Warum einige Wall-Street-Bosse Skandale überleben

Warum einige Wall-Street-Bosse Skandale überleben

Wie kommt es, dass es einigen Top-Managern an der Wall Street gelingt, ihren Spitzenjob zu behalten, auch wenn ihre Bank von Skandalen erschüttert wird, während andere der Axt zum Opfer fallen?

Bob Diamond, der Vorstandsvorsitzende der britischen Barclays, wurde gefeuert - wenige Tage nachdem die Bank eingewilligt hatte, 453 Mio. Dollar zu zahlen, um Vorwürfe der britischen und US-amerikanischen Aufsichtsbehörden beizulegen, die Bank habe den Interbankenzins LIBOR manipuliert.

Auf der anderen Seite hat Jamie Dimon, der Vorsitzende und Vorstandsvorsitzende von JPMorgan Chase, offenbar eine große Arbeitsplatzsicherheit, auch nachdem Händler der Bank unerwartet 6 Mrd. Dollar verloren haben.

Und warum wollte niemand den Kopf von Lloyd Blankfein, dem Vorsitzenden und Vorstandsvorsitzenden von Goldman Sachs, rollen sehen, als die Bank im April 2010 rund 550 Mio. Dollar zahlte, um eine Zivilklage der US-Börsenaufsicht SEC beizulegen? Zu der Zeit war das die größte Summe, die je eine Wall-Street-Bank gezahlt hatte, um einen Vergleich zu erreichen.

Goldman war auch Ziel einer ausgedehnten Untersuchung durch Carl Levin, einen Demokraten aus Michigan, der den permanenten Unterausschuss für Untersuchungen im US-Senat leitet. Bei einer stundenlangen Anhörung im April 2010 machte Levin Blankfein und dessen Partner wegen der Transaktionen im Hypothekengeschäft der Bank regelrecht fertig. Das war nicht Blankfeins beste Stunde, nichtsdestotrotz blieb sein Job sicher.

Warum wurde Diamond gefeuert, Dimon und Blankfein aber nicht? Alle drei hatten sich internen und staatlichen Untersuchungen zu stellen, über das, was in den von ihnen geleiteten Banken schief gelaufen war.

Samthandschuhe für Dimon

Im Januar 2011 veröffentlichte ein interner Goldman-Ausschuss ein Papier mit den Geschäftsstandards der Bank und Vorschlägen, was verbessert werden könnte. Dimon erschien in diesem Sommer vor Ausschüssen von Repräsentantenhaus und Senat und wurde von den meisten Abgeordneten mit Samthandschuhen angefasst. (Diamond dagegen wurde am Tag nachdem er zurückgetreten war, vom britischen Parlament schonungslos gegrillt.)

Bloomberg News hat berichtet, dass Levins Unterausschuss nun JPMorgan Chase und den Handelsverlust seines “Londoner Wals” im Visier hat für eine seiner gründlichen Untersuchungen. Das Management von JPMorgan Chase hat bereits eine eigene Untersuchung abgeschlossen und kam zu dem Schluss, dass es im Chief Investment Office der Bank eine ungewöhnlich laxe Aufsicht gab sowie eine potenziell illegale Bewertung der Handelstransaktionen. Der Aufsichtsrat der Bank, geleitet vom früheren Vorstandschef von Exxon Mobil, Lee Raymond, hat eine weitere Untersuchung eingeleitet.

Die Skandale haben den Ruf von Barclays, JPMorgan Chase und Goldman Sachs ernsthaft beschädigt. Und alle drei Banken haben auch nahezu unumwunden zugegeben, dass etwas in ihren Firmen schief gelaufen ist (auch wenn Levin Blankfein vorwarf, den Kongress irrezuführen).
Die Aktionäre von JPMorgan Chase und Barclays verloren nach den Skandalen Milliarden von Dollar, weil die Aktienkurse einbrachen. Bei Barclays hat sich der Kurs inzwischen wieder erholt - dennoch ist Diamond der einzige Bankenchef, dessen Kopf rollte.

Nicht die Aktionäre wollten Diamonds "Kopf"

Aus einem vorläufigen Bericht des britischen Unterhauses vom 9. August zum LIBOR-Skandal geht hervor, dass es nicht die Aktionäre waren, die den Rücktritt von Diamond forderten. “Was die Aktionäre wirklich nicht sehen wollten, war, dass Bob Diamond gehen musste”, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende von Barclays, Marcus Agius, gegenüber dem Parlament. Die Aktionäre betrachteten Diamond als einen sehr effektiven Bankenchef.

Wer dann ist verantwortlich für den erzwungenen Abgang von Diamond?
Laut Parlamentsbericht lautet die Antwort, dass es die Chefs der beiden Aufsichtsbehörden von Barclays - der Financial Services Authority und der Bank of England - waren, die wollten, dass Diamond geht. Am 2. Juli wurde Agius von Mervyn King, dem Gouverneur der britischen Zentralbank, klipp und klar beschieden, dass sein Rücktritt allein nicht ausreiche. Auch Diamond müsse zurücktreten.

“Es wurde uns sehr deutlich gemacht, dass Bob Diamond nicht länger die Unterstützung seiner Aufsichtsbehörden genießt”, sagte Agius vor dem Parlament. Der Gouverneur der Bank of England habe darauf hingewiesen, dass er keine Befugnis habe, Barclays Anweisungen zu geben, er es jedoch für wichtig erachte, dass die Bank erfahre, wie die Lage genau aussehe. (Adair Turner, der Vorsitzende der FSA, hatte Agius bereits am 29. Juni das gleiche gesagt.)

Zufall oder doch nicht?

Während der Finanzkrise und danach sind die britischen Finanzaufsichtsbehörden viel schärfer vorgegangen als ihre Pendants in den USA. Das bezieht sich auf Verantwortlichkeit, Überbezahlung, Gratifikationen und Eigenkapitalanforderungen. Warum? Das ist nicht völlig klar. Aber ich kann mir schwer vorstellen, wie US-Notenbankchef Ben S. Bernanke oder Mary Schapiro, die Vorsitzende der Securities and Exchange Commission (SEC), den Rücktritt von Dimon oder Blankfein mit derselben Entschlossenheit fordern könnten, ebenso wie Turner und King auf den Rücktritt von Diamond bestanden haben.

Es ist auch bemerkenswert, dass Schapiro, bevor sie von Präsident Barack Obama zur Leiterin der SEC berufen wurde, die Financial Industry Regulatory Authority (Finra) leitete, eine Organisation der Wall Street zur Selbstregulierung. Als Abschiedsgeschenk erhielt sie vom Verwaltungsrat der Finra, der aus Wall-Street-Managern besteht, einen Bonus von 9 Mio. Dollar. Ist es nur ein Zufall, dass Dimon und Blankfein ihre Jobs noch haben, während Diamond seinen verloren hat?

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