"Global agierende Unternehmen brauchen global agierende Banken"

"Global agierende Unternehmen brauchen global agierende Banken"

FORMAT: Herr Wöhrmann, die Notenbanken setzen nach wie vor auf eine ultralockere Geldpolitik. Ergibt das noch Sinn? Wen interessiert es, ob ein Leitzins bei 0,5 oder 0,25 Prozent liegt?

Asoka Wöhrmann: Für das System selbst war der Schritt natürlich irrelevant. Aber wir haben hier erneut den brillanten Marktpsychologen Mario Draghi (Anm.: Präsident der Europäischen Zentralbank) erlebt. Marktteilnehmer hatten begonnen, auf steigende Zinsen zu setzen. Dadurch wurde sein Bekenntnis, alles zu tun, um Markt und Eurozone stabil zu halten, de facto in Frage gestellt. Das hätte zu neuen Marktunsicherheiten geführt - mit allen Konsequenzen, auch für die Refinanzierung von Euro-Staaten. Mit der Zinssenkung hat er den Märkten aber klar zugerufen: "Hört auf meine Worte.“ Er hat damit in Erinnerung gerufen, dass er es nach wie vor ernst meint und Wetten gegen die EZB sinnlos ist.

Kann diese Geldpolitik nicht zu weiteren Verwerfungen führen?

Wöhrmann: Die EZB ist nach wie vor die einzige europäische Institution, die wirklich funktioniert. Sie hat das System vor dem Kollaps gerettet. Und das vor allem mit Schritten, die dazu geführt haben, dass die Banken am Höhepunkt der Krise noch über Liquidität verfügt haben. Also direkte Eingriffe in den Anleihenmarkt und die Bereitstellung von Krediten für den Finanzsektor.

Die Banken haben die Krise aber mit ausgelöst. Sollte man ein solches System weiter stützen?

Wöhrmann: Dass die Bankenunion, dass die Bankenaufsicht, dass ein Bankenstress-Test durch die EZB kommen, all das sind Konsequenzen aus der Krise. Deshalb ist es auch gut, dass diese Kontroll- und Regulierungsmechanismen umgesetzt werden. Man darf es nur nicht auf eine Weise übertreiben, dass die neuen Rahmenbedingungen und zu strenge Eigenkapitalvorschriften wettbewerbsverzerrend werden.

In Kerneuropa ist die Meinung zur Bankenunion nicht unbedingt von Euphorie getragen.

Wöhrmann: Das gehört zu den üblichen Scheingefechten zwischen Kern- und Peripheriezone. Aber welche Alternativen gibt es kurzfristig? Ein Land wie Spanien kann seine Banken nicht alleine auffangen. Es braucht für den Ernstfall eine gesamteuropäische Lösung. Es käme ja auch niemand auf die Idee, den Staat New York alleine für die großen Investmentbanken der USA haften zu lassen.

Die "Too-Big-To-Fail“-Problematik ließe sich aber auch durch eine Schrumpfung oder Zerschlagung großer Banken realisieren.

Wöhrmann: Nein. Im Gegenteil. Global agierende Unternehmen brauchen global agierende Banken. Denken Sie an die eine oder andere Landesbank in Deutschland. Es waren eher regionale Banken, die die Risiken nicht beherrscht haben.

Das Hauptproblem war, dass diese Banken politische Interessen erfüllen mussten.

Wöhrmann: Exakt! Das geht mit einer großen Bank nicht ganz so leicht. Aber das ist nicht der einzige Grund, aus dem ich mir eine höhere Zahl an soliden Instituten wünschen würde.

Sie würden sich also mehr Konkurrenz wünschen, um dann ein besseres Standing gegenüber der Politik zu haben?

Wöhrmann: Nicht nur das. Wenn man Richtung USA oder dieser Tage nach China blickt, sieht man rasch, mit welch großen Instituten man es zu tun hat. Es wäre auch für Europa wichtig, dem etwas entgegensetzen zu können. Schon aus Gründen des Wettbewerbs.

