Stahllegende Berthold Beitz im Visier der Aktionäre

Stahllegende Berthold Beitz im Visier der Aktionäre

Seit 60 Jahren ist der Name Berthold Beitz untrennbar mit dem größten deutschen Stahlhersteller ThyssenKrupp verbunden. Er war maßgeblich daran beteiligt, den früheren Rüstungslieferanten nach Ende des Dritten Reichs neu auszurichten. Als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung, die eine Sperrminorität 25,3 Prozent hält, ist der 99-Jährige nun zum Symbol dessen geworden, was beim Essener Konzern schief gelaufen ist.

ThyssenKrupp, dessen Edelstahl im Chrysler-Gebäude und im Empire-State-Building in Manhattan verwendet wurde, strebt einen Umbau an. Zuvor hatten eine fehlgeschlagene Expansion auf dem amerikanischen Kontinent, Bestechungs- und Preisabsprachenskandale dem Konzern einen Jahresverlust von 4,7 Milliarden Euro beschert.

Die Aktionäre machen indes Berthold Beitz teilweise für die lasche Unternehmensführung verantwortlich, die zu den Fehlentwicklungen geführt hat. Nachdem das Unternehmen am 15. Mai eine Kapitalerhöhung zur Gesundung seiner Bilanz nicht ausgeschlossen hat, läuft die von Beitz geleitete Stiftung Gefahr, an Einfluss zu verlieren.

“ThyssenKrupp braucht eine Kapitalerhöhung, das Unternehmen kann ohne sie nicht überleben”, sagte Hans-Peter Wodniok, Analyst bei Fairesearch. “Die Frage ist: was wird die Stiftung tun? Sie kann es sich wahrscheinlich nicht leisten, an einer Kapitalerhöhung teilzunehmen.”
Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ernannte im vergangenen Monat zwei neue Mitglieder für den ThyssenKrupp- Aufsichtsrat, so dass die Zahl der von ihnen gehaltenen Mandate bei drei blieb, obwohl Investoren eine Verringerung ihres Einflusses gefordert hatten.

“Uns wäre es lieber, die Stiftung würde im Aufsichtsrat weniger dominant agieren”, sagte Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment, einer der zehn größten Aktionäre von ThyssenKrupp. “Sie ist zumindest mittelbar verantwortlich für das, was in der Vergangenheit passiert ist.”

Beitz zeigt bisher keine Neigung aufzuhören. In einem Interview vom 18. März mit der Süddeutschen Zeitung erklärte der Stahl-Veteran: “Ich mache weiter, solange ich das kann.” Beitz geht weiterhin jeden Tag in sein Büro, berichtete ein Stiftungsmitarbeiter, der um Anonymität bat.

Keine Stellungnahmen

ThyssenKrupp und die Stiftung gaben keine Stellungnahmen ab. Beitz selbst stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Die gemeinnützige Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung verwendet die ihr aus ihrer Beteiligung an der ThyssenKrupp zufließenden Erträge ausschließlich und unmittelbar für gemeinnützige Zwecke. Die Stiftung hat seit ihrer Gründung 1968 gemeinnützige Projekte mit etwa 615 Millionen Euro gefördert, ist der Internetseite zu entnehmen. Im Jahr 2011 bewilligte die Stiftung 17,8 Millionen Euro für Förderaufwendungen, heißt es dort weiter. 56 Prozent der Förderungen gingen in das Ruhrgebiet, 29 Prozent in das übrige Deutschland und 15 Prozent ins Ausland.

Der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger, der im Januar 2011 ins Amt kam und zuvor bei Siemens tätig war, will das Unternehmen durch den Verkauf von Vermögenswerten stärken, unter anderem durch die Abgabe von unprofitablen Anlagen im US- Bundesstaat Alabama und im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro.

Zu schaffen machte ThyssenKrupp eine Reihe von Abschreibungen und Korruptionsfällen, die im Dezember zur Entlassung vom halben Vorstand sowie zu kartellrechtlichen Strafen geführt haben. Die größte Aktionärsrevolte in den 14 Jahren seit der Fusion von Thyssen AG und Fried. Krupp AG Hoesch-Krupp zu ThyssenKrupp im Jahr 1999 hat gewisse Veränderungen ausgelöst.

Gerhard Cromme, der von Beitz persönlich vor mehr als 27 Jahren ausgewählt und als sein Nachfolger aufgebaut wurde, trat im März als Aufsichtsratsvorsitzender zurück, nachdem er Rücktrittsforderungen zunächst abgelehnt hatte. Für 2012 wird ThyssenKrupp erstmals seit 2000 keine Dividende ausschütten, zeigen Bloomberg-Daten, die bis 2000 zurückgehen.

ThyssenKrupp wird von "alten Strukturen und Gepflogenheiten" befreit

Jetzt könnte Beitz ins Visier geraten. Am 15. Mai hatte die die Gesellschaft erklärt, sie überprüfe die Beziehung zur Stiftung. Hiesinger versprach im Dezember, ThyssenKrupp von “alten Strukturen und Gepflogenheiten” zu befreien. Im Konzern habe es ein Führungsverständnis gegeben, “in dem Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger waren als unternehmerischer Erfolg”, erklärte Hiesinger seinerzeit.

“Sein Führungsstil ist totalitär”, sagte Friedrich von Bohlen und Halbach, ein Neffe von Alfried Krupp, dem letzten Familieneigner, über Beitz. Von Bohlen, der vergeblich dafür kämpfte, dass die Familie wieder ihren Einfluss über das Vermögen zurückgewinnt, macht Beitz verantwortlich für den jahrzehntelangen Niedergang. Das habe zu einer gebrochenen Unternehmensführung und einer dysfunktionalen Organisation geführt, so von Bohlen.

Die Dominanz der Stiftung sei auf zwei Fehler zurückzuführen, die Alfried vor seinem Tod im Jahr 1967 gemacht habe, so sein Neffe. Alfried wollte seinen Sohn Arndt “auf Teufel komm raus zu seinem Nachfolger machen und hatte keinen Plan B”, sagte von Bohlen in einem Interview in Heidelberg. Als Arndt überraschend auf sein Erbe verzichtete, hatte Alfried nur noch den Außenstehenden Beitz und machte ihn zum Kuratoriumsvorsitzenden der Stiftung, auf die er sämtliches Familienvermögen übertrug. “Beitz hat das Vakuum ausgenutzt, um sich zum Sonnenkönig des Ruhrgebiets zu machen”, sagte von Bohlen.

Zwar ist die Beteiligung der Stiftung über die Jahre verwässert worden, aber immer noch etwa 2 Milliarden Euro wert. Ihre Vetorechte waren ursprünglich als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme konzipiert. Jedoch werfen Kritiker Beitz vor, er würde sie für seine veraltete Strategie verwenden.

Beitz “erscheint mir wie ein Fossil der Deutschland AG”, sagt Michael Adams, Professor an der Universität Hamburg. “Dieser uralte Mann möchte nicht von der Macht lassen. Im Vergleich zu Beitz ist selbst der Papst vergleichsweise jung zurückgetreten”, fügte er hinzu.

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