Porträt: Rücktritt zwingt Barclays-Chef zu neuer Bescheidenheit

Porträt: Rücktritt zwingt Barclays-Chef zu neuer Bescheidenheit

Bescheidenheit und Demut wollen nicht so recht zu Bob Diamond passen. Nur wenige Jahre nach der schlimmsten Finanzkrise in der Nachkriegsgeschichte hatte der Chef der britischen Großbank Barclays selbstbewusst erklärt, für die Banker müsse die Zeit der Entschuldigungen vorbei sein.

"Die Banken müssen wieder bereit sein, Risiken auf sich zu nehmen, um Jobs zu schaffen", sagte der umstrittene US-Manager 2011 in einem Parlamentsausschuss. Jetzt musste der 60-jährige einstige Star-Investmentbanker zurücktreten. Zu Fall gebracht hat ihn ein Skandal im eigenen Hause um die Manipulation von Marktzinsen. Und schlagartig ist sie zurück - die Zeit der Entschuldigungen: "Niemandem tut dies mehr leid als mir und niemand ist enttäuschter und wütender darüber als ich", räumte Diamond - einer der profiliertesten Banker weltweit - am Montag in einem Mitarbeiterbrief ein.

Erst im vergangenen Jahr krönte der verheiratete Vater dreier Kinder seine jahrzehntelange Karriere mit dem Aufstieg an die Spitze der 322 Jahre alten britischen Traditionsbank. Acht Jahre zuvor war er noch unterlegen, aber der Kämpfer Diamond gab nie auf und wartete als Chef des mächtigen Kapitalmarktgeschäfts auf seine Chance. 2008 gelang ihm sein Meisterstück, als er den Kauf des US-Geschäfts der Pleite-Bank Lehman Brothers einfädelte. Damit stieg Barclays - zuvor vor allem stark im Anleihegeschäft - im Investmentbanking zu Größen wie Goldman Sachs auf.

Der Fan des Londoner Fußball-Clubs Chelsea gehört mit einem Jahreseinkommen von 17 Millionen Pfund (21 Millionen Euro) zu den bestbehalten Bankern Europas. Seine hohen Boni haben ihn in Großbritannien wiederholt ins Kreuzfeuer der Kritik gebracht. 2010 bezeichnete ihn der damalige Minister der Labour-Regierung, Peter Mandelson, einmal als das "unerträgliche Gesicht der Bankenbranche".

Vor acht Monaten versprach Diamond in einer öffentlichen Rede, dass er die Verantwortung der Bank für die Gesellschaft als Priorität seiner Arbeit betrachte. "Ob ich das vor fünf Jahren schon so gesehen hätte? Das bezweifele ich." Genau fünf Jahre vor dieser Rede haben Händler des Instituts mit falschen Angaben den Marktzins Libor manipuliert, der Basis zahlreicher Kredite an Privatpersonen und Firmen ist. Deswegen wurde Barclays jetzt zu einer Strafe von fast einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Damals war Diamond im Vorstand für das Geschäft verantwortlich.

Der Sohn eines Lehrer-Ehepaars aus dem US-Bundesstaat Massachusetts startete seine berufliche Laufbahn zunächst als Dozent an der Universität von Connecticut. Dann begeisterte er sich für den Anleihehandel und ging für 13 Jahre zur US-Bank Morgan Stanley und dann weitere vier Jahre zu Credit Suisse First Boston. 1996 folgte der Wechsel zu Barclays, wo er systematisch die Karriereleiter nach oben kletterte. "Bob steuert ein außerordentlich ehrgeiziges und aggressives Team, daher ist die Investmentbanksparte auch so erfolgreich gewesen in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts", sagt der frühere Barclays-Chef Martin Taylor. "Wenn die Mitarbeiter dazu gedrängt werden, ihre Limits voll auszunutzen, dann wissen wir alle, wie Händler so sind: Sie gehen gelegentlich darüber hinaus."

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