ThyssenKrupp-Patriarch Berthold Beitz ist gestorben

ThyssenKrupp-Patriarch Berthold Beitz ist gestorben

Berthold Beitz, der Chef der mächtigen Krupp-Stiftung, sei am Dienstag im Alter von 99 Jahren gestorben, teilte der Konzern am Mittwoch mit. Beitz galt als einer der wichtigsten Manager der deutschen Nachkriegsgeschichte und bis zuletzt als starker Mann des größten deutschen Stahlkonzerns.

"Beitz hat das letzte Wort", hieß es immer wieder bei ThyssenKrupp. Sein Tod trifft das Unternehmen in der größten Krise seit der Fusion von Thyssen und Krupp im Jahr 1999. "Deutschland hat einen Mann verloren, dem Gemeinschaft nicht nur ein Wort, sondern ein Wert war - einer der höchsten überhaupt", sagte Bundespräsident Joachim Gauck.

Der am 26. September 1913 geborene Beitz hatte noch Anfang des Jahres an der Hauptversammlung in Bochum teilgenommen. Wie stets kerzengerade stehend hatte er dabei den langanhaltenden Applaus der Aktionäre entgegengenommen. Stundenlang verfolgte er das Treffen, auf dem es heftige Kritik an der Entwicklung des Konzerns gab - und auch vereinzelte Kritik an ihm selbst. Wenig später musste der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme seinen Hut nehmen, den Beitz eigentlich als seinen Nachfolger an der Spitze der Krupp-Stiftung auserkoren hatte. Diese hält 25,3 Prozent der Anteile an ThyssenKrupp. Die Stiftung gilt als Bollwerk gegen eine feindlichen Übernahme des Stahlkonzerns, der von Milliardenverlusten, Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert wird.

Wenn es bei ThyssenKrupp knirschte, war es Beitz bis ins hohe Alter, der sich in seinem Büro in der Villa Hügel um eine Lösung bemühte. Nicht nur bei den Managern auch bei den Arbeitnehmervertreter genoss er hohes Ansehen. "Wenn der Alte ruft, dann kommen wir", hatte ein Arbeitnehmervertreter gesagt, nachdem Beitz mal wieder einen Streit geschlichtet hatte. Beitz selbst wies immer wieder auf die alte Krupp-Devise hin. "Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein." Kern der Firma Krupp sei immer "ein Band des Vertrauens zwischen Beschäftigten und Eigentümern" gewesen.

Merkel: Beitz hat Deutschland mitgeprägt

Beitz war 1953 von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach als persönlicher Generalbevollmächtigter zu Krupp geholt worden. Nach dem Erbverzicht des Krupp-Sohnes Arndt von Bohlen und Halbach wandelte Beitz den Konzern in eine Kapitalgesellschaft um. Beitz wurde 1970 Vorsitzender des Aufsichtsrats der Friedrich Krupp GmbH und war seit 1999 Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrat des ThyssenKrupp-Konzerns. "Mit Berthold Beitz verliert Deutschland eine seiner angesehensten und erfolgreichsten Unternehmerpersönlichkeiten, die Deutschland an wichtiger Stelle mitgeprägt hat", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Im November 2011 war Beitz anlässlich der 200-Jahr-Feier Krupps vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in der Villa Hügel gewürdigt worden. Zu den Gästen gehörte auch der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, der für Beitz spielte. Er erinnerte daran, dass Beitz im Zweiten Weltkrieg in Galizien mehrere hundert Juden rettete, indem der damalige Ölmanager die Zwangsarbeiter als unentbehrlich einstufte.

Die Ereignisse waren erst lange nach Kriegsende bekanntgeworden. Er habe von Beitz das erste Mal 1973 in der israelischen Holocaust-Gedenktstätte Jad Vaschem gehört, berichtete Barenboim. "Es ist eine Mischung aus Mut und Vision, die sein Leben gekennzeichnet hat." Beitz und seine Frau Else hätten sehr viel Mut bewiesen. "Eine solche Größe war selten zu sehen." Zugleich würdigte der Musiker "diesen wunderbaren, leichten Charme" den Beitz habe. "Für viele Juden war er ein Leuchtturm der Hoffnung in einem Meer der Verzweiflung", würdigte der Jüdische Weltkongress. In Israel hatte Beitz 1973 die Auszeichnung "Gerechter unter den Völkern" erhalten.

