"Die Energiewende kann nur ein europäisches Projekt sein"

"Die Energiewende kann nur ein europäisches Projekt sein"

FORMAT: Sie haben einmal gesagt, die Energiewende sei gut gemeint, aber schlecht gemacht. Warum?

Wolfgang Anzengruber: Es gibt zu viele Köche für zu wenig Brei. Für eine erfolgreiche Umsetzung der Energiewende in Europa ist ihre ganzheitliche Betrachtung von hoher Bedeutung und nicht eine von Einzelinteressen geprägte Maßnahmensetzung. Es braucht also eine europäisch koordinierte, partnerschaftliche Umsetzung. Gearbeitet werden muss an einer Reform des CO2-Markts, an einer Integration der erneuerbaren Energien in den Wettbewerbsmarkt und am Ausbau des Übertragungsnetzes.

Was ist derzeit die wirtschaftlichste Technologie zur Stromerzeugung in Europa?

Anzengruber: Derzeit werden die "neuen“ erneuerbaren Energien - vor allem Wind und Sonne - stark ausgebaut, daher braucht es Investitionen in neue, flexible Kraftwerke und leistungsfähige Netze, um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden. Durch die massive Förderung der neuen Erneuerbaren und Schwächen im CO2-Markt, der nicht funktionsfähig ist, entsteht die paradoxe Situation, dass jene Kraftwerke mit den höchsten spezifischen CO2-Emissionen, nämlich Braunkohlekraftwerke, derzeit am wirtschaftlichsten sind.

Ist es fair, dass Strom aus Sonne und Wind staatliche Förderungen erhält, Wasserkraft aber nicht?

Anzengruber: Der Strommarkt in Europa braucht ganz dringend ein langfristig angelegtes, wettbewerbsorientiertes Design. In diesem Sinne - nämlich im Sinne des Wettbewerbs - ist es gut, dass Wasserkraft die einzig wirtschaftliche erneuerbare Erzeugungstechnologie ist und keine Förderungen braucht. Weitere Förderungen würden den Weg zurück in die Zeit vor der Liberalisierung weisen.

Wo sehen Sie Schwachstellen in der österreichischen Stromversorgung?

Anzengruber: Österreich befindet sich in der glücklichen Lage, bereits heute rund 70 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen erzeugen zu können. Energiefragen machen aber nicht an nationalen Grenzen Halt. Die Energiewende kann nur ein europäisches Projekt sein. Daher brauchen wir auch in Österreich für ein sicheres, leistbares und umweltverträgliches Stromsystem starke Netze - gesicherte, flexible Erzeugung wie Speicher- und Gas-Kombi-Kraftwerke. Im Netzbereich meint das vor allem die rasche Schließung des 380-kV-Rings für die Stromübertragung, Stichwort: Salzburg-Leitung.

Aber gerade dieser Bau der 380-kV-Leitung dauerte extrem lang …

Anzengruber: Die 380-kV-Steiermark-Leitung ist mit 20 Jahren Planungs- und Genehmigungsdauer ein trauriges Highlight, sie ist seit 2010 in Betrieb. Für Österreichs ehrgeizige Ziele bedarf es großer Anstrengungen und vorbehaltloser Unterstützung der Politik. Das bedeutet, dass unsere Genehmigungsverfahren beschleunigt werden müssen bzw. die gesetzlichen Fristen für Umweltverträglichkeitsprüfungen von insgesamt maximal 15 Monaten einzuhalten sind.

Welche aktuellen Verbund-Projekte haben sich heuer aufgrund langer Genehmigungsverfahren weiter verzögert?

Anzengruber: Die Kraftwerke Gössendorf und Kalsdorf an der Mur waren rund 30 Monate im UVP-Verfahren und sind mittlerweile fertiggestellt. Das Gemeinschaftskraftwerk Inn in Tirol wurde nach fünf Jahren Verfahrensdauer Mitte Dezember 2012 genehmigt. Das Kraftwerk Gries an der Salzach ist seit Juni 2010 im UVP-Verfahren. Wir hoffen auf baldige Genehmigung. Gegenbeispiel ist das Pumpspeicherkraftwerk Reißeck II, das bereits nach einer Verfahrensdauer von elf Monaten genehmigt wurde.

In Deutschland gibt es die Angst vor einem Blackout. Sehen Sie die Gefahr größerer Stromausfälle auch in Österreich?

