"Kein Mensch hat gedacht, dass es eine derart große Wirtschaftskrise geben könnte"

"Kein Mensch hat gedacht, dass es eine derart große Wirtschaftskrise geben könnte"

FORMAT: Der Rückzug des Verbund aus der Türkei ist fixiert. Damit gehen Sie allerdings von einem Wachstumsmarkt zurück in die Regionalliga.

Wolfgang Anzengruber: Natürlich geben wir einen Wachstumsmarkt auf - aber wir tauschen mit E.ON nicht gegen nichts, sondern gegen Wasserkraftwerke am größten Strommarkt Europas. Wenn also Deutschland in der Regionalliga spielt, dann sind wir jetzt dort. Der Verbund ist kein multinationales, globales Unternehmen. Unser Radius beträgt rund 1.000 Kilometer rund um Österreich. Wir sind etwa in Südosteuropa sehr engagiert: Rumänien, Bulgarien, Albanien. In Rumänien bauen wir etwa gerade einen Windpark mit 200 Megawatt Leistung.

Rückblickend betrachtet: Hätten Sie das Türkei-Engagement auch initiiert?

Anzengruber: Das damalige Management hat aus der Sicht des Jahres 2006 diese Entscheidung getroffen. Die Strompreise waren um 40 Prozent höher, und die Perspektive war auf deutliches Wachstum ausgerichtet. Die Welt hat sich seitdem geändert. Kein Mensch hat gedacht, dass es eine derart große Wirtschaftskrise geben könnte. Es war damals eine gute Entscheidung, in die Türkei zu gehen. Und es ist jetzt eine gute Entscheidung, andere Wege zu gehen.

Wofür haben Sie dann eigentlich 2010 eine Kapitalerhöhung gebraucht?

Anzengruber: Die Kapitalerhöhung hat mit der Türkei überhaupt nichts zu tun gehabt - damit muss man wirklich einmal aufräumen. Wir haben in Österreich erheblich investiert: Limberg II, Beginn Reisseck II und so weiter. Fast 70 Prozent unserer Investitionen sind nach Österreich gegangen. Pro Jahr waren das mehrere Hundert Millionen Euro.

Man hört immer wieder von klimatischen Differenzen zwischen dem Verbund und dem türkischen Partner, der Sabanci Holding.

Anzengruber: In jedem 50:50-Joint-Venture gibt’s hin und wieder Diskussionen über Projekte. Der Wachstumskurs über den ursprünglichen Investitionszeitraum 2015 hinaus wurde vom türkischen Partner etwas aggressiver gesehen. Für uns hätte das eine sehr große Konzentration auf einen einzelnen Markt bedeutet. Diskussionen sind in einem Joint Venture normal - von einem Zerwürfnis kann man aber überhaupt nicht sprechen. Der aktuelle Deal zwischen E.ON und dem Verbund lässt keinen als Verlierer übrig. Wir bekommen acht Wasserkraftwerke, darunter ein Donaukraftwerk, mit rund zwei Milliarden Kilowattstunden jährlich dazu, und E.ON bekommt den erwünschten Wachstumsmarkt in der Türkei. Es gibt eigentlich nur Sieger.

Zu den Verbund-Aktivitäten in Österreich: Das Gaskraftwerk Mellach läuft nicht gut.

Anzengruber: Technisch läuft Mellach gut. Aber der Gasmarkt ist eine zusätzliche Herausforderung im Energiebereich. Die Entscheidung für dieses Gaskraftwerk wurde vor fünf Jahren getroffen. Damals war die Situation ein bisschen anders. In Europa war der Gaspreis an den Ölmarkt gekoppelt. Alles lief parallel. Jetzt geht aber der Strompreis an der Börse wegen Förderungen für Erneuerbare und schwacher Konjunktur runter, und Öl steigt weiter. Der Gaspreis zieht mit. Damit geht die Schere auf, und die Profitabilität von Gaskraftwerken gerät unter Druck - darunter leiden wir in Mellach wie alle in Österreich und in ganz Europa auch.

Was bedeutet das für Ihre Strategie?

Anzengruber: Man wird Gaskraftwerke brauchen, denn sie sind eine Brücke für die erneuerbaren Energien. Gaskraftwerke sind sehr flexibel und schaffen Regelenergie. Neue werden wir allerdings keine mehr bauen - denn all unsere Neuinvestitionen gehen in die Richtung, keine CO2-Emissionen zu verursachen.

Noch mal nachgefragt - wäre es Ihnen lieber, Mellach nicht im Verbund zu haben?

Anzengruber: Ergebnismäßig ja, weil es negativ ist. Im Moment erhöht Mellach unseren Gewinn nicht. Mit dieser Technologie ist es derzeit in ganz Europa schwierig, profitabel zu sein. Aber die Zeit der Gaskraftwerke wird wieder kommen.

Sie setzen also voll auf Wasserkraftwerke, auch wenn es da kaum ein nennenswertes Projekt ohne Schwierigkeiten mit Umweltschützern gibt?

Anzengruber: Nennen Sie mir ein Projekt in Österreich im Infrastrukturbereich, wo es keine Widerstände gibt. Aber es gibt bei der Wasserkraft in Österreich noch einiges Potenzial, ohne in Nationalparks oder Tabuzonen einzugreifen. Derzeit modernisieren wir gerade das älteste Donaukraftwerk in Ybbs-Persenbeug um 140 Millionen Euro. Das Ziel ist klar: Bestehende Anlagen sollen noch effizienter arbeiten und mehr Strom erzeugen. Ein weiteres Projekt von uns ist ein Gemeinschaftskraftwerk mit den Schweizern und der Tiroler Tiwag am Inn. Das ist das größte Laufkraftwerk, das in Österreich noch neu gebaut werden kann. Zudem steht noch Limberg III in der Kraftwerksgruppe Kaprun an. Wasserkraft ist für uns der Schlüssel für die Zukunft.

Die Idee eines Zusammengehens mit der OMV liegt auf Eis. Warum?

Anzengruber: Das ist erstens eine Eigentümerfrage, und zweitens würde es nicht zu unserer CO2-freien Strategie passen. Das wäre ein Kuddelmuddel.

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