Libor-Skandal: EU droht mit Eingriffen in Bankensektor

Libor-Skandal: EU droht mit Eingriffen in Bankensektor

Der Libor-Skandal könnte weitreichende Folgen für den gesamten Bankensektor in der EU haben. EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia drohte mit eingreifenden Maßnahmen in den Bankensektor, sollte sich der Manipulationsverdacht bestätigen.

Die Untersuchungen konzentrierten sich auf ein mutmaßliches Kartell, das bei der Feststellung von Interbanken-Zinsen zusammengearbeitet habe, erklärte er in Lissabon. Sollte sich der Verdacht der Beeinflussung bestätigen, "werden wir die notwendigen Schritte unternehmen, um einen Kulturwechsel im Bankensektor anzutreiben", sagte Almunia. Die EU räume der Untersuchung eine hohe Priorität ein. Es gehe neben dem Libor auch um den Euribor und den Bankenzinssatz in Tokio.

Einer der Gründe sind weitere Enthüllungen: So haben die USA die Bank of England (BoE) anscheinend bereits vor vier Jahren zu Änderungen bei der Festsetzung des Londoner Interbanken-Zinssatzes Libor gedrängt. Die Zentralbank gab die Empfehlungen nach eigenen Angaben an den zuständigen Bankenverband BBA weiter. Dieser habe der britischen und amerikanischen Notenbank versichert, die Empfehlungen in Betracht zu ziehen und gegebenenfalls zu handeln, hieß es in einer Mitteilung der BoE. Die EU erhöhte den Druck auf die Banken und drohte mit Konsequenzen für die Branche.

Infos von Angestellten

Aus den Reuters vorliegenden Dokumenten der New Yorker Fed geht hervor, dass der damalige Regionalchef und heutige US-Finanzminister Timothy Geithner im Juni 2008 dem BoE-Chef Mervyn King in einer privaten E-Mail sechs Möglichkeiten nahelegte, um die Glaubwürdigkeit des Libor-Satzes zu stärken. Die New Yorker Fed erklärte, sie habe im April 2008 weitere US-Notenbanker und das Finanzministerium über die Möglichkeit von Zins-Manipulationen hingewiesen. Ein Barclays-Angestellter habe die Notenbank informiert, sein Arbeitgeber und möglicherweise auch andere Geldhäuser würden ihre Finanzierungskosten bewusst zu niedrig angeben. Wegen Zweifeln an ihrer Zahlungsfähigkeit hatten sich die Refinanzierungskosten für viele Banken während der Finanzkrise 2007 bis 2009 deutlich erhöht. Einige Banken könnten ein Interesse daran gehabt haben, dass die ansteigenden Kosten nicht publik gemacht werden - das hätte Zweifel an ihrem finanziellen Fundament geweckt.

Hohe Kosten

Analysten der US-Großbank Morgan Stanley schätzen, dass auf die in den Skandal verwickelten Institute bis 2014 Zahlungen von 14 Milliarden Dollar zukommen könnten. Einer ganzen Reihe von internationalen Großbanken - darunter auch JPMorgan, Deutsche Bank, Societe Generale und HSBC - wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Libor mit falschen Angaben zu ihren Gunsten manipuliert zu haben. Der Londoner Interbankenzins wird einmal täglich ermittelt und zeigt an, zu welchen Konditionen sich die Institute untereinander Geld leihen. Er basiert auf individuellen Angaben der Banken und dient als Referenz für Kredite an Unternehmen, Privatpersonen und weitere Finanztransaktionen in einem Volumen von 360 Billionen Dollar.

Die New Yorker Fed betonte, dass sie auf erste Zweifel an der Festsetzung des Interbanken-Zinssatzes vor vier Jahren sofort reagiert habe. In einem zweiseitigen Memo schlug Geithner dem BoE-Chef King unter anderem vor, so etwas wie Musterverfahren einzuführen, um den Libor festzusetzen, auch um unbeabsichtigte oder vorsätzliche Falschmeldungen zu vermeiden. Thomson Reuters berechnet und kalkuliert im Auftrag der BBA den Libor-Satz.

Fehlverhalten eingeräumt

Die BoE hat bereits Andeutungen des Ex-Chefs der britischen Bank Barclays, Bob Diamond, zurückgewiesen, dass sie auf dem Höhepunkt der Finanzkrise falsche Angaben zur Ermittlung des Libor-Satzes gutgeheißen habe. Barclays hatte als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt und wurde zu einer Strafe von einer halben Milliarde Dollar verdonnert. Diamond trat danach als Barclays-Chef zurück.

Der Libor ist zwar der weltweit bedeutendere Satz, in Europa jedoch spielt der Euribor für einige Produkte eine wichtigere Rolle. Die EU-Kommission hatte vergangenes Jahr Untersuchungen gegen zahlreiche europäische Großbanken wegen mutmaßlicher Manipulationen des Euribor eingeleitet.

Auch BaFin

Der Euribor steht auch im Fokus von Untersuchungen der deutschen Finanzaufsicht BaFin, die Regulierungskreisen zufolge mehrere hiesige Banken unter die Lupe nimmt. Laut Insidern gibt es keine konkreten Anhaltspunkte, dass deutsche Banken versucht haben, den Euribor zu manipulieren. Die Prüfung beziehe sich auf die Organisationsstrukturen der Häuser.

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