Profit mit Schwarmintelligenz

Täglich werden im Internet hunderttausende Meldungen zu Aktien, Rohstoffen und Währungen generiert. Social-Trend-Analysten werten diese Datenströme aus und kommen so zu teils verblüffend genauen Kursprognosen.

Profit mit Schwarmintelligenz

Habe gerade nochmals 500 Millionen Apple-Aktien gekauft. Liefere mir also ein Kopf-an-Kopf Rennen mit dem Rückkaufprogramm des Managements. Hoffe, Apple gewinnt.“ So lautete der Tweet, der am 28. Jänner gegen Mittag - Ostküsten-Zeit - vom umtriebigen US-Starinvestor Carl Icahn abgegeben wurde. Die Aktie, die zuvor stark unter Druck geraten war, machte in der folgenden Stunde 0,75 Prozent Plus, um zwei Wochen später schon knapp sechs Prozent zugelegt zu haben.

Genau solche Nachrichten werden von den sogenannten Social-Trend-Analysten gesammelt, gefiltert, gewichtet - und dann in Form einer Empfehlung wieder in die Welt zurückgeschossen. Wobei die schlussendliche Einschätzung eben nicht auf einer Nachricht basiert, sondern auf hunderten oder tausenden. So sammelt etwa das deutsche Sentiment-Analyseunternehmen Stockpulse "täglich rund 200.000 marktrelevante Nachrichten ein“, erklärt Co-Geschäftsführer Stefan Nann. Diese Datensets werden digitalen Kanälen wie dem Kurznachrichtendienst Twitter oder aus sozialen Plattformen wie Facebook entnommen. Ebenso werden aber auch Analysen von Investmenthäusern oder online erschienene Zeitungsartikeln zusammengetragen und ausgewertet.

Social-Trend-Analysten zapfen die Schwarmintelligenz des Netzes an

Mit anderen Worten: Social-Trend-Analysten zapfen die Schwarmintelligenz des Netzes an. Allerdings neigt diese Art von Intelligenz dazu, schwer kanalisierbar zu sein. Also werden die Meldungen je nach Relevanz und Ansehen der Quelle mehr oder weniger stark gewichtet, haben also mehr oder weniger Einfluss auf die am Ende des Prozesses herausgegebene Empfehlung. Diese reicht wiederum, wie die traditionellen Einschätzung der Bank-Analysten, von "Buy“ über "Hold“ bis hin zu "Sell“.

Die Größe zählt. Ausgewertet werden in der Regel Netz-Nachrichten zu den großen Aktien-Leitindizes der USA, Deutschlands und der Schweiz. Abgedeckt wird auch der Rohstoff- und Währungssektor. "In der Regel hatten die so gewonnen Signale früher eine Halbwertszeit von einem Tag“, so Nann. Inzwischen werden die Datensets dieses Analystenzweiges aber immer größer, sodass mittlerweile auch längerfristige Prognosen möglich sind.

Tatsächlich sind die so gewonnenen Einschätzungen für den aktiven Anleger ein wertvolles Instrument. Eine Stichprobe vom 11. Februar zeigt etwa, dass von den sechs von Stockpulse publizierten Trendsignalen für den DAX fünf korrekt eingetreten sind (auf Tagesbasis). Wirklich verzockt hätte man sich nur mit der deutschen Post, bei der Stockpulse ein Sentiment-Trendsignal geortet hat, das einen Tagesgewinn von 0,75 Prozent vorhergesehen hat. Tatsächlich notierte das Papier zu Handelsschluss ein Prozent im Minus.

Social-Trend-Analysen keine Hundert-Prozent-Lösung

Selbst Branchenprofis wie RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek können der Social-Trend-Analyse etwas abgewinnen: "Es hat natürlich nichts mit Zahlen und Fakten zu tun, kann aber durchaus dem erweiterten Kreis von Behavioral Finance zugerechnet werden“, also einer verschränkten Disziplin, die das soziologische Verhalten von Gruppen studiert und daraus Prognosen auf die zukünftige Entwicklung von Kapitalmärkten herleitet.

Limits. Womit klar wird, dass die Social-Trend-Analyse keine Hundert-Prozent-Lösung darstellt. Rollt man die Anlageentscheidung auf, hält Nann eine gleichberechtigte Aufteilung von Fundamental-, Chart- und Social-Trend-Analyse für optimal. Davon sind die Marktteilnehmer noch weit entfernt. "Wahrscheinlich fließen Social Trends derzeit zu einem Prozent in die Prozessfindung ein“, meint Nann. Beeinflusst wird dieses Analyse-Instrument auch durch die Menge der vorliegenden Nachrichten. Deshalb konzentrieren sich alle Dienste dieser Art vornehmlich auf die US-Märkte. Je größer die Anlageklasse, desto mehr Signale, desto höher die Genauigkeit, da Fehler stärker geglättet werden. Angebote zum Wiener Markt sucht man genau aus diesem Grund leider vergeblich. Datensets, die bei großen Anlageklassen einen allgemeinen Trend abbilden, findet man gratis auf diversen Finanzplattformen. Maßgeschneiderte Lösungen mit tagesaktuellen Tiefenanalysen sind kostenpflichtig.

Doch egal, in welcher Form man diese Daten nützt, der Anleger muss bereit sein, relativ schnell zu handeln, was das Risiko einer Fehlentscheidung erhöht. Auf Social-Trend-Signale sollte man also nur reagieren, wenn man die jeweilige Anlageklasse kennt und die dahinter liegende Historie im Kopf hat. Die Empfehlung aus dem Netz stellt dann nur den letzten Auslöser und nicht den ursächlichen Grund für eine Entscheidung dar.