Libor-Skandal – "Das wird ein Fressrausch wie bei Haien"

Libor-Skandal – "Das wird ein Fressrausch wie bei Haien"

Den Banken der Wall Street, die derzeit bereits mit Untersuchungen der Aufsichtsbehörden und Klagen von Anlegern wegen Zinsmanipulationen kämpfen, droht der Kampf mit einem neuen furchterregenden Feind: Die Wall-Street- Banken selbst.

Goldman Sachs Group und Morgan Stanley gehören zu jenen Geldinstituten, die ihre größten Konkurrenten mit Klagen überziehen dürften, während Aufsichtsbehörden auf drei Kontinenten prüfen, welche Banken den Londoner Interbankenzinssatz Libor manipuliert haben, erwartet Analyst Bradley Hintz von Sanford C. Bernstein & Co. Selbst wenn Goldman und Morgan Stanley auf ihre Klagen verzichteten: Von ihnen betreute Geldmarktfonds müssen sich voraussichtlich um Entschädigungen für ihre geschädigten Kunden bemühen, sagt er. Goldman Sachs verwaltete Ende des ersten Halbjahrs in Geldmarktfonds 209 Mrd. Dollar, während Morgan Stanley laut Pflichtmitteilungen an die Behörden Ende März auf rund 75 Mrd. Dollar kam.

Da der Libor aufgrund von Angaben nur einiger der weltweit größten Banken ermittelt wird, könnten die Untersuchungen zu einer Konfrontation zwischen den unbeteiligten Instituten und jenen unter Manipulationsverdacht führen, sagte Hintz. Der Libor dient als Benchmark für mindestens 360 Billionen Dollar in Wertpapieren.

“Das wird ein Fressrausch wie bei Haien”, sagte Hintz, der zuvor als Finanzdirektor von Morgan Stanley und Finanzvorstand von Lehman Brothers Holdings Inc. gearbeitet hat. “Die Wall Street wird die Wall Street verklagen.”

Libor und vergleichbare Interbankenzinssätze werden aus einer täglichen Umfrage unter Banken gebildet. Die Teilnehmer werden dabei gefragt, wie viel es in verschiedenen Währungen kosten würde, wenn sie sich für 15 verschiedene Laufzeiten untereinander Geld liehen. Nachdem extreme Ausreißer ausgeschlossen worden sind, wird der Durchschnitt gebildet und die Zahlen veröffentlicht.

Die Aufsichtsbehörden prüfen nun, ob während der Kreditkrise Banken bei ihren Angaben untertrieben haben oder ob Händler den Libor manipulierten um Gewinne zu erzielen. Wie eine mit dem Vorgang vertraute Person sagte, wird gegenwärtig untersucht, ob Händler von Deutsche Bank , HSBC, Société Générale und Crédit Agricole Verbindungen zu einem ehemaligen Mitarbeiter von Barclays hatten.

Barclays muss bereits blechen

Für eine Bank wurde der Skandal bereits teuer: Die gemessen an der Bilanzsumme zweitgrößte britische Bank Barclays Plc musste Ende Juni im Rahmen eines Vergleichs eine Geldstrafe von 290 Mill. Pfund zahlen. Inzwischen wird gegen ein weiteres Dutzend Banken ermittelt, darunter Citigroup, Royal Bank of Scotland, UBS , Credit Suisse Group und Lloyds Banking.

Goldman und Morgan Stanley gehören nicht zu den Banken, die an der Libor-Umfrage teilnahmen. Hintz fragte bei einer Telefonkonferenz Mitte Juni Goldman-Sachs-Finanzvorstand David Viniar, ob sich seine Bank als “geschädigter Marktteilnehmer” ansähe, falls die Konkurrenten den Zinssatz beeinflusst hätten. “Wir werden uns das eine Weile anschauen”, antwortete Viniar, 56. “Sagen wir mal, wir sind kein Lieferant von Libor-Daten und dabei wollen wir es belassen.”

Banken außerhalb des illustren Kreises der Libor-Zulieferer könnten Sammelklagen betrogener Firmen beitreten, sagt Hintz. Wahrscheinlich jedoch würden sie nicht als Hauptkläger auftreten und sich möglicherweise eher außergerichtlich einigen um so die freundlichen Beziehungen zu bewahren, erwartet er.

Banken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley würden es vorziehen, sich unauffällig außergerichtlich zu einigen und auf Klagen zu verzichten, solange nicht weitere Geldinstitute ebenso wie Barclays bestraft würden, sagt James Cox, Professor für Wertpapierrecht an der Duke University in Durham im Bundesstaat North Carolina. Eine Reihe von erfolgreich abgeschlossenen Ermittlungen der Aufsichtsbehörden würde es den Unternehmen, die nicht zur Libor-Festsetzung beitragen, leichter machen, ihre Klagen durchzubringen, und gleichzeitig die möglichen Schadenszahlungen nach oben treiben, erläutert er. “Bis es soweit ist, bereitet sich jeder auf den Krieg vor.”

Einfach wird eine solche Klage sicher nicht. Klägern stehe ein schwieriger Weg bevor, weil sie zum Beispiel nachweisen müssen, wie viel sie eingebüßt haben, sagte Roy Smith, Professor für Betriebswirtschaft an der Universität New York. Dem ehemaligen Partner bei Goldman Sachs zufolge werden bei den Libor-Umfragen die höchsten und niedrigsten Angaben entfernt. Es sei deshalb schwierig festzustellen, welches Geldhaus für die Beeinflussung des Endergebnisses verantwortlich sei. Zudem dürften die Regulierungsbehörden von den Vorgängen gewusst haben und sie trotzdem nicht gestoppt haben. Damit würde ein Verfahren deutlich komplizierter, sagte Smith. In Großbritannien haben Abgeordnete bereits den britischen Notenbankchef Mervyn King und seinen Stellvertreter Paul Tucker zu ihrer Rolle in dem Skandal befragt.

Laut in der vergangenen Woche veröffentlichter Dokumente der New Yorker Fed wusste die Notenbank, dass Barclays zu niedrige Werte angab, und empfahl deshalb Änderungen bei der Libor-Festsetzung. “Es macht es sogar noch komplizierter wenn es so scheint, als ob die Aufsichtsbehörden informiert gewesen seien und nichts unternommen haben. Das bedeutet, dass es nicht illegal war”, sagte Smith. “Alles was ich sagen kann ist ’Viel Glück beim Verklagen’.”

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