“Ratings sind nicht das heilige Werk Gottes”

“Ratings sind nicht das heilige Werk Gottes”

“Es gibt sie, weil die Leute sie in Anspruch nehmen müssen, nicht, weil sie an sie glauben”, sagt David Jacob, ehemaliger Mitarbeiter der Ratingagentur S&P. Ebenso wie Investmentberater Ken Fisher zweifelt Jacob daran, dass Ratings für Investoren im freien Markt eine Rolle spielen.

Seit über einem Jahrhundert sind ihre Beurteilungen mit ausschlaggebend für die Finanzierungskosten von Staaten und Unternehmen, doch das Vertrauen der großen Investoren haben sie verloren. So sieht ein ehemals leitender Angestellter der Ratingagentur Standard & Poor’s seine alte Branche.

“Es gibt sie, weil die Leute sie in Anspruch nehmen müssen, nicht, weil sie an sie glauben”, sagt David Jacob, bis Dezember Leiter der S&P-Abteilung für die Beurteilung von Derivaten, in einem Interview in der Bloomberg-Zentrale in New York. “Vielleicht brauchen die Kleinanleger sie, das ist das Bedauerliche, aber ich glaube, für institutionelle Investoren trifft das nicht zu.”

Die Ratingagenturen hatten zur schlimmsten Finanzkrise seit 1929 beigetragen, indem sie Papieren, die auf minderwertigen Hypotheken basierten, hohe Qualität bescheinigten. Seither hat die Reputation der Agentur am Anleihemarkt weiter gelitten. Jacob, der vor vier Jahren nicht zuletzt eingestellt wurde, um das Vertrauen zu S&P wieder aufzubauen, vertritt den Standpunkt, Politik und Regulierer seien zu zögerlich vorgegangen bei ihrem Versuch, die Abhängigkeit von den Ratinggesellschaften zu verringern.

Die Bewertungsbranche wird von S&P, Moody’s und Fitch Ratings dominiert. Die drei generieren zusammen einen Jahresumsatz von 4 Mrd. Dollar (3,26 Mrd. Euro). Ihre 3.600 Analysten bewerten 2,73 Mill. Papiere im 43 Billionen Dollar schweren weltweiten Anleihenmarkt.

“Ratings sind nicht das heilige Werk Gottes”, sagt Jacob, 56, der im Dezember von S&P entlassen wurde. “Sie sind ein Geschäft. Es ist ein Drahtseilakt, einerseits einen gewissen Marktanteil zu erlangen, und andererseits den Verlust der Glaubwürdigkeit zu riskieren.”

Sprecher aller drei Ratingagenturen lehnten Kommentare zu Jacobs Aussagen ab.

Anleger schneller als Ratingagenturen

Bondanleger reagieren schneller als Ratinggesellschaften auf Änderungen des Risikoprofils, sagte Ken Fisher, Gründer und Geschäftsführer von Fisher Investments in Kalifornien, in einem Telefoninterview nachdem Moody’s am 21. Juni 15 Banken herabgestuft hatte.

“Moody’s wird Probleme nicht im Voraus erkennen und Ratings verändern, um die Öffentlichkeit zu warnen”, sagte Fisher, dessen Unternehmen etwa 44 Mrd. Dollar verwaltet. “Ob es nun eine Aktie oder eine Anleihe ist, der freie Markt hat sein Urteil schon gefällt. Dann kommt Moody’s hinterher und beglaubigt gewissermaßen, was der Markt bereits umgesetzt hat.”

Ratingagenturen helfen, sicherzustellen, dass Anleihe- Emittenten “transparente Informationen” unter Einhaltung “strenger Standards von Steuerung und Kontrolle” bereitstellen, sagte S&P-Präsident Douglas Peterson in einer Sitzung des Institute of International Finance am 6. Juni in Kopenhagen.

Analysten unter Druck gesetzt

Zur Zeit des Immobilienbooms wurden Analysten unter Druck gesetzt, komplizierte Investitionen günstig zu bewerten, um Aufträge von Wall Street-Banken zu gewinnen, stellte ein Ausschuss des US-Senats im vergangenen Jahr in einem Bericht fest. Mit der Unterstützung der Ratingagenturen machten die Banker aus riskanten Hypotheken Wertpapiere, die scheinbar ebenso sicher waren wie Staatsanleihen. So ließen sich immer mehr riskante Kredite ausreichen.

2007, im Jahr bevor Jacob sie übernahm, generierte die Derivate-Abteilung von S&P einen Umsatz von 561 Mill. Dollar. Laut Senatsbericht mussten Banken gelegentlich über eine Mill. Dollar für ein einziges Rating zahlen. Von den mit minderwertigen Hypotheken besicherten Wertpapieren, die in den Jahren 2006 und 2007 mit AAA bewertet wurden, wurden später etwa 90 Prozent auf Ramschniveau herabgestuft.

