Euro-Kollaps: US-Finanzindustrie probt den Worst Case

Euro-Kollaps: US-Finanzindustrie probt den Worst Case

Es ist neun Uhr morgens an einem Freitag im Juni. In einem Konferenzraum am Hauptsitz des Vermögensverwalters Legg Mason in Baltimore beginnt ein fiktives Szenario. Griechenland hat die Eurozone verlassen, und die Finanzwelt hat das in Aufruhr versetzt.

Per Videoscreen zugeschaltet zur Runde am Konferenztisch sind Mitarbeiter aus den Büros in London und New York. Die 15 Teammitglieder haben sich acht Stunden gegeben, bevor in ihrem Zeitplan die Finanzmärkte in Asien den Handel eröffnen. Die Runde wird in den nächsten Stunden Antworten auf unterschiedliche Fragen suchen - über die Sicherheit ihrer Investments, ob Handelsaufträge überhaupt ausführbar sein werden und wie die Mitarbeiter in den europäischen Niederlassungen ihre Gehälter erhalten.

Vermögensverwalter in den USA wie Legg Mason, State Street oder Vanguard Group geht es bei solchen Trockenübungen vor allem darum, ähnliche Entwicklungen wie nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers Holdings Inc. im Jahr 2008 zu vermeiden. Damals froren die Finanzmärkte rasch zu, es entstand eine Kreditklemme und es folgten Rezession und eine schwere Finanzkrise.

Erstes Fazit: Aus der Lehman-Pleite sind bei den Finanzmarktakteuren erste Lehren gezogen worden. Die Unternehmen bereiten sich mit solchen Szenarien gezielt gegen den schlimmsten Fall einer Eskalation der Staatsschuldenkrise in Europa vor. Es sind Spezialteams gebildet worden und technische Systeme wurden auf die Effekte einer kollabierenden Weltwährung vorbereitet.

Krisenfall etwas Unwahrscheinlicher

Der Krisenfall ist allerdings nach der Neuwahl in Griechenland am Sonntag zunächst etwas unwahrscheinlicher geworden. Die Sparkursbefürworter haben bei dem Votum ausreichend Wählerstimmen erhalten und können voraussichtlich eine neue Regierung in Athen bilden. Das ist eine der Voraussetzungen, dass das Land weiterhin Hilfen unter den Rettungsschirm der EU und des IWF erhält, seine Verbindlichkeiten erfüllen kann und so die gefürchtete Zahlungsunfähigkeit abwendet.

“Unser Ziel ist es, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Was tatsächlich passieren würde, das können wir natürlich nicht vorhersagen”, erklärt Risikomanager Joe Carrier von Legg Mason, “wir möchten aber die Instrumente für eine Reaktion zur Verfügung haben. Nach Lehman ist uns klar geworden, dass selbst unvorstellbare Entwicklungen durchaus eintreten können”.

Ähnlich wie Legg Mason hat die Fondsgesellschaft State Street in Boston zwei Gremien ins Leben gerufen, die das Unternehmen auf die Folgen einer sich potenziell verschärfenden Staatsschuldenkrise in Europa vorbereiten sollen, wie der Chef der Planungsstrategie, John L. Klinck, sagt. Die zentrale Bedeutung komme dem Risikomanagement zu. Hier würden makroökonomische Entwicklungen ebenso einbezogen wie branchenspezifische Effekte verschiedener Krisenszenarien. “Wir haben aus der Lage im Jahre 2008 viel gelernt, insbesondere was das Risiko bei unseren Partnern angeht und die zentrale Bedeutung von Sicherheiten”, sagt Klinck.

Ein zweites Krisenteam beschäftigt sich ihm zufolge insbesondere mit den technischen Fragen. Sollten ein oder mehrere Länder den Euro verlassen, könne eine Währungsänderung verschiedener Anlagen anstehen, und zwar für den Fall, dass wieder nationale Währungen eingeführt würden. Klinck verglich die Vorgänge im IT-Bereich mit der Lage vor dem Jahrtausendwechsel zum Jahresende 1999. Seinerzeit wurden Computerprogramme wegen möglicher Folgen gezielt auf diese Datumsänderung vorbereitet.

Laut Nancy Prior von Fidelity Investments in Boston hat das Unternehmen neben internen Gesprächen zum Thema auch bereits mit größeren Kunden gesprochen. Fidelity habe auch einen Text mit Hinweisen für den Fall vorbereitet, dass der Krisenfall eintrete. Dieser werde bei Bedarf auf der Website publiziert.

Prior vergleicht die Lage mit dem Ringen um die Ausweitung der Schuldenobergrenze in den USA im letzten Sommer. Dabei seien mit frühzeitigen Warnungen an die Kunden gute Erfahrungen gemacht worden, sagt sie.

Fidelity und andere Vermögensverwalter in den USA haben bei den in ihren Geldmarktfonds gehaltenen Anlagen im Mai besonders risikoreiche eingestufte Bankenanleihen aus Europa im Umfang von
8,3 Mrd. Dollar abgestoßen. Das ist aber nicht zwangsläufig die Regel bei allen Finanzunternehmen. So hat die Carlyle Group ihre Beteiligungen in Europa in den letzten acht Monaten restrukturiert, wie COO Glenn Youngkin kürzlich sagte. “Wir haben Refinanzierungen innerhalb der zurückliegenden sechs bis acht Monate vorgenommen, was oft sehr schwierig war, und wollen unser Portfolio damit auch auf einen verlängerten Abwärtstrend vorbereiten”, sagte er. Am 12. Juni auf einer Konferenz in New York. Carlyle verwaltet mehrere Portfolios mit einem Anlageschwerpunkt in Europa.

Der Verwalter des weltweit größten Rentenfonds, Pacific Investment Management Co. (Pimco) aus dem kalifornischen Newport Beach, hat für seinen Pimco Total Return Fund nach eigenen Angaben Stresstests durchgeführt und dabei verschiedenen Szenarien zugrunde gelegt, wie der Europa-Chef Andrew Balls in London sagte. “Auch wenn das Schlimmste nicht eintreten sollte”, sagte Balls, “so sollte man doch für den Fall vorbereitet sein. Wir wollen nicht als letzte reagieren müssen, sondern lieber als erste”.

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