"Unser Geschäft ist nicht sexy"

"Unser Geschäft ist nicht sexy"

Peter Hagen, der neue Boss der VIG, über die Lockerheit der Amerikaner und warum es vielleicht bald keine österreichische Lebensversicherung mehr geben könnte.

FORMAT: Seit knapp drei Monaten sind Sie der neue CEO der Vienna Insurance Group. Zum Start präsentierten Sie ein erneutes Rekordergebnis für das erste Halbjahr 2012. Andere Unternehmen, auch Versicherungen, leiden unter der Krise. Was macht die VIG anders?

Peter Hagen: Wir sind eine Versicherung und widmen uns ausschließlich unserem Kerngeschäft. Wir machen keine Bankgeschäfte. Das hat uns in der Krise sehr geholfen. Alle großen internationalen Versicherungen sind jetzt genau wegen Bankgeschäften in Schwierigkeiten gekommen.

FORMAT: Wie verdient die VIG dann Geld?

Hagen: Wir müssen im Versicherungsbereich Geld verdienen. Wir können und wollen uns nicht darauf verlassen, dass wir im Veranlagungsbereich so viel Geld verdienen, um allfällige Verluste im Versicherungsgeschäft zu kompensieren.

FORMAT: Das klingt aber nicht sehr sexy für Ihre Aktionäre.

Hagen: Unser Geschäftsmodell ist mühsam und weniger sexy, als wenn ich mit hohem Risiko hohe Renditen erzielen will. Wir machen beispielsweise keine Kreditversicherungen, auch wenn man damit kurzfristig sehr viel Geld verdienen kann. Mit der Entscheidung, Geld hauptsächlich mit dem operativen Versicherungsgeschäft verdienen zu müssen, haben wir sehr viel Druck aus dem Veranlagungsbereich genommen. Das hat sich sehr bewährt und sorgt für nachhaltigen Erfolg.

FORMAT: Das heißt aber auch für Sie als neuer CEO, dass Sie verstärkt sparen müssen. Wo werden Sie ansetzen?

Hagen: Das ist ein permanenter Prozess. In dem Moment, wo man glaubt, man muss nicht sparen, explodieren die Kosten. Aber im Wesentlichen haben wir zwei Kostenblöcke: die IT und das Personal. Zeiten der Krise sind Konsolidierungszeiten. Da verstehen die Mitarbeiter, dass man unnötige Ausgaben nicht braucht.

FORMAT: Werden Sie auch bei den Mitarbeitern sparen?

Hagen: Jedes Unternehmen hat eine natürliche Fluktuation von rund 15 Prozent der Mitarbeiter. Wenn man nach zehn oder fünfzehn Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen, nur fünf oder acht wieder einstellt, führt das automatisch zu einem Produktivitätsgewinn. Wir werden sicher nicht Hunderte Leute auf die Straße setzen. Das würde ich als persönliche Niederlage empfinden.

FORMAT: Sie erzielen bereits etwas mehr als die Hälfte Ihrer gesamten Prämieneinnahmen aus dem osteuropäischen Raum. Denken Sie auch an die Expansion in die Türkei?

Hagen: Die Türkei ist ein faszinierendes Land. Aber den Versicherungsmarkt muss man von der allgemeinen Entwicklung getrennt sehen. In der Türkei wurden aufgrund der guten Wirtschaftsdaten Versicherungsgesellschaften zu Preisen gekauft, die man sehr lange nicht zurückverdienen können wird. Außerdem ist das Land leider Naturkatastrophen sehr stark exponiert. Wir sind dort mit einer kleinen Gesellschaft vertreten, haben also einen Beobachtungsposten. Aber derzeit ist an eine geografische Expansion nicht gedacht.

FORMAT: Günter Geyer, Ihr Vorgänger als CEO der Vienna Insurance Group, hat gesagt, dass die derzeitige Krise noch zehn Jahre dauern wird. Wie lange, schätzen Sie, wird die Situation im Euroraum noch so bleiben?

Hagen: Ich lasse mich nicht gerne auf Prophezeiungen ein. Im ersten Halbjahr 2008 lief die Wirtschaft auf vollen Touren. Niemand hat geahnt, was auf uns zukommt. Und jetzt sind wir mitten in einer der größten Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber Günter Geyer hat Recht, indem er meint, dass uns diese Situation noch sehr lange beschäftigen wird. Wenn die Krise doch rascher vorbei ist - wunderbar. Aber diese Krise ist nicht nur eine konjunkturelle, sondern auch eine strukturelle. Und die Lösungsversuche erinnern mich eher an ein Fortwursteln.

FORMAT: Was halten Sie vom Modell der "Vereinigten Staaten von Europa“?

