"Weitab von den großen Metropolen gibt es hunderte versteckter Schätze"

"Weitab von den großen Metropolen gibt es hunderte versteckter Schätze"

“Ich engagiere mich in der Start-Up-Szene in Kiew seit 2003, und seitdem hat sie sich in jedem Jahr verfünffacht”, sagt Jegor Antschischkin, der die auf Gesichtserkennungssoftware spezialisierte Viewdle mit dem Investor Yuri Frayman kurz nach der Orangenen Revolution 2005 gründete. Er kann eine sagenhafte Erfolgsgeschichte erzählen.

Das Leben eines mitteleuropäischen Finanzinvestors verläuft in der Regel kultiviert und dem Einkommen angemessen. Angesagt sind etwa die trendigen Läden und Restaurants rund um den Londoner Silicon Roundabout oder auch der zentrale Berliner Edelkiez Prenzlauer Berg, wo neue Investmentideen in vietnamesischen Restaurants und in edlen Kaffeebars ausgetauscht werden. Bei Dimitri Tschichatschow von Runa Capital in Moskau ist das anders - sein Arbeitsalltag verläuft weniger glamourös. Will er etwa seine auf das Cloud-Computing spezialisierte Software- Beteiligung Jelastic inspizieren, so muss er sich von Moskau per Flieger in die staubige Metropole Kiew aufmachen und anschließend mehr als 150 Kilometer auf ukrainischen Landstraßen zurücklegen. Ziel ist die Provinzmetropole Schytomyr. Bedeutendste Sehenswürdigkeit ist hier das Kosmonautenmuseum.

Serviert werden hier herzhafte Kartoffelklöße und Krautwickel, ganz so, wie es die ukrainische Landküche vermuten lässt. Jelastic Inc. ist ein Software-Start-Up in der osteuropäischen Provinz, gegründet 2010 von einem russisch- ukrainischen Programmiererduo, und es befindet sich auf dem gewünschten Wachstumskurs. “Weitab von den großen Metropolen gibt es hunderte versteckter Schätze”, sagt Tschichatschow, “der regionale Markt von Start-Up-Firmen wartet doch nur darauf, entdeckt zu werden”.

Die beschwerliche Reise in die ländliche Ukraine zeigt, wozu die Finanzinvestorenbranche bereit ist, um den jüngsten Techniktrend zu heben. Trotz Schuldenkrise und Wirtschaftsflaute hat die Branche im abgelaufenen Jahr mit 4,85 Mrd. Euro zu 2010 um 50 Prozent mehr eingeworben, wie aus Daten der Branchenvereinigung European Private Equity & Venture Capital Association hervor geht.

Von Tallinn bis Istanbul

Dieses Kapital treibt derzeit die Bewertungen von Unternehmen in traditionellen Technologiezentren wie London, Berlin und Stockholm, was die Wagniskapitalgeber derzeit ausweichen lässt auf kleinere Zentren von Tallinn bis Istanbul, wo sie sich auf die Suche nach erfolgversprechenden Unternehmen zu moderaten Preisen machen.

“In London und Berlin gibt es derzeit mehr Business-Angels als Start-Ups”, stellt Finanzinvestor Lars Hinrichs aus Hamburg fest, der mit seinem Investmentunternehmen HackFwd GmbH fünf neue Unternehmen in Lettland, Polen und Litauen finanziert. Es gebe zuviel Kapital in der Früh- sowie in der Spätphase, fügt er an.

Das freie Kapital führt zu Preissprüngen. Ein Beispiel ist der bereits vier Jahre existierende deutsche Onlinehändler Zalando GmbH. Der Investmentarm Investment AB Kinnevik aus dem Besitz der schwedisch-amerikanischen Unternehmerfamilie Stenbeck kaufte zehn Prozent von Zalando für 287 Mio. Euro, wie es am 19. Oktober hieß.

Frühere Sowjetrepubliken wie die Ukraine können punkten mit einer vergleichsweise jungen und gerade in den Naturwissenschaften gut ausgebildeten Bevölkerung. Für Wagniskapitalgeber werden sie damit zu besonders interessanten Zielregionen.

Sagenhafte Erfolgsgeschichte

“Ich engagiere mich in der Start-Up-Szene in Kiew seit 2003, und seitdem hat sie sich in jedem Jahr verfünffacht”, sagt Jegor Antschischkin, der die auf Gesichtserkennungssoftware spezialisierte Viewdle mit dem Investor Yuri Frayman kurz nach der Orangenen Revolution 2005 gründete. Es handelt sich um eine Erfolgsgeschichte, denn Viewdle wurde kürzlich für 45 Mio. Dollar von Google Inc. gekauft und bei der Tochter Motorola Mobility angesiedelt.

Noch in diesem Monat wird das als “ärmstes Land Europas” geltende Moldawien ein so genanntes “StartupWeekend” für junge Talente abhalten, die dort von so genannten Coaches von kleineren und mittleren Unternehmen beraten werden.

Ein lohnendes Ziel ist auch die wirtschaftlich bereits auf festen Beinen stehende Türkei mit ihren 80 Millionen Einwohnern und ihrem von der Goldman Sachs Group. auf 5,5 Prozent geschätzten Wachstum im kommenden Jahr. “Wir haben fünf Finanzierungsrunden hinter uns, haben 20 Mio. Dollar innerhalb von zehn Monaten eingenommen und brauchten seitdem keine Finanzierung mehr”, sagt die 26 Jahre alte Chefstrategin Rina Onur von Peak Games. Entstanden ist das Unternehmen erst 2010 im Hinterzimmer eines Klimaanlagengeschäfts in Istanbul. Investiert haben Hummingbird Ventures aus Antwerpen und die deutsche Earlybird Venture Capital GmbH. Seitdem hat sich der Umsatz bei Peak verzwanzigfacht. Das seien Wachstumsraten, die in Deutschland selten seien, sagt Earlybird-Partner Ciaran O’Leary.

Allerdings unterscheiden sich die lokalen Gepflogenheiten zuweilen von denen im Westen. Das betrifft nicht nur andere Gesetzgebungen und Bilanzierungsregeln oder Börsenbetreiber mit wenig Erfahrung bei Listings von Technologieunternehmen. Verhandlungen beginnen in der Türkei manchmal gerade dann richtig, wenn die Gesprächspartner das Gespräch abbrechen: “In Berlin wären wir von einem ziemlich erfolglos verlaufenen Gespräch ausgegangen”, sagte O’Leary. In der Türkei riefen die Gesprächspartner eine halbe Stunde später an, und schlugen mit den Worten “wir machen das jetzt” ein neues Gespräch vor.

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