Jacob sagte, er habe versucht sicherzustellen, dass S&P- Analysten die Standards bei den Bewertungen nicht auf Anfrage von Bankern lockerten. Infolgedessen zog die Gesellschaft auf bestimmten Gebieten weniger Aufträge an. “Vorher hat es sich angefühlt wie im Wilden Westen, das haben wir abgestellt. Aber natürlich hat das dem Geschäft nicht gut getan”, sagte Jacob im Interview.

Staatsanleihen zu bewerten liege außerhalb des traditionellen Kompetenzgebiets der Ratingagenturen, so der Ex- S&P-Experte im Hinblick auf die Herabstufung der USA auf die zweitbeste Kreditwürdigkeit AA+ im August 2011. “Da geht es um Politiker, es geht um Abgeordnete, es geht nicht um das Kreditrisiko”, so Jacob. “Ich verstehe nicht, wie eine Ratinggesellschaft ein besseres Verständnis dafür haben soll als Sie oder ich oder irgendjemand anderes.”

Seit der Herabstufung der USA sind die Renditen auf US- Staatsanleihen von 3 Prozent im vergangenen August auf 1,45 Prozent im Juni dieses Jahres gefallen - ein Hinweis darauf, dass Investoren die Bonität der USA eher stärker einschätzen. Während Moody’s Banken nun durchschnittlich vier Stufen niedriger einordnet als während der Finanzkrise, hat sich deren Bonität dem Markt zufolge verbessert. Renditen auf Bankenpapiere fielen Anfang dieser Woche auf durchschnittlich 3,77 Prozent, wie Indizes von Bank of America Merrill Lynch zeigen. Im Oktober 2008 brachten die Anleihen durchschnittlich 8,46 Prozent.

Als Reaktion auf die Rolle der Ratingagenturen in der Finanzkrise haben die USA 2010 mit den Dodd-Frank-Gesetzen die Finanzaufsicht überholt. Seither sind Marktregulierer angewiesen, in ihren Bestimmungen nicht mehr auf Bonitätsurteile der Agenturen Bezug zu nehmen. In Europa wird über die Einführung von Richtlinien debattiert, die Banken zwingen würden, die Ratingagenturen für Wertpapiere häufiger zu wechseln.

Als Leiter des Derivategeschäfts überwachte Jacob die Abteilung, die für die Bewertung von mit Gewerbehypotheken unterlegten Anleihen zuständig war. Dabei handelt es sich um Wertpapiere, die mit Hypotheken auf Bürogebäude, Hotels und Einkaufszentren unterlegt sind. Die Wall Street hat S&P seit vergangenem Juli zunehmend von diesem Markt ausgeschlossen, nachdem die Agentur ihr Bonitätsurteil über einen 1,5 Mrd. Dollar schweren Abschluss zwischen Goldman Sachs Group Inc. und Citigroup Inc. zurückzog und die Banken damit zwang, das Angebot zu stornieren nachdem es an Investoren verkauft worden war.

Jacob zufolge brauchte S&P damals zu lange, um einen möglichen Fehler zu überprüfen. Hätte S&P schneller reagiert, hätte man die Transaktion verschieben können statt sie komplett abzublasen, sagt er. Die Unterredung, in der er Investoren und Bankern mitteilte, dass die Ratings zurückgezogen würden, “war das wahrscheinlich peinlichste und schwierigste Gespräch, das ich jemals hatte”, so Jacob.

Jacob kritisiere seinen Ex-Arbeitgeber möglicherweise, weil er ihn entlassen hat, sagte Peter Appert, Analyst bei Piper Jaffray & Co. in San Francisco, in einem Telefoninterview. S&P- Präsident Peterson habe nach einer Serie von Missgeschicken wie der schiefgelaufenen Transaktion mit Goldman und Citigroup neue Führungskräfte angeworben, sagt Appert, der weder Jacob kennt noch mit den Einzelheiten seines Falls vertraut ist. Peterson degradierte beispielsweise auch Chief Credit Officer Mark Adelson auf eine Forschungsstelle.

Ich verstehe es immer noch nicht

Eine Reform, die die Qualität der Ratings verbessern würde, wäre, die Bewertungen in der prozentualen Ausfallsgefahr statt der derzeitig gebräuchlichen, recht vagen Bezeichnungen auszudrücken. Laut S&P bedeutet das beste Rating, der Emittent eines Papiers sei “extrem stark”, während Aaa-Bonds bei Moody’s als “höchste Qualität” bezeichnet werden.

“Ich war dreieinhalb Jahre dort und verstehe es immer noch nicht”, sagte Jacob. “Wenn man dieselben Buchstaben benutzt und vollkommen unterschiedliche Dinge damit meint, werden die Bezeichnungen nutzlos.”

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