Die Europeripherie ist ja auch wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit in Schieflage geraten. An einem Ende der Skala plant Irland, den Rettungsschirm zu verlassen. Auf der anderen Seite wurde Griechenland zu einem Emerging Market erklärt. Wo befindet sich zwischen diesen beiden Extremen die Wahrheit?

Wöhrmann: Optimistisch bin ich auf jeden Fall, was Spanien betrifft. Es ist zwar noch ein harter Weg, aber ich glaube, dass das Land in den kommenden Jahren eine ähnliche Entwicklung zeigen wird, wie Deutschland mit der Agenda 2010 unter ihrem damaligen Kanzler Gerhard Schröder. Spanien hat deutliche Fortschritte bei der Reform des Arbeitsmarktes gemacht, Fertigungen werden bereits von Deutschland nach Spanien verlegt, weil dort die Lohnkosten niedriger sind.

Auf der anderen Seite wird jetzt auch von Seiten der EU der Vorwurf laut, Deutschland würde mit seiner Exportpolitik die konjunkturelle Erholung in Europa bedrohen. Sogar ein Verfahren steht im Raum.

Wöhrmann: Wenn das ernst gemeint ist, ist das grober Unfug. Soll man dem Unternehmer sagen, er soll weniger erfolgreich, weniger innovativ, weniger produktiv sein?

Sie glauben nicht, dass die Vorwürfe ernst gemeint sind?

Wöhrmann: Ich halte das für eines der bereits erwähnten Geplänkel zwischen Kern- und Peripheriestaaten. Denn die Kommission weiß natürlich genau, dass Deutschland mit seinem Erfolg zur wirtschaftlichen Erholung in Europa beiträgt. Erst so werden schließlich die Transferzahlungen in die Krisenländer möglich.

Die Politik treibt also ein böses Spiel?

Wöhrmann: Nein, das sind nur die politischen Regeln, die es zu verstehen gilt. Politik ist ein schwieriges Geschäft. Alle paar Jahre wird gewählt, in dieser Zeit versucht man das Machbare zu erreichen und muss komplizierte Sachverhalte erklären und umsetzen.

Wie geht es vor diesem Hintergrund an den Märkten weiter? Zeit, Kasse zu machen?

Wöhrmann: Nein, wie gesagt, Draghi bleibt seiner Linie treu. Auch Janet Yellen, Präsidentin der US-Notenbank hat zuletzt eine Fortführung der unorthodoxen Geldpolitik angedeutet. Die Finanzrepression mit niedrigen Zinsen und erhöhter Liquidität bleibt also erhalten und das spricht nicht per se für Anleihen.

Also weiter Aktien?

Wöhrmann: An Aktien führt auch im Jahr 2014 kein Weg vorbei. So rauschend wie die letzten beiden Jahre wird das kommende Jahr zwar nicht, aber es sollte sich solide entwickeln. Europäische Indizes sollten zwischen acht und 15 Prozent zulegen, die USA ein Jahresplus von acht bis zehn Prozent schaffen. Insgesamt wird es wahrscheinlich volatiler, die Nerven der Anleger können durchaus auf die Probe gestellt werden.

Was bedeutet das für den Euro?

Wöhrmann: Der wird durch die aktuelle Geldpolitik wohl weiter unter Druck stehen. Meine Daumenregel lautet: Wenn der Euro gegen den Dollar zwischen 1,35 und 1,40 steht, Dollar kaufen, Euro verkaufen.

Zur Person: Asoka Wöhrman ist globaler Chefanlagestratege (CIO) und Co-Vorstand der Deutschen Asset & Wealth Management. Die Deutsche-Bank-Tochter, die bis vor kurzem unter dem Namen DWS firmierte, verwaltet Vermögenswerte von 946 Milliarden Euro. Entsprechendes Gewicht hat seine Meinung im europäischen Finanzmarkt. Wöhrmann gilt als Freund deutlicher Worte, hält nichts von Politiker-Bashing und hegt einen gesunden Respekt vor den marktpsychologischen Fähigkeiten von EZB-Chef Mario Draghi. Bankenzerschlagungen in Europa hält er für bedenklich und er befürwortet eine stärkere EU-Intergration

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