Hagen: Als Idee finde ich es faszinierend, aber wenn ich mir manche Akteure ansehe, bin ich froh, in Österreich zu sein. Die Qualität von Ideen muss man auch daran beurteilen, was geschieht, wenn sie schlecht umgesetzt werden. Außerdem muss man die Europäische Union als Vereinigung zur Erhaltung des Friedens, nicht nur als ökonomische Union sehen. Da ist mir eine etwas höhere Agrarförderung tausendmal lieber als das Aufleben historischer Konflikte.

FORMAT: Aber würde eine stärkere EU nicht mehr Augenmerk auf die Probleme unseres Versicherungssystems legen?

Hagen: Es ist eine Illusion, zu glauben, dass diese Themen dann mehr im Fokus stehen würden.

FORMAT: Stört es Sie nicht, dass die Förderung für die private Zukunftsvorsorge einfach halbiert wurde?

Hagen: Die halbe Förderung ist immer noch besser als gar keine. Das Problem ist, dass man zuerst durch die Förderung Vertrauen für das Produkt aufgebaut und dieses Vertrauen jetzt geschwächt hat. Die Förderung ist zur Hälfte weg, also glauben die Menschen, dass das Problem der Zukunftsvorsorge auch weg ist.

FORMAT: Dass der Garantiezins bei der Lebensversicherung nun auf 1,75 Prozent gesenkt wird, könnte das Vertrauen in die klassische Lebensversicherung aber auch sinken lassen.

Hagen: Man muss da eines in Erinnerung rufen: Das ist der Garantiezins, der nach meist 20 Jahren Laufzeit gezahlt wird. Dazu kommt ja noch die Gewinnbeteiligung. Es bleibt also nicht bei den 1,75 Prozent. Und es gibt kaum ein anderes Produkt, das garantiert, dass Anleger nach 20 Jahren 1,75 Prozent bekommen. Wir zahlen regelmäßig deutlich mehr als den Garantiezins.

FORMAT: Versicherungen müssen schon bald, ähnlich wie Banken, nach den Bestimmungen von Solvency II deutlich höhere Sicherheitsanforderungen erfüllen. Was bedeutet das für die VIG?

Hagen: Das bedeutet zuerst einmal, dass Tonnen von Papier produziert werden müssen. Die aktuellen Sicherheitsbestimmungen Solvency I nehmen genau 2,5 Seiten im Gesetz in Anspruch. Für Solvency II sind es, im aktuellen Entwurf, 380 - und die sind sehr kompliziert. Wir müssen dann laut Gesetzbuch jedes Quartal rund 2.500 Berichte an diverse Aufsichtsbehörden liefern. Die Generierung der Daten kostet enorm viel.

FORMAT: Wie hoch schätzen Sie die Mehrkosten, die der VIG durch Solvency-II-Bestimmungen entstehen?

Hagen: Wir rechnen mit einem dreistelligen Millionenbetrag für die Einführung, also ohne die laufenden Kosten, die danach entstehen. Ich wäre längst dafür, die Kunden zu fragen, ob sie bereit sind, für diese zusätzliche Sicherheit zu zahlen. Denn die Kosten werden wir nicht allein tragen können. Es gibt einfachere Methoden, unser Geschäft sicher und transparent zu machen.

FORMAT: Durch die Bestimmungen wird auch ein höherer Kapitaleinsatz zur Absicherung der Produkte nötig. Wie wird sich das auswirken?

Hagen: Wenn wir für eine einfache Lebensversicherung zur Absicherung Unmengen an Kapital hinterlegen müssen, wird man sich fragen, ob man dieses Produkt noch anbieten kann. Es gibt schon Versicherungen, die ganze Produktgruppen abstoßen. Die werden dann von amerikanischen Versicherungen gekauft und hier in Europa angeboten. Aber mit den viel geringeren amerikanischen Sicherheitsbestimmungen. Die Amerikaner lachen und werden vom Unverstand der Europäer profitieren.

FORMAT: Seitdem Anleger in den vergangenen Jahren viel Geld verloren haben, muss es eben mehr Sicherheit bei Finanzgeschäften geben. Das ist doch verständlich.

Hagen: Die Vienna Insurance Group investiert stets konservativ, und das ist Teil unseres Erfolgs. Ich bin sehr dafür, Kontrollen zur Erhöhung der Sicherheit zu schaffen. Die müssen aber effizient und kostengünstig sein.

Zur Person: Die Hofübergabe war lange geplant. Bereits im Herbst 2011 wurde der studierte Jurist Peter Hagen vom damaligen VIG-General Günter Geyer als Nachfolger präsentiert. Hagen hat seine berufliche Laufbahn 1989 in der VIG begonnen. Als Vorstandsmitglied der zum Konzern gehörenden tschechischen und slowakischen Kooperativa war er maßgeblich an der Expansionsstrategie der VIG im CEE-Raum beteiligt.

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