"Markt schaut sich das an und denkt: Weißt Du was, das wird uns nicht in die Rezession stürzen"

"Markt schaut sich das an und denkt: Weißt Du was, das wird uns nicht in die Rezession stürzen"

Während zum Jahreswechsel die "fiscal cliff" wie ein Schreckgespenst über den globalen Finanzmärkten gehangen und vor allem die US-Börse auf Talfahrt geschickt hatte, bleiben Anleger jetzt vergleichsweise ruhig und halten US-Aktien sogar auf dem höchsten Stand seit fünf Jahren.

Der Grund: Sie gehen davon aus, dass die Etatkürzungen die gerade Fahrt aufnehmende US-Wirtschaft zwar etwas abbremsen, den Konjunkturmotor aber nicht abwürgen werden.

"Der Markt schaut sich das an und denkt sich: 'Weißt Du was, das wird uns nicht in die Rezession stürzen'", erläutert Marktstratege Quincy Krosby vom Finanzdienstleister Prudential Financial in Newark. "Wird es das Wachstum verlangsamen? Ja. Aber damit können wir leben."

Konkret geht es um Etatkürzungen von 85 Mrd. Dollar (64,7 Mrd. Euro) für das noch bis zum 30. September laufende Fiskaljahr. Diese greifen - sollten sich Demokraten und Republikaner nicht bis Mitternacht am Freitag auf eine Verringerung des Haushaltsdefizits einigen - ab Samstag. Die Bürger müssen sich dann auf Einschränkungen im öffentlichen Leben einstellen. Etliche Staatsbedienstete wie Fluglotsen oder Nationalpark-Ranger müssen wohl beurlaubt werden. Es drohen lange Warteschlangen an Flughäfen und bei den Behörden. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds könnte die US-Wirtschaftsleistung durch die vereinbarten Einschnitte um einen halben Prozentpunkt belastet werden.

US-Aktien-Rally

Aktien- und Dollar-Investoren beeindruckt das bisher wenig. So legt der Dow-Jones-Index der Standardwerte seit Jahresbeginn eine steile Rally hin: Ein Plus von mehr als sieben Prozent hat ihn auf den höchsten Stand seit fünf Jahren gehievt. Zum Vergleich: der Gewinn beim hiesigen Leitindex Dax beträgt gerade mal ein Prozent. Der Index für den Rüstungssektor an der Börse von Philadelphia stieg am Donnerstag sogar auf ein Rekordhoch. Dabei wird diese Branche Ausgabenkürzungen deutlich zu spüren bekommen.

Auch das Vertrauen in die US-Währung scheint ungebrochen. Der Dollar hat seit Jänner zu einem Korb aus sechs Währungen 2,6 Prozent an Wert gewonnen. Und das trotz einer Geld druckenden Notenbank. Der schuldenkrisengeplagte Euro hat in dieser Zeit anderthalb Prozent zum Greenback verloren.

"Konjunkturell gesehen stehen die USA trotz der Ausgabenkürzungen besser da als Europa", sagt Währungsanalystin Thu Lan Nguyen von der Commerzbank in Frankfurt. Die jetzt drohende Etatkürzung sei zudem noch die leichteste von insgesamt drei Hürden, die die Vereinigten Staaten im Rahmen ihrer Haushalts- und Schuldendebatte noch zu nehmen haben.

Brenzlig könnte es schon Ende März werden, wenn die Regierung vom Kongress eine neue Erlaubnis zum Geldausgeben braucht. Bekommt sie die nicht, droht die Zahlungsunfähigkeit. Richtig kritisch könnten die Verhandlungen dann im Mai werden, denn dann müssen sich Demokraten und Republikaner auf eine neue Schuldenobergrenze einigen. Ansonsten dürfen sich die USA nirgends mehr Geld leihen.

So verfahren die Situation auch ist - die erbitterten Kämpfe zwischen Demokraten und Republikanern, Senat und Kongress um Ausgaben und Schulden haben fast schon Tradition. "In diesem gesamten Prozess setzt eine gewisse Müdigkeit ein", sagt Bond-Stratege Gregory Whiteley von Double Line Capital in Los Angeles. "Es ist ein bisschen so, als ob jeden Monat ein neues Schreckensszenario heraufbeschworen würde."

Auch Ökonomen nehmen es gelassen

Die Konjunktur in Deutschland und wohl auch in der Eurozone würde die drohenden Milliardenkürzungen im US-Haushalt nach Überzeugung führender Ökonomen verkraften. "Die Auswirkungen der US-Budgetkürzungen auf die deutsche Wirtschaft dürften kaum messbar sein", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer am Freitag in Frankfurt. "Die Frühindikatoren haben in Deutschland ohnehin nach oben gedreht und signalisieren, dass die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal wieder wachsen sollte." Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel hält auch die möglichen Auswirkungen auf den Euroraum für überschaubar.

"Wir sehen die absehbaren Entwicklungen in der US-Finanzpolitik gelassen", betonte DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Denn die US-Wirtschaft werde 2013 trotzdem um 2,0 Prozent wachsen. "Das heißt auch: für die deutschen Exporte wird das kaum fühlbar sein." Die USA seien zwar ein großer Handelspartner für Deutschland, der direkte Anteil der Exporte in die USA betrage aber nur etwa acht Prozent.

Auch Postbank-Chefvolkswirt Bargel hält die möglichen Auswirkungen auf den Euroraum und Deutschland für überschaubar: "Da von den Kürzungen in starkem Maße Bezieher niedriger Einkommen betroffen sind und diese eher nicht zu den Hauptkonsumenten deutscher Importprodukte zählen, sollte die Nachfrage nach deutschen Produkten auch aus diesem Grund kaum beeinträchtigt werden."

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