Zwei Inder bieten Amazon die Stirn

Zwei Inder bieten Amazon die Stirn

Hätte Jeff Bezos Haare, so würden sie ihm zu Berge stehen: Denn während sein eigenes Unternehmen erst seit einem Jahr auf dem indischen Markt aktiv ist, haben ausgerechnet zwei Ex-Amazon-Mitarbeiter einen guten Teil des Marktes für sich beansprucht.

Rund 126 Millionen Dollar Verlust, fast doppelt so viel wie von Analysten erwartet, machte Amazon im vergangenen Quartal ; als Grund dafür wurden teils äußerst wagemutige Investments in neue Märkte und Produktkategorien genannt. Die Aktie verlor am gleichen Tag rund zehn Prozent an Wert, doch nicht einmal eine Woche später lässt CEO Jeff Bezos nicht locker und verkündet den nächsten Schritt: Im Wachstumsmarkt Indien möchte der weltweit größte Online-Händler zwei Milliarden Dollar investieren.

„Wir sehen viel Potenzial im indischen Markt“, verkündet Bezos in einer Presseaussendung: So wie sich Indien derzeit entwickle, könne es das Land werden, in dem der US-Konzern am schnellsten die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro erreiche. Mit dem Geld soll das Wachstum beschleunigt werden. Doch warum ist Bezos ausgerechnet jetzt, nach einem recht mauen Quartal, so sehr in Eile?

Der Grund ist, dass Amazon im südasiatischen Land lange getrödelt hat, und inzwischen lokale Marktbegleiter das Ruder in der Hand halten. Erst vor einem Jahr war Amazon unter der eigenen Marke mit der Website amazon.in eingestiegen; davor hatte man versucht, mit der Preisvergleichswebsite junglee.com unter der stetig wachsenden, kaufkräftigen indischen Mittelschicht zu punkten.

Zwei 25jährige gegen den Konzern

Deutlich früher, nämlich im Jahr 2007, haben die beiden 25jährigen Ex-Amazon-Mitarbeiter Binny und Sachin Bansal begonnen, Bücher von einem kleinen Laden in Bangalore aus zu verkaufen – und nicht einmal sieben Jahre später stellen sie den größten lokalen Mitbewerber ihres ehemaligen Arbeitgebers dar: Nur einen Tag vor Amazons Bekanntgabe, zwei Milliarden Dollar in der größten Demokratie der Welt zu investieren, hat das von ihnen gegründete Unternehmen Flipkart eine Milliarde Dollar an Kapital von Investoren eingesammelt – und träumen laut dem indischen Branchenmedium yourstory.in von einer Bewertung im Rahmen der 100 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Das weltweit aktive Amazon kommt derzeit auf eine Marktkapitalisierung von 147 Milliarden Dollar. Die Bewertung der Inder ist zwar äußerst optimistisch angelegt – sie deutet aber an, wohin der Hase läuft.

Aktuell beschäftigt Flipkart 14.000 Mitarbeiter, hat 22 Millionen Besucher und verkauft 15 Millionen Produkte. Amazon hat zwar 17 Millionen Produkte im Repertoire und kann auf Vorteile wie Economies of Scale auf internationaler Ebene zurückgreifen; doch die Local Heroes haben gegenüber Bezos ein paar Asse im Ärmel: Sie haben bereits länger Erfahrung im lokalen Markt und konnten sich so auf die dortigen Bedingungen einstellen; dazu gehört ein eigenes Logisitksystem und die Option, dass Kunden erst bei Erhalt der Ware in bar bezahlen – das ist wichtig, da die Kreditkartendurchdringung im Schwellenland noch relativ gering ist. Ebenfalls entscheidend: Im Gegensatz zu Jeff Bezos müssen sich die beiden Jungstars nicht vor Aktionären rechtfertigen – bis zu einem Börsengang wollen die Gründer laut yourstory.in noch zwei bis zehn Jahre verstreichen lassen.

Starkes Wachstum, chinesisches Vorbild

Dass Bezos trotz des Wettbewerbs den Kuchen niemand anderem überlassen will, zeigen aktuelle Zahlen: Studien zufolge wächst der Internet-Handel in Indien derzeit pro Jahr um 34 Prozent. "Es geht nur darum, wer am schnellsten wächst und in den nächsten Jahrzehnten seine Stellung behauptet", sagte Analyst Harminder Sahani von der Beratungsfirma Wazir Advisors in Bezug auf die Konkurenzsituation. Rund 250 Millionen Inder sind derzeit mit dem Internet verbunden, bei jährlichen Wachstumsraten von über 40 Prozent soll diese Zahl Ende 2015 bei 375 Millionen liegen. Der Forschungsgruppe Technopak zufolge wird der Online-Markt bis 2021 auf 76 Milliarden Dollar anwachsen. Das klingt beindruckend, ist aber noch immer weniger als beim nördlichen Nachbarn: In China soll der Online-Markt heuer größer als 180 Milliarden Dollar sein.

Entsprechend sehen die beiden Inder auch gar nicht Amazon als das große Vorbild, sondern das chinesische Pendant namens Alibaba: Der Online-Marktplatz konnte, ähnlich wie nun Flipkart, im Jahr 2005 vom US-Konzern Yahoo eine Milliarde Dollar an Investment gewinnen. Heute warten Aktionäre begierig darauf, dass Alibaba einen IPO wagt: Das Unternehmen mit 300 Millionen Kunden und 25.000 Beschäftigten wird aktuell von Experten mit bis zu 200 Milliarden Dollar bewertet – und das stellt selbst das Schwergewicht Amazon in den Schatten.

Börse

Deutsche Bank fährt Rekordverlust ein: 6,7 Milliarden Euro

Börse

Ölschwemme bringt weltweit die Börsen auf Talfahrt

Börse

IBM wieder mit Umsatzrückgang - das 15. Quartal in Folge

Börse

Renault mit 2015 Rekordsatz - Abgasskandal drückt Aktienkurs