Nur Cash ist fesch: Konzerne in Europa horten 361 Milliarden Euro

Die Barbestände der 265 Unternehmen im Stoxx Europe 600 Index, die ihre Ergebnisse für 2012 bekannt gegeben haben, beliefen sich zum Jahresende auf 360,8 Mrd. Euro, wie aus Bloomberg-Berechnungen hervorgeht. Nicht berücksichtigt wurden dabei Banken und Versicherungen.

Nur Cash ist fesch: Konzerne in Europa horten 361 Milliarden Euro

Ende 2002 hatten die Barbestände noch 103,3 Mrd. Euro bestragen und allein gegenüber Ende 2011 betrug der Zuwachs 14 Prozent. Zu den neun Konzernen, deren Barmittel jeweils mehr als 7,6 Mrd. Euro betragen zählen unter anderem die Siemens und Daimler aus Deutschland, Vodafone aus Großbritannien und der Ölkonzern Total aus Frankreich.

“Viele europäische Unternehmen nehmen mit Blick auf ihre Kapitalstruktur eine konservative Position ein und halten bedeutende Cash-Positionen”, sagt Francois-Xavier de Mallmann, Chef für europäische Investmentbank-Dienste bei Goldman Sachs Group in London, “es fällt ihnen schwer, die Auswirkungen von höherer Arbeitslosigkeit, höheren Steuern und niedrigeren Staatsausgaben auf die Verbrauchernachfrage und auf ihren Umsatz einzuschätzen.”

Die Eurozone wird erstmals seit Einführung der Gemeinschaftswährung zwei Jahre in Folge schrumpfen, sagte die Europäische Kommission am 22. Februar voraus. Westeuropäische Unternehmen haben seit Jahresbeginn Übernahmen im Volumen von 38 Mrd. Euro angekündigt – das ist weniger als die Hälfte des Vorjahreszeitraums. In den USA hingegen wurde das Übernahmevolumen von 138 Mrd. Euro fast verdoppelt, wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht.

Daimler als zu defensives Paradebeispiel

Das Beispiel von Daimler zeigt die Herangehensweise bei den europäischen Konzernen. Der Fahrzeugbauer stockte seine Barbestände im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf elf Mrd. Euro auf. Die Stuttgarter wollen zwar in den nächsten acht Jahren 13 neue Modelle vorstellen, für die es keine Vorläufer gibt. Größere Übernahmen seien jedoch nicht geplant, erklärte Finanzvorstand Bodo Uebber. Die Liquidität sei ein Beruhigungsmittel, um auf unsichere Zeiten vorbereitet zu sein, erläuterte er am 7. Februar.

Um ihre Gelder beisammen zu halten, schränken die Unternehmen auch ihre Dividenden ein. Die Deutsche Lufthansa kündigte am 19. Februar an, die Dividende vorerst auszusetzen und ihr Sparprogramm auszuweiten, während die Flotte gleichzeitig modernisiert werden soll. Der finnische Handyhersteller Nokia will die Ausschüttung erstmals in mindestens 143 Jahren ausfallen lassen, wie es letzten Monat hieß.

In den vergangenen Monaten haben außerdem Telekomkonzerne wie Telecom Italia, Royal KPN und Telefonica ihre Dividenden reduziert oder gestrichen, wie auch PSA Peugeot Citroen und Faurecia aus der Autobranche.

“Die Unternehmen sind vorsichtig geworden”, sagt Fondsmanager Nils Ernst von DWS Investments in Frankfurt. “Wer seine Dividende anheben will, muss sich sicher sein, sie in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht wieder senken zu müssen”, sagte er.

Nestlé gibt sich "frostig"

Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé will seinen Kapitaleinsatz in diesem Jahr auf dem Vorjahresniveau einfrieren, sagte Finanzvorstand Wan Ling Martello in diesem Monat. Der operative Cashflow des Unternehmens stieg 2012 um 55 Prozent auf 15,8 Mrd. Franken (13 Mrd. Euro) an.

Hingegen halten US-Konzerne ihre Investitionen auf deutlich erhöhtem Niveau. Liberty Global von John Malone einigte sich in diesem Monat auf die Übernahme des britischen Kabel-TV- Anbieters Virgin Media Inc. für 16 Mrd. Dollar. “Es gibt viele Übernahmeziele”, bestätigt Matthias Born, ein Fondsmanager bei Allianz Global Investors in Frankfurt. Mit Blick auf Europa verweist er vor allem auf die Bereiche Verbrauchsgüter, Chemie und Teile der Industrie.

Namen von Unternehmen, die Übernahmeziele werden können, nannten die Analysten der Deutsche Bank. Im Visier könnten demnach der deutsche Duftstoffhersteller Symrise stehen, Nobel Biocare aus der Schweiz, Burberry aus Großbritannien, Faurecia aus Frankreich, Ziggo aus den Niederlanden und Delhaize aus Belgien, erklärten Fadi Chamsy und Sascha Levitt in einem Bericht vom 14. Februar.

Durch die hohen Barbestände werden die europäischen Konzerne aber auch attraktiver für kreditfinanzierte Übernahmen, sagt Ernst von DWS: “Wenn es darum geht, Unternehmen mit hoher Cash-Generierung und Barmittel-Bergen in der Bilanz anzuvisieren, bin ich mir sicher, dass wir in den nächsten zwölf Monaten mehr Deals in diese Richtung sehen werden”.