Ist die Wiener Börse noch zu retten?

Kreisky - Trouble

Erwin Schrott - Rojotango

Alois Wögerbauer - 3-Banken-Generali

Alois Woegerbauer Bild: Heidi Michel - Debor „Wir finden auch in Österreich Unternehmen, deren globale Aufstellung überzeugt.“

Rettungsschirme, Staatsschuldenkrise – die tägliche Nachrichtenflut verdeckt oft den Blick auf die wirklich wichtigen Informationen. Wesentlich ist, dass die EZB klar signalisiert hat, durch Staatsanleihenkäufe Länder wie Spanien oder Italien zu stützen; der Euro-Zerfall wird nicht stattfinden. Ebenso entscheidend ist, dass die amerikanische Notenbank Fed laut letzten Aussagen die Zinsen bis 2015 nahe Null belassen wird.

Damit stehen wir vor einem mehrjährigen Zinstief. Wohl noch für einige Jahre wird die Inflationsrate erheblich über dem Leitzins von EZB oder Fed liegen, was einen jährlichen Kaufkraftverlust für den Sparer bringt. „Financial Repression“ und „negative Realrendite“ sind die sperrigen Begriffe für diesen finanzpolitisch gewünschten Effekt auf Kosten der Sparer und Staatsanleihenkäufer: Es ist der Beitrag aller zum relativen Abbau der Staatsschulden. Aus Sicht der Regulatoren lässt sich aus den Erlässen und Bestimmungen zudem ableiten: Der Kauf von Staatsanleihen wird immer noch als risikolos eingestuft – beim Kauf substanzstarker Aktien gibt es aber zahlreiche Hürden, weil dies ja angeblich so riskant ist. Diese Sicht mag rechtlich abgesichert sein – aber ist dies auch die Sicht eines erfahrenen Börsianers? Wohl nicht.

Aktien sind in der kurz- bis mittelfristigen Betrachtung kein sicherer Hafen und werden dies auch nie sein. Geht es aber um langfristigen Vermögenserhalt, dann sind Aktien gerade jetzt die richtige Antwort auf das aktuelle Umfeld. Wir finden global etwa in der Gesundheitsindustrie Unternehmen, die seit einem Jahrzehnt die Gewinne steigern, aber kursmäßig nicht vom Fleck kamen. Novartis und Johnson & Johnson seien hier als Beispiele genannt. Wir finden auch in Österreich Unternehmen, deren Produktnische und deren globale Aufstellung überzeugt. Zum Beispiel die Unternehmen Lenzing, Kapsch Traffic und andere mehr. Das Jahr 2012 war medial geprägt von negativen Meldungen aus vielen Himmelsrichtungen. Die Aktienmärkte sind dennoch im Plus.

Vielleicht hat die Renaissance der Aktie gerade begonnen – und keiner hat’s gemerkt?

Michaela Keplinger-Mitterlehner - RLB OÖ

Michaela Keplinger-Mitterlehner Bild: MAYR Elke/WB/picturedesk.com „Ich bin davon überzeugt, dass viele Aktien in Österreich enormes Potenzial haben.“

Die Situation an den Aktienmärkten ist wie immer auch eine Frage des Vertrauens und der allgemeinen Stimmung. Die Märkte verlangen nach Kalkulierbarkeit. Daher braucht es ernstzunehmende Signale zur Bekämpfung der Schuldenkrise. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung hat die Europäische Zentralbank mit der Entscheidung gesetzt, unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen. Derartige Nachrichten bringen wieder etwas mehr Vertrauen und Sicherheit und erschweren Spekulanten die Wetten gegen Staatsanleihen angeschlagener Länder. Darüber hinaus muss Europa weiterhin konkrete und vor allem auch nachhaltige Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung setzen. Ein starkes Wachstum dürfen wir in naher Zukunft sicherlich nicht erwarten. Aber eine Rezession – insbesondere in Österreich und Deutschland – ist auch nicht erkennbar. Positiv zu erwähnen ist, dass sich viele Unternehmen auf diese Situation gut eingestellt haben. So gelingt es diesen Unternehmen – trotz des nur mäßigen allgemeinen Wirtschaftswachstums –, eine zufriedenstellende Umsatz- und Gewinnentwicklung zu verzeichnen.

Wenn man den österreichischen Kapitalmarkt betrachtet, muss man bedenken, dass kleinere Märkte von globalen Entwicklungen immer stärker betroffen sind. Auf Österreich trifft das insbesondere wegen der Exponierung in Osteuropa zu. Das erklärt auch den Rückgang des Handelsvolumens an der Wiener Börse im ersten Halbjahr 2012. Aber auch wenn man sich den allgemeinen Entwicklungen nicht entziehen kann, ist am Wiener Handelsplatz sicherlich wieder mehr Optimismus gefragt. Ich bin davon überzeugt, dass viele Aktien in Österreich unterbewertet sind und daher zum Teil enormes Potenzial aufweisen. Dies zeigt sich auch am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) – der klassischen Kennzahl zur Bewertung der Aktienmärkte.

Der ATX weist aktuell ein deutlich geringeres KGV auf als andere internationale Indizes. Gemeinsam mit der positiven fundamentalen Entwicklung der Unternehmen eröffnet dies in den kommenden Wochen und Monaten gute Chancen für den heimischen Aktienmarkt.