Anzengruber: Ich sehe weniger die unmittelbare Gefahr größerer Stromausfälle als generell eine zunehmende Verschlechterung der Stromversorgungsqualität. Die Zeiten, in denen sich das Stromnetz seinen Belastungsgrenzen nähert, treten häufiger auf als noch vor einigen Jahren.

Warum ist das so?

Anzengruber: Das hat mit den geänderten Rahmenbedingungen zu tun: Mehr erneuerbare Stromquellen, die wetterbedingt schwanken, weniger Grundlastkraftwerke, ein langsamer Ausbau der Stromnetze sowie zu wenig Stromspeichermöglichkeiten führen zu höheren Belastungen. Die sind etwa dann groß, wenn starker Wind weht, viel Sonne scheint und wenig Strom verbraucht wird. Erzeugung und Verbrauch müssen nämlich immer ausgeglichen sein, wenn das Stromsystem sicher sein soll. Die Netzbetreiber müssen Angebot und Nachfrage sekundenscharf ausbalancieren. In Europa braucht es dafür neben dem koordinierten Ausbau der erneuerbaren Energien auch leistungsfähige Übertragungsnetze und mehr Speicherkapazitäten.

Stichwort Pumpspeicher. In Medien wurde Österreich ja als Stromwunderland bezeichnet, weil es Deutschland günstigen deutschen Strom wieder verkauft. Machen wir wirklich Atomstrom grün?

Anzengruber: Das ist ein modernes Schauermärchen. Auch Pumpspeicherkraftwerke beziehen Strom aus dem österreichischen Stromnetz. Als "grüne“ Batterien werden sie bezeichnet, weil sie die zunehmenden Schwankungen im Stromnetz, die durch den Ausbau der erneuerbaren Energien entstehen, insbesondere durch Windkraft, ausgleichen können. Vor allem mit überschüssigem Strom aus Windkraft pumpen sie das Wasser in den höher gelegenen Stausee. Sobald sie in den Turbinenbetrieb gehen, verwenden sie das Wasser des oberen Stausees, wobei nur jene Menge Strom als Wasserkraftstrom bezeichnet werden darf, die aus dem natürlichen Zufluss des Stausees stammt. Der Strom aus dem hinaufgepumpten Wasser ist und bleibt "Strom unbekannter Herkunft“.

Potenzial für Schauermärchen haben auch die digitalen Stromzähler. Was erwarten Sie sich von den Smart Meters?

Anzengruber: Smart Meters machen es möglich, maßgeschneiderte Stromprodukte und Energiedienstleistungen anzubieten, und dienen vor allem dem effizienten Einsatz von Strom. Konsumenten können Strom damit zielgerichteter und wirksamer einsetzen. Eine flächendeckende Umstellung ist für uns ein unumgänglicher Schritt zu einer modernen und effizienten Energieversorgung, von der insbesondere Haushalts- und Kleingewerbekunden profitieren werden. Allerdings werden die derzeitigen Verordnungen diesen Zielen nicht in ausreichendem Maße gerecht.

Sind E-Autos wirklich die Zukunft? Auch wenn sie mit Braunkohlestrom fahren würden?

Anzengruber: Vieles spricht für Elektromobilität: Energieeffizienz, CO2-Reduktion, Klimaschutz, Lebensqualität etc. Die positiven CO2-Aspekte können aber nur dann zur Geltung kommen, wenn der Strom für E-Mobilität ausschließlich aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. In Österreich sind die Voraussetzungen optimal, um den erwarteten Strombedarf für Elektroautos zu 100 Prozent aus "grünem Strom“ decken zu können. Alleine der Verbund kann im Jahr 2016 eine Mehrerzeugung an Strom aus heimischen erneuerbaren Energiequellen von 1 Milliarde kWh anbieten; damit könnten 500.000 Elektroautos in Österreich betrieben werden.

Was erwarten Sie von 2013 für Ihr Unternehmen und die Strombranche?

Anzengruber: Die Strombranche ist ein langfristiges Geschäft, daher sind die Themen 2012 auch 2013 weiter prägend: Es gilt, rasch Lösungen zu finden, um die Energiewende koordiniert umzusetzen.

Zur Person: Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Anzengruber ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns Verbund, Österreichs größtem Stromproduzenten. Davor war der gelernte Maschinenbauer Vorstandsvorsitzender beim Kranhersteller Palfinger. In einem Ranking von FAS Research wurde Anzengruber heuer zum einflussreichsten Manager Österreichs gekürt.

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