genügend Substanz haben, die Lücke mit ihrem Vermögen zu schließen.

Die Versorger sind wegen der Energiewende mit der wachsenden Konkurrenz des Ökostroms und fallenden Strompreisen an den Börsen unter Druck: Trotz des jüngsten Aufschwungs hat die Aktie von RWE seit Jahresbeginn 46,30 Prozent an Wert verloren, jene von E.ON haben im Lauf des Jahres 30,05 Prozent nachgegeben. RWE ist an der Börse 7,1 Milliarden Euro wert, E.ON 18,24 Milliarden Euro.

Mit der aktuellen Entwicklung haben die Konzerne zwar eine Sorge weniger, das Grundproblem bleibt aber bestehen: Wie format.at schon im August schrieb, hat RWE die Energiewende verschlafen; 2014 stammte nur fünf Prozent des Stroms aus Erneuerbarer Energie. Und an diesem fundamentalen Problem hat auch der Stresstest nichts geändert. Zwar geht es auch E.ON schlecht. Die Düsseldorfer profitieren aber immerhin von der Hoffnung, dass die 2016 geplante Konzernaufspaltung den Wert des Unternehmens steigern wird.

Der von NGOs skandierte Kampfruf "Atomkraft, nein danke!" dürfte daher wohl auch für Investoren gelten: Zum Kaufen gibt es weitaus attraktivere Branchen, die deutschen Energieriesen müssen sich erst mal neu aufstellen und die Energiewende auf Schiene bringen. Mal ganz abgesehen von der potenziell unangenehmen Situation, bei der nächsten Dinner-Party die nukleare Portfolio-Beimischung gegenüber der Bekanntschaft verteidigen zu müssen.

Europas Energieunternehmen im Vergleich
Unternehmen Marktkapitalisierung (Mrd. Euro) Kurs (12.10.,11:50 Uhr) Empfehlungskonsens YTD-Ertrag
E.ON 19,75 9,13 3,29 -27,99%
Enel Spa 37,8 4,05 4,09 +12,42%
EDF 33,33 17,48 3,48 -18,95%
RWE 8,23 12,30 2,83 -44,69%
ENBW 6,01 21,86 3,50 -11,86%
Verbund 4,33 12,44 2,86 -16,88%
Areva 2,48 6,41 2,00 -29,11%
Quelle: Bloomberg/format.at/Stefan Mey

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