Alfred Reisenberger - Wiener Privatbank

Alfred Reisenberger Bild: Foto Wilke „Die Aufwärtsentwicklung des ATX wird eher früher als später fortgesetzt werden.“

Im Börsenjargon steht ein sicherer Hafen gleichbedeutend für eine krisenfeste Anlage wie zum Beispiel Gold oder Staatsanleihen. Wir befinden uns seit Mitte 2007 in einer globalen Finanzkrise, die gut für eine Anlage in Gold war, aber weniger für eine Veranlagung in Aktien. Von Mitte 2007 bis Ende September 2012 hat sich Gold in US-Dollar fast verdreifacht, während der ATX mehr als die Hälfte von seinem damaligen Wert verloren hat. Der ATX war damit alles andere als ein sicherer Hafen. Er wird es auch in Zukunft nicht sein.

Die Frage ist aber, ob Aktien und damit der ATX, in den nächsten Monaten und Jahren relativ zu anderen Veranlagungsformen, vielleicht auch vermeintlich sicheren, eine bessere Entwicklung aufweisen können. Diese Frage lässt sich zwar nicht uneingeschränkt mit Ja beantworten, aber zumindest mit einem Jein. Für ein Engagement im ATX und damit in Aktien spricht die Öffnung der Geldschleusen durch die EZB. Dadurch sind die Probleme der Eurozone nicht gelöst, aber zumindest wurde Zeit gekauft. Das Vertrauen sollte langsam in die Aktienmärkte zurückkehren, auch erkennen wir einen generell positiven Trend seit Juni dieses Jahres. Belastend wirkt eine nach wie vor schwache Wirtschaftsentwicklung, die auch in den nächsten Quartalen wenig an Dynamik gewinnen wird.

Die breiten Indizes in Europa und den USA haben trotzdem von Mai bis September kontinuierlich zugelegt, und die Geschichte lehrt uns, dass das folgende vierte Quartal nach solch einer Entwicklung nur selten negativ war. In diesem Fahrwasser sollte auch der ATX weiter zulegen können. Wir gehen davon aus, dass die Aufwärtsentwicklung des ATX nach der zuletzt gesehenen Konsolidierung fortgesetzt werden wird – und zwar eher früher als später. Die in Kürze beginnende Berichtssaison für das dritte Quartal wird tendenziell schwächer als jene des zweiten Quartals ausfallen. Dies wohl nicht zuletzt aufgrund der saisonal schwächeren Sommermonate, was aber angesichts der makroökonomischen Umstände zu erwarten war. Damit wird der ATX vermeintlich sichere Häfen in seiner Performance deutlich übertreffen.

Leo Willert - Arts Asset Management

Leo Willert Bild: Heidi Michel-Debor „Als breites Basisinvestment ist der ATX nicht geeignet, eher für taktische Beimischungen.“

Gerade einmal etwas über 0,1 Prozent (!) macht der Anteil österreichischer Aktien gemessen am Weltaktienindex MSCI World aus. Dennoch sind österreichische Aktien in den Portfolios heimischer Anleger oft mit einem Anteil von 25 Prozent und mehr gewichtet. „Home Bias“ nennt sich dieses Phänomen, das der Behavioral-Finance-Forschung auch aus anderen Ländern bestens bekannt ist: Die meisten Anleger vertrauen instinktiv der Heimatbörse mehr als internationalen Märkten.

Worauf setzen Anleger mit Wiener Aktien? Auf den ersten Blick könnte man annehmen, es handelt sich beim ATX um einen Aktienindex, von dem man eine den europäischen Kernländern ähnliche Entwicklung erwarten könnte. Eine Korrelationsanalyse mit Vergleichsindizes wie dem DAX zeigt jedoch ein anderes Bild: Während der deutsche Leitindex mit dem Index der 50 größten Eurozonen-Unternehmen ausgesprochen hoch korreliert (über 0,95), sich also ziemlich im Gleichschritt entwickelt, liegt die Korrelation des ATX mit dem EuroStoxx 50 bei lediglich 0,43.

In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts (vom 1. Oktober 2002 bis zum Allzeit-Hoch des ATX im August 2007) legten der ATX und der osteuropäische MSCI-Aktienindex im Gleichschritt eine Kursrallye mit jeweils über 360 Prozent Gesamtperformance aufs Börsenparkett, während sich etwa die Investoren des DAX mit knapp der Hälfte zufrieden geben mussten. Allerdings fiel auch die Korrektur in den folgenden zwei Jahren entsprechend heftiger aus als bei DAX und Co. Mit anderen Worten: Der ATX führt ein ziemliches Eigenleben und reagiert oft eher wie die Osteuropa-Börsen.

Fazit: Aufgrund der geringen Marktkapitalisierung, der relativ niedrigen Liquidität und der hohen Volatilität ist der ATX nicht wirklich als breites Basisinvestment geeignet, sondern eher für taktische Beimischungen. Im Rahmen unseres trendfolgenden ARTS-Handelssystems kamen vor allem in den guten Zeiten zwischen 2004 und 2006 immer wieder österreichische Aktienfonds erfolgreich zum Einsatz, das Risiko wurde jedoch stets durch strikte Stop-Loss-Limits begrenzt.