Beitz: Krisen gab es immer wieder – Aber der Konzern lebt

"Für alle, die ihn kannten, ist dies ein unersetzlicher Verlust", betonte der stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, Reimar Lüst. ThyssenKrupp fehlt nun eine Integrationsfigur, die der Konzern gerade bitter nötig hat. Dem größten deutschen Stahlkocher machen Verluste und Schulden in Milliardenhöhe zu schaffen. "Ich habe Herrn Beitz als einen Menschen erlebt, dem die Zukunft des Unternehmens immer sehr am Herzen lag. Er hat uns im Vorstand in den letzten Jahren bei dem umfassenden Veränderungsprozess begleitet, bestärkt und dort, wo es nötig war, vorbehaltlos unterstützt", sagte ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger. Beitz sei ein großes Vorbild für die Mitarbeiter gewesen.

Vielleicht helfen dem Konzern die Worte, die Beitz bei der 200-Jahr-Feier fand. "Es wäre Schönfärberei, hier nur Erfolgsgeschichten zu erzählen. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen: Die Kämpfe um die Zukunft der Firma waren ausgesprochen hart. Tiefe Krisen hat es immer wieder gegeben." Aber die Firma habe diese stets überlebt.

Krupp-Stiftung will in Ruhe einen Nachfolger suchen

Die mächtige Krupp-Stiftung will nun in Ruhe einen Nachfolger für ihre Führung suchen. Die Stiftung werde sich zusammensetzen und beraten, sagte das Mitglied des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, Fritz Pleitgen, am Donnerstag im WDR. Die Stiftung werde ohne Hast vorgehen, auch aus Respekt vor Beitz. Pleitgen wies Spekulationen zurück, er gehöre zu den Nachfolgekandidaten. "An der Geschichte ist nichts dran". Der ehemalige ARD-Chef gehört seit Anfang des Jahres der Krupp-Stiftung an. Diese hält 25,3 Prozent an dem größten deutschen Stahlkonzern und gilt als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme.

Beitz hatte ursprünglich den langjährigen ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme zu seinem Nachfolger auserkoren. Dieser musste jedoch Ende März im Zuge der Krise des Konzerns seinen Hut nehmen. Einen anderen Nachfolger hat Beitz seitdem nicht mehr aufbauen können. Beitz hatte sich zwar in die operative Führung des Unternehmens nicht eingemischt, hatte aber nach Informationen aus Kreisen des Konzerns in kritischen Fragen immer das letzte Wort. Die Stiftung ist größter Einzelaktionär. Die Erträge aus der Beteiligung fließen in Projekte aus den Bereichen Wissenschaft, Erziehung, Bildung und Gesundheitswesen, Sport und Kultur. Seit ihrem Beginn 1968 hat sie dafür mehr als 615 Millionen Euro aufgewendet. Dem Kuratorium der Stiftung gehören neben Beitz zehn weitere Mitglieder an, darunter Pleitgen und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft.

Wegen der Krise bei Thyssenkrupp, der Konzern hatte im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren, ging die Krupp-Stiftung wie alle anderen Aktionäre bei der Dividende zuletzt leer aus. Auch deshalb gilt es als unwahrscheinlich, dass sie bei einer möglichen Kapitalerhöhung mitzieht. Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte diese im Mai für die nächsten sechs bis neun Monate nicht ausgeschlossen. Beitz galt lange als Gegner einer Kapitalerhöhung, da durch diese der Anteil der Stiftung - und damit die Sperrminorität - bröckeln könnte. Zuletzt hatte er aber für diese Überlegungen grünes Licht gegeben. "Ich werde mich keinem Schritt verweigern, der zum Wohle der Firma ist", hatte er in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" gesagt.

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