Großbanken helfen Kunden beim Verstecken von Derivate-Risiken

Großbanken helfen Kunden beim Verstecken von Derivate-Risiken

Im kommenden Jahr treten Regeln in Kraft, die Derivatehändler zwingen, ihre Wetten zum größten Teil mit Sicherheiten hoher Qualität abzudecken. Das Problem: Es zeichnet sich ein Mangel an erforderlichen Sicherheiten ab. Einige Großbanken haben eine Lösung des Problems gefunden. Die Zauberformel lautet: Sicherheiten-Transformation.

Die Maßnahmen im Derivatemarkt mit einem Volumen von 648 Billionen Dollar sollen mit dazu beitragen, dass das weltweite Finanzsystem nicht ein weiteres Mal an den Rand des Zusammenbruchs gerät. Gleichzeitig zeichnet sich aber ein Mangel an US-Staatsanleihen ab, da die Banken die Treasuries für den Aufbau ihrer Bilanzen einsetzen und Investoren auf der Suche der Sicherheit zu den US-Staatspapieren greifen. Die umlaufenden Treasuries kommen auf 10,8 Billionen Dollar.

Eine Reihe von Großbanken, darunter JPMorgan Chase, Bank of America und die Deutsche Bank, helfen nun ihren Kunden über Transformationsprozesse dabei, zusätzlich bis zu 2,6 Billionen Dollar an Sicherheiten zu beschaffen. Das führt zu Besorgnis, dass damit die Risiken eher versteckt als vermieden werden.

Zu den Banken, die diesen neuen Geschäftszweig aufbauen, gehören darüber hinaus Bank of New York Mellon, Barclays, Goldman Sachs und State Street Corp., wie Bloomberg von informierten Personen erfuhr. Manager von Bank of New York und Deutscher Bank bestätigten, dass ihre Häuser an der Transformation von Sicherheiten arbeiten.

"Eigenes Interesse im Auge"

“Die Händler haben ihr eigenes Interesse im Auge, sie achten nicht unbedingt auf die systemischen Risiken, die damit verbunden sind”, warnt Darrell Duffie, Professor für Finanzwissenschaften an der Stanford University. “Die Aufsichtsbehörden, werden wohl dann aufmerksam werden, wenn die Praktiken einen erheblichen Umfang erreicht haben”, fügt er an.

Die Nachfrage nach Sicherheiten könnte den Provisions-Generator der Wall Street wieder auf Touren bringen, nachdem die Gewinne infolge der stärkeren Regulierung sinken. Das geht aus einem Bericht der Consulting-Firma Oliver Wyman hervor. JPMorgan und Bank of America, die mit einem gemeinsamen Volumen von 140 Billionen Dollar das größte Derivate-Geschäft unter den US-Banken-Holdinggesellschaften haben, vermarkten nach Angaben von informierten Personen die neue Sicherheiten-Transformation bereits.

Der Transformationsprozess ermöglicht es Investoren, die nicht über Wertpapiere verfügen, die den Anforderungen der Clearinghäuser genügen, beispielsweise Unternehmensanleihen oder Hypothekenanleihen ohne staatliche Garantie bei einer Bank als Sicherheit zu hinterlegen und dafür Treasuries zu leihen. Diese Treasuries werden sodann beim Clearing-Haus als Sicherheit eingereicht. Die Bank verdient eine Provision sowie Zinsen, zudem ist der Investor verpflichtet, die Treasuries zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zurückzugeben. Er mietet die Sicherheiten sozusagen. Das Verfahren ähnelt dem bestehenden Repo-Markt im Volumen von 5,5 Billionen Dollar.

"Weitere operative Risiken"

Banken könnten in die Enge geraten, wenn sie selbst die Treasuries geliehen haben, die sie als Sicherheit weiter verleihen und der ursprüngliche Verleiher die Papiere plötzlich zurückfordert, sagt Duffie. “Wir türmen nur weiter operative Risiken auf, wenn wir eine Form von Sicherheiten in eine andere umwandeln”, warnt Richie Prager, weltweiter Leiter des Handels beim weltgrößten Vermögensverwalter BlackRock in New York.

Die Banken als Sicherheiten-Verleiher können auch in Bedrängnis geraten, wenn ein Händler zahlungsunfähig wird und die Sicherheiten verwertet werden. In dem Fall verliert die Bank ihre Treasuries und bleibt mit den bonitätsschwächeren Anleihen, die der Händler für den Transformationsprozess eingereicht hatte, zurück.

Die neuen Regeln gehen auf das Dodd-Frank-Gesetz zurück, das als Konsequenz aus der Finanzkrise von 2008 zur Reform des US-Finanzmarktes eingeführt wurde. Ein Grund für den Beinahe- Zusammenbruch des Finanzsystems war, das Derivate-Kontrakte nicht mit ausreichenden Sicherheiten unterlegt waren. Daraufhin verlangte der US-Kongress, dass die zu 90 Prozent privat ausgehandelten Over-the-Counter Derivate-Geschäfte über Clearing-Häuser abgewickelt werden müssen. Börsenbetreibern wie CME in Chicago oder LCH.Clearnet in London stellen solche Häuser auf die Beine. Sie sorgen dafür, dass Händler Sicherheiten hinterlegen, die im Falle einer Zahlungsunfähigkeit einbehalten und problemlos zu Geld gemacht werden können.

Die Schätzungen, wie hoch das Volumen der zusätzlich erforderlichen Sicherheiten sein wird, gehen allerdings weit auseinander. Von Bloomberg zusammengestellte Daten ergeben eine Bandbreite von 500 Mrd. Dollar bis zu 2,6 Billionen Dollar.

Die Clearing-Häuser setzten ihre Sicherheiten-Anforderungen unterdessen herunter. CME erklärte im März, sie werde von jedem Mitglied bis zu 3 Mrd. Dollar in Unternehmensanleihen akzeptieren, zuvor lag die Obergrenze bei 300 Mio. Dollar. Die Papiere müssen ein Rating von mindestens “A-” tragen, das liegt vier Stufen über “Ramsch”. LCH.Clearnet kündigte im April an, sie werde Hypothekenanleihen akzeptieren, die von Ginnie Mae garantiert sind, die ihrerseits durch den US-Staat abgesichert ist.

Knappheit an hochwertigen Bonds ist ein eigenes Risiko

Die potenzielle Knappheit an qualitativ hochwertigen Bonds, die als Sicherheit verwendet werden können, wird ein eigenes Risiko, wie der IWF in seinem April-Bericht schrieb. Investoren, die nicht in der Lage seien, die Treasuries zu bekommen, die sie benötigen, würden Vermögenswerte einsetzen, die höhere Risiken beinhalten. “Ein Mangel an sicheren Vermögenswerten könnte zu kurzfristigen Volatilitätssprüngen, einer Herdenmentalität und einem Ansturm auf Staatsanleihen führen, hieß es im IWF-Bericht.

Das neue Leih-Geschäft der Banken “riecht nach Ärger”, sagt Anat Admati, Professor für Volkswirtschaft und Finanzwesen an der Stanford-Universität. Bei den Derivategeschäften sei eingegriffen worden, weil sie “viele Risiken verbergen” können. “Jetzt sind sie dabei das Risiko nur zu verlagern.”

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