Fünf Szenarien für die Zukunft der globalen Finanzmärkte

Kaum ein anderes Thema ist unter Ökonomen derzeit ähnlich heiß umstritten wie die Zukunft der Finanzmärkte. Um etwas Klarheit in den Dschungel der Prognosen zu bringen, hat die deutsche Zukunfts-Denkfabrik "Scenario Management International“ (ScMI) im Auftrag der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste fünf "in sich konsistente und unterschiedliche“ Szenarien entwickelt.

Fünf Szenarien für die Zukunft der globalen Finanzmärkte

Diese Projektionen basieren auf der Analyse von etwa 100 Einflussfaktoren - von der Bevölkerungsentwicklung über die Rohstoffverteilung bis zu verschiedenen Optionen politischer Großwetterlagen - und deren Verdichtung auf 22 Kernbereiche. Fazit: In allen Fällen ist Schluss mit lustig.

1. Der Planet der Konzerne

Im ersten Szenario haben die Kräfte der Politik im Kampf gegen die Mächte der Märkte den Kürzeren gezogen. Deregulierte Märkte sind das bestimmende Merkmal einer globalen und zyklisch wachsenden Weltwirtschaft. "Davon profitieren vor allem die Industriestaaten, die als Geberländer die internationalen Finanz- und Wirtschaftsorganisationen dominieren“, so der Consulter "Scenario Management International“ (ScMI). "Kurzfristiges Gewinnstreben und zunehmender Individualismus fördern Instabilitäten in der Real- und Finanzwirtschaft, die jedoch weithin akzeptiert werden, da sie insgesamt zu einem materiellen Wohlstandszuwachs führen.“

2. Das neue Kastensystem

Im zweiten Szenario kommt es durch die Eskalation des Standortwettbewerbs der Regionen zu einer Spaltung der Industriegesellschaften. Mit der weiteren Deregulierung stellt sich kein Gleichgewicht ein, die Verheißungen der freien Märkte haben sich für die meisten Menschen nicht erfüllt. Viele Staaten entwickeln unter dem Druck zunehmender Arbeitslosigkeit und gesellschaftlicher Konflikte neue Formen der Abschottung - vor allem gegen konkurrierende Wirtschafts- und Währungsblöcke. Die Dynamik der Weltwirtschaft wird so gebremst. ScMI: "Es entsteht eine Drei-Klassen-Gesellschaft aus Kapitalbesitzern, Arbeitsbesitzern und Arbeitslosen.“

3. Parallele Welten

Die fortschreitende Deregulierung der Finanzmärkte mündet in einer vollends chaotischen und instabilen Weltwirtschaftslage. Nationale politische Entscheidungsstrukturen verkrusten immer mehr und sind nur noch in der brutalen Matrix des Standortwettbewerbs gefangen. Parallel dazu bilden sich auf globaler wie auch regionaler Ebene zivilgesellschaftlich geprägte Strukturen heraus. Das bürgerliche Engagement steigt stark an, kritische Konsumenten treiben tendenziell instabile Unternehmen und Märkte vor sich her. Gleichzeitig verzeichnen Entwicklungsländer ein überproportionales Wachstum, was zu weiterem globalem Wohlstandsausgleich führt.

4. Triumph der Etatisten

In diesem Szenario sind die Waren- und Finanzmärkte durch "partnerschaftlich orientierte Intergovernmental Organisations“ (ScMI) derart reguliert, "dass Industrie- und Entwicklungsländer gleichmäßig am Wachstum teilhaben“. Je nach Ausprägung dieser Regulierungen gleicht sich deren Wohlstandsniveau sukzessive an. Der Weg dorthin ist zwar weiter von Instabilitäten sowie Finanz- und Bankenkrisen geprägt. Am Ende aber stehen solide Banken, langfristige Unternehmensstrategien und gesellschaftliche Verantwortungsprinzipien. Technischer Fortschritt wird anhand von Arbeits- und Ressourcenproduktivität gemessen und weniger an Kapitalrendite.

5. Ära der "Slowbalisation“

Im Zentrum dieses Szenarios steht eine Entglobalisierung. Der Trend zur Re-Regulierung führt zur Verlangsamung der Weltwirtschaft und einer neuen Arbeitskultur. Durch Maßnahmen auf globaler Ebene wird die Kapitalmobilität derart eingeschränkt, dass sich in verschiedenen Regionen nahezu abgeschottete Wirtschaftsblöcke mit abgestimmtem Währungssystem bilden. Verbunden mit dieser Entschleunigung ist die "Wiederentdeckung der Arbeit“ (ScMI). Die Politik erlebt eine Renaissance und bestimmt wesentliche Teile des öffentlichen Lebens - etwa durch alternative Arbeitsmärkte oder dirigistische Eingriffe mit dem Ziel hoher Umweltqualität.